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Periodical volume 22. November 1890, No. 8

Full text: Der Bär Issue 17.1891

« 96 S- 
Schon des Jünglings Sinn, er will sie brechen. 
Laute oder Wams damit zu zieren. 
Horch! Da rauscht es plötzlich in der Tiefe, 
Rauscht herauf ans den zerteilten Wogen, 
Und es hebt sich weiß aus weißem Schaume, 
Blendend schimmern Hände schon, jetzt Arme, 
Jetzt ein triefend Haupt mit güldner Krone. 
Goldiggrüne Locken wallen nieder, 
Schultern leuchten auf. der weiße Buseit, 
Und ein Weib von überirdischer Schöne 
Wiegt sich bis zur Hüfte auf den Wogen. 
Ihre Auge», rätseltief, erglühen, 
Schillern wechselvoll im Märchenglanze. 
Lockend naht sie sich dein jungen Fährmann, 
Naht mit ihrem schmachteiidheißen Glurblick, 
Mit bestrickend liebesüßem Lächeln, 
Und sie winkt mit lilienweißen Händen, 
Und sie singt mit weichen Zanbertönen: 
„Holdseliger Jüngling, o komm zu mir! 
Den Frieden findest Du nimmer hier 
Im schimmernden Land der Sonne. 
O komm zu mir in den Flmenschoß, 
Dann bist der Sorgen Du ledig und los. 
Du schwelgst nur in Glück und in Wonne. 
Dort unten ragt mein goldner Palast, 
Auf goldenem Pfühle hältst Du Rast, 
Du trinkst aus Bechern von Golde. 
Dort rührst Du ein goldenes Sailenspiel, 
Du wiegst Dich mit mir im Tanz und im Spiel, 
Viel Gold wird Dir zum Solde. 
Wie bist Du so jung, so stark und so schön! 
O komm zu mir aus den sonnigen Höhn, 
Du sollst mir rllhn in den Armen. 
Ich liebe Dich wild! Hinab in den Grund! — 
Du sollst mir küssen den kalten Mund, 
Daß Lippen und Herz mir ermannen!" 
Wie gebannt, die Sinne zaubertrunken 
Von der Huldgestalt, von ihrem Singen, 
Starrt des jäh erwachten Jünglings Auge 
Nach dem schönen Weib, dem glanzumstrahlten. 
Fiebernd fliegt sein Puls, die Schläfen glühen, 
Seinen Leib durchrieseln wilde Schauer, 
In der Brust der Atem will ihm stocken. 
Fast entsinkt der starken Hand das Steuer. 
Haltlos treibt der Nachen näher, näher. 
Naht kein Warner Dir, naht Dir kein Retter? 
Bist, o Jüngling, Du dem Licht verloren? — 
Zaubermächt'ge Sehnsucht treibt ihn nieder; 
Schon zum Weib hinab will er sich neigen, 
Und schon breitet sie nach ihm die Arme, 
Da ertönt gedämpft die Abendglocke 
Aus des fernen Christendorfes Kirchlein. 
In die Tiefe tauch! die Nixe nieder. 
Schäumend rauscht und gurgelt rings das Wasser, 
Und die Wellen schlagen an die Ufer; 
Ueber die geschlossnen Fluten aber 
Schwebt dahin der Nachen mit deni Fährmann. 
Dieser, wie betäubt von deni Geschauten, 
Weiß nicht, ob's die Augen wirklich sahen, 
Oder ob ein Trugbild nur ihn narrte. 
Wie befreit vom Drucke der Märawa, *) 
Ringen aus der Bricht sich tiefe Seufzer. — 
Bild und Sang des wonnebangen Traumes 
Aber schwinden nicht aus seinem Herzen. 
Traumvoll achten seine Augen nimmer 
Auf die Straße und das Ziel der Reise. 
Schon im Westen sank des Tages Leuchte, 
Uud im Osten steigt gemach des Vollmonds 
Feuerscheibe goldigrot am Himmel. 
Schattendunkler ward schon längst die Waldung, 
Die auf beiden Ufern sich geschlossen. 
Doch nun gießt der Mond .ie Silberschale 
In das Laub, das Röhricht und die Fluten, 
Auf den Nachen und den jungen Fährmann. 
Dieser schaut es nicht; er treibt das Fahrzeug 
Immer weiter durch die näc it'ge Landschaft, 
Merkt es nicht, daß schon der Wald sich lichtet, 
Und von fern auf hohem Wall des Schlosses 
Lichterhcllte Fenster niederschimmern. 
Nicht erschaut sein Blick am Uferrande 
Dort des Wendeudorfes niedre Hütten, 
Die den Wanderer zum Rasten laden; 
Nicht vernimmt sein Ohr des Reigens Klänge, 
Nicht, das nah schon hallt, das frohe Jauchzen. 
Plötzlich nahn des Dorfes treue Hüter, 
Hunde, die den Ruderschlag vernommen; 
Laut umkläffen sie des Freindlings Fahrzeug. 
Aufgeschreckt, erschaut er voller Freude, 
Daß ein guter Geist, vielleicht der Bluduik,**) 
Ihn zum Ziel geleitet aus der Irre. 
An das Ufer treibt er seinen Nachen 
Uud befestigt ihn am nächsten Baumstamm. 
Wohlgemut mit Spieß und Harfe lenkt er 
Nach dem freudelauten Ort die Schritte. 
(Fortsetzung folgt). 
Berlin und sein Hos im Jahre 1696. 
Von Pkrrul Seidel. 
Mil dem Anwachsen und der Entwickelung Berlins Hand 
in Hand gehl das steigende Interesse für die Vorgeschichte der 
Stadt, welche mit derjenigen der Hohenzollern innig verknüpft 
ist. Der Kreis der Spezialforscher für die Geschichte Berlins 
erweitert sich zusehends und Staat und Stadt bringen diesen 
Bestrebungen eingehendes Interesse entgegen, ja Seine Majestät 
der Kaiser hat es vor kurzem nicht verschmäht, das Protektorat 
über den Verein zur Geschichte Berlins zu übernehmen. Man 
sollte meinen, diese andauernden Bestrebungen hätten das vor 
handene Material längst erschöpft, aber einerseits sind die er- 
*) Mürawa, spr. Muraua — Alp, Alpdrücken. 
**) Bludnik — Irrlicht, führt die Menschen in die Irre, leitet sie aber 
auch oftmals auf den rechten Weg.
        
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