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Periodical volume 13. Dezember 1890, No. 11

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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dem dann meistens eine militärische Stellung verbunden ist, 
indem sie eine Kompagnie oder mehr führen. Die Hofdamen 
pflegen sich mit einem der Hofkavaliere zu verheiraten, welcher 
dann immer ein Amt erhält. Außer der erwähnten Tafel giebt 
es noch die Marschallstafel, die Damentafel, die der Kavaliere 
und andere, welche alle sehr gut eingerichtet sind und gleich 
zeitig bedient werden. Die Marschallstafel dient für zehn 
Personen mit drei großen und vier kleinen Schüsseln und vier 
Tellern. Man wechselt zweimal, und dann kommt das „Dessert". 
Hat ein fremder Kavalier Audienz beim Klirfürsten gehabt, was 
immer kurz vor Mittag zu geschehen pflegt, so wird er ver 
anlaßt, dort zu bleiben. Der Marschall benachrichtigt ihn nach 
Beendigung der Audienz davon, sowie von dem Platz, welchen 
er einnehmen soll. 
Außer den ersten Kavalieren des Hofes begegnete ich an 
der Tafel des Kurfürsten oder der Knrfttrstin einem Landgrafen 
von Hessen-Homburg, welcher den Titel Hoheit führt. Als 
Brandenburgischer General siegte er bei Warschau über die 
Schweden, obwohl jene 60000 Mann stark waren, während 
die Brandenburger zusammen mit den Polen nur 30000 
zählten. Dort verlor er auch ein Bein durch eine Kanonen 
kugel. Ich sah dort auch inehrere male den Staatsrat Fran- 
heim*), einen Edelmann von großer Tüchtigkeit und Liebens 
würdigkeit, welcher zu derselben Zeit in Malta war, als ich 
mit dem Landvogt Grafen Thun dort reiste, ferner den Baron 
Hartich, den Bruder der Gräfin Schlegenberg aus Schlesien, 
ein Liebling der Kurfürstin, weil er sich mit Musik beschäftigt 
und ausgezeichnet Klavier spielt. Außerdem traf ich dort mit 
ihrem Gemahl die Fürstin Hohenzollern aus dem Hause Zinzen- 
dorf in Schlesien, Tochter des Grafen Robottin. Diese Fürstlich 
keiten sind katholisch und ihre Staaten sind in Schwaben zwej 
Tagereisen von Augsburg belegen. Weder der Kurfürst noch 
die Kurfürstin gaben ihnen jemals die Hand, obwohl sie ihnen 
mit denkbarster Höflichkeit begegneten. Das Regiment des 
Fürsten stand am Rhein und wurde von ihm selber kommandiert. 
Er hat einige Söhne und ist sehr ungezwungen und höflich, 
ist auch in Italien gewesen, wo er längere Zeit in Florenz 
gelebt hat. Sein Haushofmeister war ein Florentiner Kavalier 
Matthias Medici. Zn der Tafel der Kurfürstin, während nur 
die erwähnte Prinzessin anwesend war, kam unerwartet der 
Markgraf Christian Ludwig, welcher im Begriff war, zu seinem 
Regiment nach Flaiidern zu gehen. Mit diesem liebenswürdigen 
Fürsten konnte ich mich mehrere male unterhalten, aber die 
anderen jüngeren Prinzen konnte ich nicht sehen, denn sie waren 
außerhalb Berlins, weil der Fürst von Hohenzollern den Vor 
tritt vor ihnen beanspruchte. Der Markgraf Christian Ludwig 
fand sich auch nur ein, weil der Fürst von Hohenzollern an 
jenem Abend beim Kurfürsten war. In Deutschland pflegen 
die jüngeren Prinzen mit ihren Regimentern in den Krieg zu 
ziehen und die ganze Stufenleiter durchzumachen, bis sie die 
höheren Grade erreichen. Die brandenburgischen Soldaten sind 
alle schöne Leute, tapfer, munter, gut gekleidet und bewaffnet. 
Während der Mittags- oder Abend-Tafel führt man zuweilen 
beim Kurfürsten Symphonien auf, und es wird gesungen, zu- 
iveilen auch in deutscher Sprache. Der Kurfürst pflegt bald 
in das eine, bald in das andere Lustschloß zu reisen, und stets 
folgen ihm seine Garden, sein Hofstaat und die Tafel, indem 
*) Wahrscheinlich ist Ezechiel Spanheim gemeint. 
alles Zubehör in großen Wagen mitgenommen wird. Hierauf 
legt der Kurfürst großes Gewicht, um die großartige Pracht in 
guter Ordnung zu zeigen. Ferner bestreitet er die Kosten der 
Tafel für den ganze» Hof, nicht nur iir Berlin, sondern auch 
außerhalb; die niedere Dienerschaft erhält dagegen Kostgelder. 
Man sagte mir, daß täglich 72 Tafeln (Couverts?) hergerichtet 
würden. 
Sobald der Hof sich auf einem Lustschloß befindet, sind 
alle gleich dem Kurfürsten grün gekleidet, d. h. im Jagdkostüm. 
(Schluß folgt.) 
Morkusko. 
Ein romantischer Sang vom Spreewald. 
Non Ewald MüUor. 
IV. Gesang. 
In der fernen, neu erlösten Heimat 
Schaut der Jüngling täglich neue Wunder. 
Jeden Tag entdeckt sein staunend Auge 
In den überreichen Prachtgemächern 
Neue Schätze, fremde Wunderdinge. 
Ob er gleich gewöhnt an Pracht und Reichtum, 
Solche Fülle Goldes sah er nimmer. 
Fast geheimes Graun will ihn beschleichen, 
Lauscht er all der märchenhaften Kunde 
Des erfahrnen, treuen Führers Noßmij, 
Der die Burg den Neuling kennen lehrte. 
Oft geblendet von dem Glanz des Goldes, 
Steht Morkusko lauschend, tranmversunkeit; 
Tiefer drückt ihn dann die eigne Armut. 
Doch unsäglich reich dünkt er sich wieder 
Im Besitz des goldnen Liederhortes, 
Der in seiner Seele Tiefen schlummert, 
Und den nimmer er ja tauschen möchte 
Selbst um alle Kostbarkeit des Schlosses. 
Was auch je die Brust ihm mag durchbeben. 
Liedgeworden lebt es auf im Sange 
Oder tönt im Saitenklang der Laute, 
Mag er einsam in dem Burggemache, 
Auf den Wellen und im Walde weilen 
Oder vor dem Wendenfürsten stehen, 
Seiner Brust Dämonen fortzubannen. 
Mehr als die Natur und der Gebieter 
Weiß der süßen Lieder Hort zu heben 
Nur ein Sonnenblick, der aus Trudeskas 
Augenhimmel in das Herz ihm tauchte; 
Und dann strömt mit ungestümem Drange 
Seiner Lieder Segen von den Lippen, 
Und die Hand entlockt der Laute Klänge, 
Die noch ungeahnt darinnen schliefen. 
Tag um Tag zur gleichgewohnten Stunde 
Pflegt der Spielmann seiner edlen Tonkunst. 
Auch zuweilen im bekränzten Nachen, 
Auf dem Pfühl des Bärenpelzes ruhend. 
Läßt er Sang und Spiel vor ihr erschallen. 
Doch wenn er Trudeska sonst nicht schaute 
Oder im Geleite nicht ihr folgte. 
Wenn sie hold auf schwanenweißem Zelter
        
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