Path:
Volume 10. November 1888 Nr, 6

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

66 
den Eisenkappen geknickt. Langsam nur zogen die Reisigen 
dahin; denn vor ihnen schritten Fußgänger einher, welche drei 
mit Laub geschmückte und mit Mänteln verdeckte Bahren 
trugen. Eine dichtgedrängte Menge von Bürgerfrauen und 
Kindern geleitete den düstern Zug, welcher langsam dem 
eisernen Portale der Friedhofsmauer des Domkirchhofes zuzog. 
„Die Reste der Burgsdorf'schcn Kürassiere!" sprach Rvchow 
leise und düster. „Es sind ihrer kaum sechzig Reiter! Ich hab' 
cs wohl gedacht, daß der Domdechant den Liliehock mit festem 
Arme packen würde. Der Obrist selber fehlt; der Schwede 
Pfuel hat also Wahres nur verkündigt. Doch Gott Lob, daß 
diese sechzig hier sind; sie sind mir hochwillkommen!" 
Das Fräulein Anna Katharina antwortete ihm nicht; sic 
beobachtete ihre Gesellschafterin, welche bleich und zitternd mit 
weitgeöffnetcn Augen auf die Nahenden hinunterblickte. Jetzt aber 
wendete sich der Blick der Bürgermeistertochter wie fragend und 
eine stumme Bitte ausdrückend auf das Fürstenkind. 
„Gewiß, Johanna!" erwiderte die Gräfin von Hohen- 
zvllern. „Der Herr von Rochow wird die Güte haben. Dich 
zu geleiten und mir dann das Nähere zu melden." 
Ehrerbietig inachte das Volk, — machten die Reiter dein 
Obristen und Kommandanten der beiden Städte und der 
Bürgermeistertochter Platz. Düstren Groll in dcn wetterharten 
Zügen, hielten die Burgsdorf'schen Reiter außerhalb des Fried 
hofes auf dem kleinen Platze zwischen der „Brüder-" und der 
„Großen Straße." Ihre Offiziere waren abgestiegen und hatten 
den drei Bahren das Geleit in die Domkirche gegeben. In 
dem hohen Chore derselben, zwischen dem schlichten Tische, 
welcher hier, in dem reformirten Gotteshause, die Stelle des 
Altares vertrat, und jencin Monumente, welches der Künstler- 
genius Peter Vischers dem alten Markgrafen Johannes Cicero 
errichtet hat, standen die von den Reitern geleiteten, mit 
dunklen Eichenreisern reich geschmückten Heldenbetten jetzt. 
Noch aber verbarg die Menge der das Kirchenschiff füllenden 
Bürger dem Obristen von Rvchow und seiner Begleiterin, welcher 
er' schützend den Arm geboten hatte, den Anblick der drei Bahren. 
„Wer ist's?" fragte der Obrist einen Reiter, welcher, sobald 
er ihn erblickt hatte, ihm den Weg zu bahnen bemüht war. 
„Herr Obrist - Lieutenant von Wulffen, Rittmeister 
von Hohendorf und ein Körnet, Hans ..." 
Ein Ausruf tiefsten Schmerzes unterbrach den Mann. 
Johanna Wedigcn hatte sich aus dem Arme des Obristen los- 
geriffen und war einer Bahre zugeeilt, auf welcher, mit dem 
blonden Haupte dem Altartische zugekehrt, ein bleicher, junger 
Offizier im Todesschlummer ruhte. Sic warf sich über ihn 
hin, der eisigen Todeskälte nicht achtend, welche ihr entgegen 
strömte. Ein einziges, tiefergreifendes: 
„Mein lieber, lieber Bruder!", — 
und dann ein krampfhaftes, verhaltenes Schluchzen, während ihre 
Thränen in die blonden Locken des Gefallenen niederströmten. 
Bald standen auch ihr Vater und ihre Mutter neben ihr. 
Frau Enphrosyne Margaretha aber weinte und klagte nicht; in 
großem, stummen Schmerze strich sie mit der Rechten dem 
heißgeliebten Sohn nur mütterlich das Haar aus Stirn und 
Schläfen, während die Linke in der Hand ihres Gatten ruhte. 
Es war ein herber Zug, welcher sich um die festgcschloffcnen 
Lippen des Bürgermeisters gelagert hatte; doch wie ein Leuchten 
zog es über seine hohe, klare Stirn. Jetzt aber rann eine Thräne 
auch'ihm aus dem Auge. Da ward ihm leichter. 
