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Band Nr. 3, 19.10.1889

Volltext: Der Bär (Public Domain) Ausgabe 16.1890 (Public Domain)

'S 31 fr- 
Preußens erste Königin. 
Von F. A. r»srr Mintorfold. 
(Fortsetzung.) 
Das große Ereignis des Jahres 1697 mar die glänzende 
Gesandtschaft, welche der Zar Peter I. unter dem Oberbefehl 
seines Günstlings, des Generals Le Fort, an den Kurfürsten 
von Brandenburg sandte und welcher er sich selbst unter an 
genommenen Namen, als Kommandeur der dazu gehörigen 
Soldaten, angeschlossen hatte, um dem lästigen Cereinoniel zu 
entgehen. 
Trotzdem ließ der Kurfürst es sich nicht nehmen, die Ge 
sandtschaft in Königsberg mit großem Prunke selbst zu em 
pfangen. Als für den Zaren eine Reihe prachtvoller Equipagen 
auffuhren, schlich sich dieser unbemerkt 'durch eine Hinterthür 
zum Kurfürsten. Um die ihm unbekannte Strafe des Räderns, 
welche er zu sehen wünschte, zur Ausführung zu bringen, bot 
er auf die Einwendung, es sei kein verurteilter Verbrecher 
vorhanden, naiv einen seiner Leute dazu an, und da bei der 
Tafel durch Hinfallen eines Geschirrs auf den Marmorfuß 
boden ein heftiger Lärm entstand, sprang er auf und zog den 
Säbel, denn er glaubte, es sei Verrat im Spiele. Andererseits 
aber zeigte er wieder viel Leutseligkeit, Scharfblick, gesunden 
Sinn und lebhafte Wißbegierde. 
Sophie Charlottens Wunsch, .den Zaren in Berlin kennen 
zu lernen, wurde durch des Kurfürsten Bedenken, sie mit dem 
„Halbwilden" in Berührung zu bringen, vereitelt. Uni dem 
zu entgehen, mußte sie während der Anwesenheit des Zaren 
nach Hannover zu ihrer Mutter sich begeben. Aber der Zar 
machte einen Strich durch des Kurfürsten Rechnung, indem er 
aus der weiteren Reise nach Holland den hannöverschen Hof 
besuchte, zu nicht geringer Freude Sophie Charlottens. 
Diese verstand es vortrefflich, den „Halbwilden", der bei 
ihrem ersten Anblick, wie geblendet von dem Glanze ihrer 
Schönheit, die Hand über die Augen legte, zu zähmen und 
in Schranken zu halten. Beide unterhielten sich ausgezeichnet 
miteinander und tauschten bei Tafel ihre Tabatieren aus, 
was damals als Symbol großer Freundschaft galt. Der Zar 
wurde so aufgeräumt, daß er Musik ivünschte, aus welcher 
er sich sonst wenig machte, und endlich sich sogar lebhaft am 
Tanze beteiligte, dabei aber seine Verwunderung über die 
harten Knochen der deutschen Damen aussprach, indem er die 
mit Fischbein steif gepanzerten Korsetts derselben für Natur 
hielt. 
Inzwischen hatten sich die Verhältnisse am Hofe des Kur 
fürsten auf eine fiir Sophie Charlotte nicht eben angenehme 
Weise verändert. An die Stelle des gestürzten ersten Ministers, 
des rauhen und strengen, aber ehrenwerten Eberhard Dankel- 
mann, war der schmiegsame und vielgewandte bisherige Kammer 
herr von Kolb, vom Kaiser zum Reichsgrafen von Warten 
berg ernannt, getreten, welchem nunmehr der Kurfürst sein 
volles Vertrauen schenkte. Jedoch gelang es . ihm nicht, die 
Gunst der Kurfürstin zu erwerben, welche den niedrigen und 
ränkevollen Charakter des Mannes durchschaute, der sich durch 
geheime Feindseligkeit dafür zu rächen suchte. Was ihn am 
meisten in der Kurfürstin Augen herabsetzte, war seine Ver 
bindung mit einer zwar sehr schönen, aber gänzlich ungebildeten, 
übelbeleumdeten Frau, der Tochter eines rheinischen Schank 
wirtes und Winve eines Kammerdieners. Ihre niedrige Ge 
burt würde ihr Sophie Charlotte vergeben haben; allein ihre 
schlecht verborgene Roheit, ihre Anmaßung und Herrschsucht 
stießen sie gänzlich ab. So beanspruchte die Gräfin den Rang 
unmittelbar nach den Prinzessinnen des Kurfürstlichen Hauses 
und den Vortritt vor den Frauen der Gesandten. Der Herzogin 
von Holstein soll sie diesen Anspruch für zehntausend Thaler 
abgesaust haben. Weniger fügsam war die Frau des hollän 
dischen Gesandteil Lintlo, die bei eiilem Hoffeste, als der Zug ! 
