(Fortsetzung folgt.)
der Hand vor dem Schreibtisch, sämtliche Fächer waren schon
aufgerissen, nur eins noch nicht, und auf das Schloß des
selben schlug sie nun immer mit dem Beil, und gerade, als
wir uns etwas von unserm Schreck erholt hatten, sprang das
Schloß aus."
„Nun aber riß sie auch sofort das Fach heraus, und in
demselben Augenblick hatte sie des gnädigen Herrn Brieftasche,
in der sich immer das viele Papiergeld befindet, an sich ge
nommen und griff dann nach einem andern Packet, welches
die Dokumente mit den vielen Stempeln enthielt, ivelche der
gnädige Herr neulich aus der Hauptstadt mitgebracht hatte."
„Die gnädige Frau harte uns noch nicht gesehen, da rief
Herr von Altow plötzlich: „Aber Frieda, Frieda, was machst
Du denn da'k" Jählings drehte sie sich da um und sah uns
an, so wild, wie ich es nicht
beschreiben kann. Dann
aber lachte sie laut auf und
wollte an uns vorüber zur
Thür hinausstürzen. Aber
der gnädige Herr drängte
sie ins Zimmer zurück, und
ich verriegelte die Thür,
denn soviel hielt das Schloß
noch. Die gnädige Frau
wollte sich losreißen und
wehrte sich heftig, da stürzte
sie zu Boden und der
gnädige Herr mit ihr. Sie
aber halte sich zuerst wieder
aufgerichtet und wollte nun
von neuem an mir vorüber
ins Freie, aber ich wich
nicht von der Thür, und
jetzt war auch der gnädige
Herr wieder ausgekommen
und eilte mir zu Hilfe. Da
sprang sie mir einem Male
bis an die Wand
riß eine der dort hängenden
geladenen Pistolen herab,
und hielt sie uns entgegen,
dann schrie sie laut auf,
und aus ihren Augen schoß
es wie Feuerstrahlen: „Das
Geld lasse ich mir nicht
nehmen, und wenn sämtliche
Teufel der Hölle kämen, es
mir zu entreißen, denn ich
muß spielen, ich habe es
Berkow versprochen!"
„Wie sie nun aber so
ganz außer sich, diese wilden
Worte ausstieß, da muß sie
in ihrer Aufregung wohl
die Pistole abgedrückt haben,
denn der Schuß krachte, und
— mein armer gnädiger
Herr stürzte mit einem furchtbaren Aufschrei zu Boden und
lag nun da in seinem Blute, in der einen Hand den Leuchter,
den er im Fallen ergriffen, — gerade als ob er sich an dem
selben hätte halten wollen. — Die gnädige Frau aber warf
die Pistole hin, dann stieß sie mich zurück, utid ehe ich recht
wußte, ivas ich thun sollte, hatte sie auch schon die Thür auf
geriegelt und war hinausgestürzt, nachdem sie vorher noch die
gestempelten Papiere verloren hatte, die ich sofort, um sie
wenigstens zu retten, an mich nahm. Dann lief ich, nachdem
ich mich einigermaßen gefaßt, zu Ihnen, gnädiges Fräulein,
und das übrige wissen Sie selbst. Hier ist das Packet mit
den Papieren, die lederne Brieftasche mit dem Gelde freilich
hat die gnädige Frau mitgenommen."
So lautete der Bericht unseres Karl, lind nur wenig
noch brauche ich über die Folgen jener Novembernacht hinzu
zufügen.
Dein arnier Vater war schwer verwundet; aber mochten
auch noch so verschiedenartige Gerüchte über seine Krankheit
ivie über das Verschwinden Deiner Mutter umlaufen — den
wahren Sachverhalt erfuhr niemand, das hatten der Arzt,
Karl und ich uns feierlich gelobt. Auch verlor uns unsere
bisherige Nachbarschaft bald aus bcn Augen. Da nämlich
Frieda den größten Teil der Mündelgelder mit sich genommen
hatte, und Dein Vater seines Namens wegen die Gerichte mit
der Sache unmöglich be
trauen konnte, so war tiach
Auszahlung der sich auf
dreißigtausend Thaler be
laufenden Summe sein Ver
derben entschieden: das über
lastete Wolkwitz mußte ver
kauft werden, ohne daß dem
armen Kranken das geringste
verblieb. So sahen wir uns
denn ans inein Vermögen
und diese mir schon damals
gehörende Villa angewiesen;
nur die Möbel, die Du hier
siehst, sind mit aus Wolkivitz
herübergenommen und er
innern an die Vergangen
heit — ich erstand sie auf
dem Versteigerungstermin.
Lange aber sollte Dein
Vater nicht mehr in den
neuen Verhältnissen leben.
Er genas nie wieder ganz,
und alle Liebe, mit der ich
den schwergeprüften Mann
umgab, war vergebens: ein
Jahr nach dem Verschwinden
Deiner Mutter ist er, auch
an einem N ovembertage,
sanft verschieden, nachdem
er mir noch das feste Ver
sprechen abgenommen hatte,
über das Vorgefallene nicht
eher mit Dir zu sprechen,
als bis Du in eine feste
Lebensstellung getreten seist.
Eitl Segenswunsch für Dich,
und der Seufzer: „meine
arme, verirrte Frieda!"
waren seine letzten Worte.
Von Deiner Mutter habe
ich nur zweimal wieder etwas
gehört: das erste Mal durch
Barou Berkow. Dieser traf sie vor einigen Jahren in Pynnont
— im Spielsaal natürlich. Sie war überaus gealtert, und
seinen ganzen Scharfsinn hatte der Baron zusammennehmen
müssen, um über ihre Identität ins klare zu kommen. AIs
dies aber endlich geschehen war, trat er auf sie zu und fragte
in feiner kurzen Weise: „Frau von Alton, ?" Da fuhr sie,
blaß wie der Tod, zurück, blickte ihn einen Augenblick starr
an und augenscheinlich einiger Sammlung bedtirfte sie, ehe sie
antworten konnte: „Ich stehe später zur Verfügung, bitte
suchen Sie mich morgen in meinem Hotel ans."