„Wo trägt er wohl die Wunde, mein Herr Obrist?" 
fragte er den neben ihn stehenden Herrn von Rochow. „Sein 
Haupt ist unverletzt." 
Rochow schlug den Mantel zurück. Da sah man's klar, 
— das tödtliche Geschoß war in die Achselhöhle eingedrungen. 
Ehrerbietig trat jetzt ein Burgsdorf'scher Offizier zu der 
Gruppe der Trauernden heran. Er trug eine zerschossene 
Standarte, welche mit dem rothen Adler geschmückt war, lind 
legte sie auf die Bahre des Fähnrichs Wedigen nieder. 
„Hier ist ihr rechter Platz!" sprach er dann feierlich. 
„Es hat sie ritterlicher nie ein Mann getragen! Wir hatten 
zlveinlal angegriffen auf den ,rothen Feldern^, und mm ging's 
zum dritten Male vor! Er war der Erste an dem Feinde! 
,Jch schlelidre die Standarte weit in das Quarre hinein; — 
wir müssen sie uns wiederholen!' rief er lallt. So stürmte er 
dahin. Hoch flatterte ob seinem Haupt der rothe Adler; schon 
hob er zu dem Wlirfe aus, da saufen Fahne, Mann und Roß 
zugleich. Unter der Panzeröffnung an der Achsel hatte das 
Geschoß den Weg gefunden 31t des Lebens Sitz! Wohl klag' ich 
lim den wackern Kameraden; indeß, — Herr Bürgermeister, — 
auch ich wünsche nur einst solchen Tod! Weint nicht, ihr werthen 
Fraucil, seiet stolz auf solchen Sohil und Bruder!" — 
Da erhob sich auch Johanna Wedigen getröstet von der 
Leiche ihres Bruders. 
„Küß ihn noch einmal, liebe Tochter," sprach der Bürger 
meister, „und wenn Dir's möglich ist, so thue Deine Pflicht. 
Ich und die Mlittcr sorgen schon für Alles, lvas ihm noch zu 
thun ist, unserin lieben, lieben Jlingen." 
Sie umarnlten sich. Dann führte Rochow die schluchzende 
Tochter des Bürgermeisters nach dem Schlosse zurück. Die 
Offiziere lind die Rathmannen drängten sich zu Johannes 
Wedigen, ihm die Hand zu drücken und ihn zu trösten. Wohl 
standen dem wackern Manne die Thränen in den Augen, wohl 
pcrleten dieselben hell und licht über feine Wangen dahin; 
allein deuilvch vermochte er mit fester Stimme zri sprechen: 
„Ja, ihr Herren, ihr sagt wohl recht: Er war mein 
Einziger; aber ich lvußte, was ich that, als ich ihn dem Dienste 
seines Vaterlandes weihte. Hätt' ich's geahnt, — ja, hätte 
ich's gewußt: ich hätt' es doch nicht aildcrs halten können. 
Wohl ihm, daß er so enden durfte!" — 
IV. 
Jetzt hatte sich die kühle Herbstesnacht auf die müde, 
geängstigte Stadt und aus die wüsten Felder ihrer Umgebung 
herabgesenkt. Das war ein Tag gewesen! Der Bürgermeister 
von Kölln, auf dessen Schultern bei dem Alter des einen und 
bei der Unfähigkeit des andern der Berliner Stadthäupter die 
gesamnite Last der Geschäfte ruhte, hatte auch am Nachmittage 
keinen Aligeilblick gefullden, um sich der tiefen Trauer, welche 
sein Herz erfüllte, hingeben zu können. Die todtinatten Burgs- 
dorf'schen Reiter mußten gespeist und getränkt werden, ehe ihnen 
die verödete Domdechanei in Kölln znm Standquartiere an- 
gewiesen werden sonnte; die Offiziere mußten bei ben Bürgern 
untergebracht, — es mußten ferner Lebensmittel gesaminelt 
und die vorhandenen Vorräthe sowohl auf die Dauer ihres 
Vorhaltens geprüft, wie nach den Rathhänseril beider Städte 
geschafft werden, von lvo aus sie dann am leichtesten vertheilt 
werden konnten. Dann, in dem Abenddämmeril, waren die Land
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.