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Periodical volume 10. November 1888 Nr, 6

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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als des Domkapitels Haupt beharrlich fest. Auch iu der Dom- 
schule von Stendal ivar nämlich im Laufe der Zeiten die 
Ausbildung des Geistes Nebensache, die Pflege eines äußerlichen 
Kultus, die Heranbildung von Sängern zur Ausführung der 
Kirchengesänge dagegen die Hauptsache geworden. Ein reich 
bewegtes Leben aber herrschte in der Bürgerschaft und klar er 
kannte man in ihr den Zweck der Schule: vitae discimus. 
Der Magistrat von Stendal entschloß sich daher, eine eigene 
Schule einzurichten; er ließ für dieselbe ein besonderes Gebäude 
einrichten, welches in: Kirchspiele St. Diarien neben den: dortigen 
Küsterhause belegen war. Die Bismarck, Bürger damals in 
dem ehrenreichen Stendal, kämpften für des Rathes Schule; 
auch sie traf d'rum der Banir der Kirche, bis im Jahre 1342 
endlich ein Vergleich zu Stande kam, laut dessen beide Schulen 
friedlich bei einander fortbestehen konnten. Nikolaus Welzin, 
eiil Doktor der Arzeneikunde, half dein Dechanten Dietrich von 
Angern die Domkirche zu Stendal in großartiger Weise aus 
bauen, und Johannes von Eichendorf kämpfte mit aller Ent 
schiedenheit für das Wilsnacker Wunderblut gegen die Angreifer 
desselbeir: gegen den Kardinal-Legaten Nikolaus von Kusa, gegen 
den Erzbischof Friedrich von Magdeburg, gegen den Domherrn 
Heinrich Docke. Die Pröpste Johannes Verdemann und 
Nikolaus Godstich zeichneten sich gleichfalls durch verständniß- 
volle Kunstpflege aus; Simon Matthias ivar Propst auch bei 
St. Nikolai zu Berlin. Mit den berühmten Kämpen für den 
alten Glauben in der Mark, mit Buffo von Alvensleben, dem 
Bischöfe zu Havelberg, und mit Wolfgang Redorffer von 
Herzogenrath, dem zähen Vertheidiger des Katholicismus im 
Stifte Lebus, schließt im Jahre 1559 endlich die Reihe der 
Pröpste von St. Nikolaus zu Stendal ab. Bereits im 
Jahre 1540 waren die kurfürstlichen Visitatoren nach Stendal 
gekommen und hatten die sieben Doinherren aufgefordert, die 
neue evangelische Kirchenordnung anzunehmen. Es geschah 
wohl von allen derselben bis auf Redorffer allein. Er aber 
befand sich in Fürstenwalde, seines Aintes wartend bei der 
Kathedrale von Lebus. Im Jahre 1551 endlich, in welchem 
das berühmte Stift St. Nikolai in Stendal nur noch sechs 
Domherren zählte, wurden seine Güter und liegenden Gründe 
der Universität zu Frankfurt, der alma water Viadrina, über 
wiesen; indeß behielten sämmtliche Berechtigte den Genuß ihrer 
Präbenden bis an ihr Lebensende. 
Im Frieden also ging das alte Domstift Stendal ein. 
Dasselbe hat uns indessen ein köstliches und überaus 
werthvolles Vermächtniß hinterlassen: es sind die Hallen der 
Donckirche zu St. Nikolai. F. von Quast und Baurath Adler 
haben sich um die Geschichte dieses Bauwerks hochverdient ge 
macht. Mit Recht sagt Adler: 
„Wegen der Klarheit seiner Anlage, — wegen der Schön 
heit seiner Verhältniffe, wegen seiner strengen Durchführung auch 
in unbedeutenderen Einzelheiten steht dieser Dom iin Norden 
unsres Vaterlandes ohne Gleichen da; ganz ohne Zweifel bildet 
er die reichste Schöpfung der kirchlichen Architektur des späteren 
Mittelalters in Norddeutschland." Die wohl nur schlichte 
Stiftung des Grafen Heinrich von Gardelegen wurde um 
die Mitte des 13. Jahrhunderts zunächst durch einen Anbau im 
Westen mit zwei Thürmen erweitert; in den zwanziger Jahren 
des 15. Jahrhunderts aber begann, von dem obengenannten 
Dechanten Dietrich von Angern geleitet, ein großartiger Neu- 
bau des Domes, welcher erst im Jahre 1475 fertig gestellt zu 
werden vermochte. Wie schwer das edle Gotteshaus manchmal 
aber auch bedroht gewesen ist: noch hat das edelschöne Bau 
werk sich in seinen wesentlichsten Theilen erhalten. Noch ragt, 
j um die Worte des hochverdiente» altmärkischen Geschichtsforschers 
j Götze anzuführen, der gewaltige Kreuzbau mit den hohen 
Fenstern weit über alle anderen Gebäude Stendals auf. Noch 
entzückt der Nordflügel des Querschiffes, dessen breite Giebel 
fläche durch ein riesiges, fünftheiliges Spitzbogenfcnstcr unter 
brochen wird, mit seiner eleganten Architektur, vor Allem mit 
einer sehr reich gehaltenen Rose als eine der edelsten, ja, als 
eine geradezu musterhafte Schöpfung des Backsteinbaues! Nock- 
wachen am Haupteingange die Gestalten des heiligen Nikolaus 
und Bartholoinäus, welchen diese Stiftskirche einst geweiht war. 
