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Volume Nr. 5, 02.11.1889

Full text: Der Bär (Public Domain) Ausgabe 16.1890 (Public Domain)

(Fortsetzung folgt.) 
der Hand vor dem Schreibtisch, sämtliche Fächer waren schon 
aufgerissen, nur eins noch nicht, und auf das Schloß des 
selben schlug sie nun immer mit dem Beil, und gerade, als 
wir uns etwas von unserm Schreck erholt hatten, sprang das 
Schloß aus." 
„Nun aber riß sie auch sofort das Fach heraus, und in 
demselben Augenblick hatte sie des gnädigen Herrn Brieftasche, 
in der sich immer das viele Papiergeld befindet, an sich ge 
nommen und griff dann nach einem andern Packet, welches 
die Dokumente mit den vielen Stempeln enthielt, ivelche der 
gnädige Herr neulich aus der Hauptstadt mitgebracht hatte." 
„Die gnädige Frau harte uns noch nicht gesehen, da rief 
Herr von Altow plötzlich: „Aber Frieda, Frieda, was machst 
Du denn da'k" Jählings drehte sie sich da um und sah uns 
an, so wild, wie ich es nicht 
beschreiben kann. Dann 
aber lachte sie laut auf und 
wollte an uns vorüber zur 
Thür hinausstürzen. Aber 
der gnädige Herr drängte 
sie ins Zimmer zurück, und 
ich verriegelte die Thür, 
denn soviel hielt das Schloß 
noch. Die gnädige Frau 
wollte sich losreißen und 
wehrte sich heftig, da stürzte 
sie zu Boden und der 
gnädige Herr mit ihr. Sie 
aber halte sich zuerst wieder 
aufgerichtet und wollte nun 
von neuem an mir vorüber 
ins Freie, aber ich wich 
nicht von der Thür, und 
jetzt war auch der gnädige 
Herr wieder ausgekommen 
und eilte mir zu Hilfe. Da 
sprang sie mir einem Male 
bis an die Wand 
riß eine der dort hängenden 
geladenen Pistolen herab, 
und hielt sie uns entgegen, 
dann schrie sie laut auf, 
und aus ihren Augen schoß 
es wie Feuerstrahlen: „Das 
Geld lasse ich mir nicht 
nehmen, und wenn sämtliche 
Teufel der Hölle kämen, es 
mir zu entreißen, denn ich 
muß spielen, ich habe es 
Berkow versprochen!" 
„Wie sie nun aber so 
ganz außer sich, diese wilden 
Worte ausstieß, da muß sie 
in ihrer Aufregung wohl 
die Pistole abgedrückt haben, 
denn der Schuß krachte, und 
— mein armer gnädiger 
Herr stürzte mit einem furchtbaren Aufschrei zu Boden und 
lag nun da in seinem Blute, in der einen Hand den Leuchter, 
den er im Fallen ergriffen, — gerade als ob er sich an dem 
selben hätte halten wollen. — Die gnädige Frau aber warf 
die Pistole hin, dann stieß sie mich zurück, utid ehe ich recht 
wußte, ivas ich thun sollte, hatte sie auch schon die Thür auf 
geriegelt und war hinausgestürzt, nachdem sie vorher noch die 
gestempelten Papiere verloren hatte, die ich sofort, um sie 
wenigstens zu retten, an mich nahm. Dann lief ich, nachdem 
ich mich einigermaßen gefaßt, zu Ihnen, gnädiges Fräulein, 
und das übrige wissen Sie selbst. Hier ist das Packet mit 
den Papieren, die lederne Brieftasche mit dem Gelde freilich 
hat die gnädige Frau mitgenommen." 
So lautete der Bericht unseres Karl, lind nur wenig 
noch brauche ich über die Folgen jener Novembernacht hinzu 
zufügen. 
Dein arnier Vater war schwer verwundet; aber mochten 
auch noch so verschiedenartige Gerüchte über seine Krankheit 
ivie über das Verschwinden Deiner Mutter umlaufen — den 
wahren Sachverhalt erfuhr niemand, das hatten der Arzt, 
Karl und ich uns feierlich gelobt. Auch verlor uns unsere 
bisherige Nachbarschaft bald aus bcn Augen. Da nämlich 
Frieda den größten Teil der Mündelgelder mit sich genommen 
hatte, und Dein Vater seines Namens wegen die Gerichte mit 
der Sache unmöglich be 
trauen konnte, so war tiach 
Auszahlung der sich auf 
dreißigtausend Thaler be 
laufenden Summe sein Ver 
derben entschieden: das über 
lastete Wolkwitz mußte ver 
kauft werden, ohne daß dem 
armen Kranken das geringste 
verblieb. So sahen wir uns 
denn ans inein Vermögen 
und diese mir schon damals 
gehörende Villa angewiesen; 
nur die Möbel, die Du hier 
siehst, sind mit aus Wolkivitz 
herübergenommen und er 
innern an die Vergangen 
heit — ich erstand sie auf 
dem Versteigerungstermin. 
Lange aber sollte Dein 
Vater nicht mehr in den 
neuen Verhältnissen leben. 
Er genas nie wieder ganz, 
und alle Liebe, mit der ich 
den schwergeprüften Mann 
umgab, war vergebens: ein 
Jahr nach dem Verschwinden 
Deiner Mutter ist er, auch 
an einem N ovembertage, 
sanft verschieden, nachdem 
er mir noch das feste Ver 
sprechen abgenommen hatte, 
über das Vorgefallene nicht 
eher mit Dir zu sprechen, 
als bis Du in eine feste 
Lebensstellung getreten seist. 
Eitl Segenswunsch für Dich, 
und der Seufzer: „meine 
arme, verirrte Frieda!" 
waren seine letzten Worte. 
Von Deiner Mutter habe 
ich nur zweimal wieder etwas 
gehört: das erste Mal durch 
Barou Berkow. Dieser traf sie vor einigen Jahren in Pynnont 
— im Spielsaal natürlich. Sie war überaus gealtert, und 
seinen ganzen Scharfsinn hatte der Baron zusammennehmen 
müssen, um über ihre Identität ins klare zu kommen. AIs 
dies aber endlich geschehen war, trat er auf sie zu und fragte 
in feiner kurzen Weise: „Frau von Alton, ?" Da fuhr sie, 
blaß wie der Tod, zurück, blickte ihn einen Augenblick starr 
an und augenscheinlich einiger Sammlung bedtirfte sie, ehe sie 
antworten konnte: „Ich stehe später zur Verfügung, bitte 
suchen Sie mich morgen in meinem Hotel ans."
	        
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