sich nach dem Speisesaale in'Bewegung setzte, plötzlich hinter 
einer Thür hervorsprang, um der Gräfin den Vortritt ab 
zugewinnen. Es kam zu Thätlichkeiten zwischen beiden Damen, 
welche bald von einer Pudenvolke umgeben ivaren. Mit Mühe 
gelang es dem Ceremonienmeister von Besser sie zu trennen. 
Wer denkt dabei nicht an die Anttvort Friedrich des Großen, 
.als ihm der Streit zweier vornehmen Damen über den Vor 
tritt zur Entscheidung unterbreitet wurde: „Die größte Närrin 
geht voran." 
Daß die Kurfürsttn die Gräfin fast gänzlich ignorierte und 
sie namentlich niemals nach Lützenburg einlud, kränkte die 
letztere schwer, — sie nahm daher die Vermittelung des 
Grafen Dohna, des Erziehers des Kurprinzen, in Anspruch, 
der den ihm imangenehmen Auftrag nicht abzulehnen wagte. 
„Ich habe", sagte er zur Kurfürstin, „den dümmsten Auftrag 
von der Welt. Die Kolb begehrt bei Ew. Durchlaucht er 
scheinen zu dürfen; sie wünscht es mit Heftigkeit, sie stirbt 
vielleicht vor-Schmerz, wenn Sie-es ihr abschlagen; bedenken 
Sie, welch ein unersetzlicher Verlust für den Hof!" 
„Sie scherzen, Graf Dohna," entgegnete die Kurfürsttn. 
„aber mir ist die Sache unangenehmer, als Sie glauben; sie 
setzt mich in Verlegenheit. Nun wohl," fügte sie nach einigem 
Besiilnen hinzu, „möge ihr — der Wartenberg — Mann es 
so wenden, daß der Kurfürst mir den Wunsch ausdrückt; dann 
will ich sie empfangen." 
So geschah es, und die Kolb erschien strahlend vor Be 
friedigung und im höchsten Putz bei einer Festlichkeit in Lützen 
burg. Ihr Triumph verivandelte sich aber in eine schmähliche 
Niederlage, als sie die französische Anrede der sehr einfach ge 
kleideten Kurfürstin weder verstand noch zu erwidern wußte, 
worauf ihr diese kurz den Rücken drehte und sie dem Spott 
des ganzen Hofes aussetzte. 
Lützenburg war recht eigentlich ein Musenhof, an welchem 
neben ernster Forschung und wissenschaftlichen Bestrebungen 
auch die Kunst nicht vernachlässigt wurde. Sophie Charlotte 
üble selbst mit' Meisterschaft die Musik, indem sie auf einem 
ihr von ihrer Cousine, der Herzogin Elisabeth Charlotte von 
Orleans, geschenkten Klavier mit Fertigkeit und Geschmack 
spielte und dazu sang. Besonders liebte sie die Kompositionen 
des berühmten Coralli. Fast alle jüngeren Personen des Hofes 
ivaren musikalisch gebildet, und es konnten um so eher Opern 
durch dieselben aufgeführt werden, als sich die Kürfürstin eine 
eigene Kapelle, mit dem Maestro Attilio Ariostt an der Spitze, 
hielt. Auch die besten Stücke französischer Autoren wurden 
dargestellt. Alles dies beschreibt Leibniz in den lBriefen an 
die Kurfürsttn in Hannover, — namentlich gedenkt er eines 
Maskenfestes zu Ehren des Kurfürstlichen Geburtstages, welches 
einen Dorfjahrmarki vorstellte, auf dem die Kurfürstin als 
Quacksalberin auftrat, und die absonderlichsten Heilmittel feil 
bot, während Leibniz als Astrolog weissagte, und der Kurfürst 
selbst als holländischer Matrose erschien. Zum Schluß brachte 
ein Herr von Flemming als Bauer ein Hoch auf das Kur 
fürstliche Paar aus, dessen Schlußverse lauteten: 
„Vivat Friedrich und Charlott'! 
Wer's nicht so meint, ist ein Hundsfott!" 
(Fortsetzung folgt.) 
Aus den Briefen der Frau von dem Knesebecks 
geborenen von Klitzing. 
Mitgeteilt, von Frau .Helene non Hülsen. 
(Fortsetzung.) 
. , Berlin, den 19. Mai.1836. 
Liebe Wina! 
Unendlich erfreut - bin ich, einmal wieder Deine lieben 
Schriftzüge zu sehen. Wer. würde sich nicht Deines Wohl 
ergehens freuen, — für Dich,. Du Liebe, interessiren! — Mein 
Sohn Alfred ist in Entzücken über den Aufenthalt bei. Euch, 
er kann nicht genug die Beweise der Gewogenheit rühmen, 
die ihm vom Onkel Knesebeck, den Cousinen und Vettern ge 
worden sind. Ich wundere , mich nicht darüber, denn ich weiß
	        
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