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Periodical volume 6. Juli 1889 Nr, 40

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Derbst. 
,t'üb!t dcr Waid zum Sterben sich bereit, 
Langt aus der Truhe er sein Hochzeitskleid, 
prangt in Gold, erglänzt in Scharlachrot!), 
So geschmückt erwartet er den Tod. 
Und die Sonne lächelt seiner Pracht, 
Als wär' er neu zum Lenz erwacht; 
Doch sein Lenz ist fern, nach kurzem Glanz 
Tanzt dcr Sturm mit ihm den Todtentanz. 
Hu! wie tobt's und brausl's dann im Revier, 
Wie zerfährt dcr Plätter bunte Zier, 
Raum ein Ulageton erschallt 
Und gestorben ist der grüne Wald. 
Schillers Don Kariös und seine erste Darstellung ans 
dein Berliner Nationallheater (22. Nov. 1788). 
Von F. Katt. 
In Bauerbach, dem idyllisch gelegenen Thüringer Dörfchen, 
wohin sich der junge Verfasser der „Räuber" grollend zurück 
gezogen, als Dalberg's täuschende Versprechungen in Mannheim 
ihm Herz und Gemüth verbitterten, faßte Schiller während des 
Winters 1783 den Plan zn seinem Don Karlos. 
Hier, bei der Mutter seines liebsten Jugendfreundes, auf 
dem Wohnsitze der Frau Henriette von Wolzvgen, gab er sich 
in dcr Stille und Zurückgezogenheit des ländlichen Lebens 
ernsten geschichtlichen Studien hin. Die Erzählung St. Real's: 
„Ilistoiro de I)nm Carlos, Fils de Philippe II., lvoy 
d’Espagne“, in Bezug auf ihre historische Treue allerdings 
wenig zuverlässig, sowie Brantome's Geschichte Philipp des 
Zweiten, lieferten wahrscheinlich den ersten Stoff gu dein herr 
lichen Meisterwerke, welches späterhin unsterblichen Ruhm er 
ringen sollte. 
Die Gestalt des unglücklichen Kvnigssohncs, welcher in 
der Fabel St. Real's die Hauptrolle spielt, zog Schiller 
mächtig an. Die Freundschaft zweier edlen Herzen in ihrer 
höchsten Vollkommenheit und Scclcngröße im Kampfe mit der 
grimmen Despotie und Heimtücke der heiligen Inquisition: 
das tvar ein dramatischer Vorwurf, welcher des jungen Dichters 
ideales Streben alsbald mit elementarer Gewalt erfaßte und sein 
innerstes Wesen mit Begeisterung für seine Idee erfüllte. 
Lange Jahre mußten indeffen vergehen, ehe das geliebte 
Schmerzenskind seiner Bluse, ivic dcr Dichter nachmals selbst 
die Tragödie zu nennen pflegte, vollendet erscheinen sollte. 
Fiesko, Kabale und Liebe erblickten vorher das Licht der 
Lampen. 
Dann ivurden Krankheit und drückende Nahrungssorgen 
Veranlassung, daß Schiller sich anderen Arbeiten zuwandte. 
Aus dein Theaterdichter ward ein Journalist und der junge 
Titan gründete in Mannheim die Rheinische „Thalia." Im ersten 
Hefte derselben findet sich der erste Akt des Don Karlos ab 
gedruckt. Es folgten einzelne Fragmente, und die ersten drei 
Akte sind ebenfalls in der „Thalia" erschienen. Die erste 
vollständige Ausgabe erschien 1787 in Leipzig bei Georg 
Joachim Goeschen. Sic brachte den vierten und fünften Akt 
*) Obiges Gedicht fand sich in den Papieren eines alten Jägers vor 
etwa 30 Jabren. Er hatte es sich abgeschrieben, weil es ihm offenbar 
sehr gefallen. Vielleicht, kann einer unserer Leser oder Leserinnen den 
Verfasser angeben, den wir bisher vergeblich zu ermitteln gesucht. 
zum ersten Btale. Die Veröffentlichungen der Bruchstücke in 
dcr Thalia wurden von dem Lesepublikum sofort mit großem 
Beifall aufgenouunen. 
Herzog Karl August, welcher im Winter des Jahres 
1784 zu Darmstadt am Hessischen Hofe weilte, ließ sich von 
dem jungen Schwaben den ersten Akt seines Karlos bei Hofe 
vortragen und zeichnete bald nach diesem ereignißreichen Abend 
den Dichter durch den Sachsen-Weimarischen Rathstitel aus. 
Doch eine lange Reihe bitterer Enttäuschungen und herber 
Lebenserfahrungen verfolgten den geprüften Heros, ehe er, der 
tröstenden Aufforderung lieber Freunde folgend, in Leipzig, in 
der liebenswürdigen Familie des Kupferstechers Stock, an der 
ihm dort entgegengebrachten wahren Freundschaft und innigen 
Zueignung neu auflebt und Ruhe und Frieden in sein krankes 
Herz einkehren. In dem lieblichen Gohlis ging Schiller dann 
mit ernstlichem Eifer von Neuem an die Arbeit, und nun wuchs 
sein Don Karlos allmählich, um endlich in dein schmucklosen 
Landhäuschen seines ihn ain meisten verehrenden Freundes, 
des Raths Christian Gottfried Koerner, in der Umgebung der 
reizenden Elbestadt zuLoschwitz, seiner Vollendung entgegenzugehen. 
Doch erst nach und nach und unter verschiedenen Gestalten 
erscheint das Drama. Zuerst aufgeführt wurde es in Mann 
heim am 8. April 1788. Schiller machte dem Publikum die 
denkbar größten Zugeständnisse, uin daffelbe seinem Karlos günstig 
zu stimmen, und ließ ihn in Jamben sowohl als auch in der 
prosaischen Bearbeitung erscheinen, da der berühmte Schauspieler 
Reinecke, bei der Brandinischen Truppe in Leipzig, welcher den 
Fiesko vorzüglich darstellte und ein Feind des Verses war, dem 
Dichter dringend dazu rieth. 
Die erste bedeutende Aufführung des lang erwarteten 
Trauerspiels in Jamben fand am 30. August 1787, auf der 
Hamburger Bühne statt. 
Das Schicksal des unglücklichen Königssohnes verursachte 
bei den Hamburgern große Erregung. 
Schröder tragirte den Philipp meisterhaft, und auch die 
anderen Parthien waren angemessen besetzt. Publikum und 
Kritik zollten dem Drama einstimmigen Beifall, die herrlichen 
Verse schlugen zündend ein, und man verlangte dringend die 
Wiederholung für den nächsten Tag. 
Es folgte die Leipziger Aufführung in der prosaischen Um 
arbeitung. In dieser ersticht sich der Jufant im letzten Akte. 
Diese Vorstellung erzielte leider keinen Erfolg. Die Schauspieler 
verhunzten ihre Rollen bis zur Lächerlichkeit, und der alte 
Brückl, ein Thrannenspieler der damaligen schliuunen Sorte, 
fügte nach jedem Satze als strenger Philipp in sächsischein 
Dialekte die Worte: „Merkt Euch das!" hinzu.
        
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