Noch ragt im Osten der hohe Chor in den reinsten Verhältnissen 
| auf; noch schließt die Westfront mit zwei quadratischen Thürmen 
! und einem Glockenhause ab. Hier aber fehlt doch viel des 
alten Schmuckes. Zunächst eine hohe Marien-Kapelle, welche 
dieser Front der Kirche einst vorgelagert war: sic stürzte während 
des 30jährigcn Krieges zusammen. Auch die beiden hoch 
ragenden Thurmspitzen, deren eine mit Blei, die andere mit 
Kupfer gedeckt war, sammt den zierlichen vier Eckthürinen sind 
nicht inehr vorhanden. Diese Spitzen ivaren das letzte Werk 
der Bauthätigkeit des Domstiftes; sic wurden erst im Jahre 
1525 vollendet. Als man dainals die Urkunde für den Thurm- 
knopf verfaßte, flocht man bereits sehr bittere Klagen über das 
Anwachsen der Ketzerei und die Verfolgungen des altgläubigen 
Klerus in den Wortlaut ein. Im Jahre 1600 wurden beide 
Spitzen von dem Blitz getroffen; inan baute sie nicht Wieder 
aus, sondern schloß die Thürme mit Kappen ab. 
Im Jirnern des Gotteshauses, welches, obwohl nur drei- 
schiffig, durch Hineinziehung der Seitenkapellen zwischen die 
Strebepfeiler den Anschein einer fünfschiffigen Kathedrale er 
halten hat, erfreut vor Allem das tiefe Roth der ungetünchten 
Wände und Säulen. Im hohen Chore aber fesselt uns die 
düstere Farbenpracht der Glasmalereien, — Reste edler, alter 
Kunst. Dort winken schön geschnitzte Chorstühle; noch sind 
vier Reihen derselben vorhanden; hier grüßen uns ehrwürdige 
Grabinäler. Das wichtigste der letzteren ist der schlichte Sand 
stein des Markgrafen Konrad aus dem erlauchten Hause der 
Ballenstädter. Nur vier Monumente von Männern dieses 
edlen Fürstengeschlechtes sind's, welche sich zu uns hinüber 
gerettet haben: im Havelberger Dome die Grabsteine zweier 
Prinzen, welche den Bischofssitz des großen Anselmus hatten 
einnehnien sollen, in Lehnin das Denkmal jenes Mönches Otto, 
welcher mit der Tochter Rudolfs von Habsburg verinählt 
gewesen, dann aber Tempelherr und endlich Cisterciensermönch 
geworden war, und hier dieser Stein, dem ritterlichen Konrad 
schon vor dessen Tode errichtet, wie aus dein Fehlen des 
Datums hervorgeht. 
An Kunstschätzen ist der Dom von Stendal deinnach nicht 
eben reich; die Würde und der Adel der Architektur wirken 
hier allein, und sie thun dies mit erhebender Kraft. Noch im 
Jahre 1747 besaß dies Gotteshaus einen vortrefflichen ehernen 
Taufkeffel, ein „ansehnliches Werk, an dessen Fuß und Deckel 
sannnt zugethürmtem Gehäuse viel künstliche Bilder sich befanden." 
Das Patronat des Domes war nach der Reformation auf die 
Universität Frankfurt übergegangen; allein sowohl die Hoch 
schule wie auch der Generalsuperintendent der Altmark, der 
Pastor Silberschlag, gestatten es, daß im Jahre 1787 das
        
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