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Periodical volume 6. October 1888 Nr, 1

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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trauet eingebaute Wendeltreppe herab. „Komm' Einer 'mal 
heraus!" so klang's der Mannschaft zu. „Ich glaube auf dem 
Tempelhofer Weg zwei Reiter zu erblicken." Es war der 
Wachthabende. 
„Du siehst Gespenster, Meister Arndt!" rief einer der Kum 
pane ihm als Antwort zu. 
„Bei Gott! Auch der Trontpeter meint" — 
Doch schon hatte sich der Rottmeister der Dragoner „von 
Rochow" pflichtgetreu erhoben; sporenklirrend eilte er die enge 
Stiege hinauf; gespannt harrten unten die Andern. 
Indeß — sie hatten nicht lange zu warten. Vo>n Thurin 
''erab klang ein Trompetenstoß. Und jetzt kehrte auch der 
stottmeister zurück; mit ihm der Bürger, der bisher gewacht 
satte. Die Männer in der Thurmhalle hatten unterdessen ihre 
Lasten ergriffen. 
„Es sind ihrer wirklich nur zwei, — zwei Schweden, wie 
es scheint!" rief der Kriegsmann ihnen zu. „Lasset uns hin 
aus! — Meister Arndt und ich, wir wollen uns in das Außen 
werk begeben. Ihr aber alarinirt!" 
Langsanr öffnete sich die kleine Thür, welche in den 
schweren Thorflügel eingelassen war; — langsam senkte sich 
die Brücke über den äußeren Graben herab. Ueber sie hin 
weg schritten die Männer einer Schanze zu, welche vor dein 
Teltower Thore zuin Schutze des Gertraudeit-Kirchleins aufge 
worfelt war. Unterdesseit blies der Trompeter ans dem Thor- 
thnrme der ruhenden Stadt selbst das schmetternde Signal zu: 
„Feinde in Sicht!" Der Thürmer auf St. Petri hatte das 
selbe wohl vernominen; denn nach wenigen Augenblicken sendete 
auch die alte „Anna Susattita" auf dem Thurine der Pfarr 
kirche von Kölln ihre dumpfen Töne über ihren Sprengel hin; 
die Berliner Glocken antworteten; die Städte waren alarmirt. 
Als der Dragoner-Rottmeister mit seinein schiveigendeit, 
ernst tind männlich dreinschauenden Begleiter die Krone der 
Schanze hinter dem lindenumbuschten Kirchlein zu St. Gertratid 
erreicht hatte, wareit auch die Reiter, welche inan vom Thor- 
thurine aus erblickt hatte, bis an den Rand jenes Grabens 
gelangt, welcher zum Schutze der eiligst aufgeworfenen Be 
festigung um das Gotteshaus herumgeleitet ivorden war. 
Ja, es waren Schweden, welche zur Stadt kamen, — ein 
Rittmeister und ein Trompeter; das zeigte die gelb und blaue 
Schärpe des Offiziers und das gelb und blaue Fähnlein, mit 
welchem die Trompete seines Begleiters geschmückt war. Die 
Freniden hielten vor der Zugbrücke, welche sich vor deni Eiitgange 
zur Schanze befand; mit einer schmetternden Fanfare blies der 
Trompeter die Residenzen an. 
„Was ist Euer Begehr?" fragte der Rottineister. 
„Einlaß in die Stadt!" ettönte es zurück. 
„Und Etier Geschäft?" 
„Hab' mit beut Rathe zu verhandeln." 
„Wartlin nicht mit dem Koinmandanten?" 
„Weiß wohl, daß der nicht weilt im Schloß zu Kölln!" 
erwiderte der Offizier. Aergerlich aber fuhr er danit fort: 
„Kerl, wage er's nicht, ntich zu äffen. Bin ein Märkischer 
von Adel und meine es ttur gut mit den Residenzen Sr. Durch 
laucht, meines alten, gnäd'gen Herrn. Käm' ich sonst mit dein 
einen Mann? — Was will das dumme Stürmen drüben 
denn bedeuten?" 
„Es ist Befehl vom Rathe so, mein Herr!" erwiderte der 
Sattlermeister Arndt. 
„Wenn zwei Mann kommen? — Herzen habt ihr wie 
die Hasen! — Allein ich gebe euch mein Wort: Herr Obrist 
Btittler steht noch hinter Teltow. Roch droht euch nicht die 
mindeste Gefahr. Ich bin die Nacht geritten, tveil ich Weg 
ttnd Stege kenne, und weil ich's den arnten Teitfeln in der 
Landschaft hier hernnt ersparen ivill, noch ihr Letztes zu ver 
lieren. Oeffnet schnell! Jst's bei Euch Brauch, Gesandte also 
zu behandeln?" 
Der Dragoiter ging, um die Zugbrücke niederzulassen. 
Eine Verhandlung mit dein Feinde abzuweisen, ivar überhaupt 
in jener Zeit nicht mehr gebräuchlich. Feste Freundschaften 
und tödtliche Feindschaften kannte man nicht mehr im deutscheit 
Reiche. Denn nun, nach beinahe zwanzig Jahren eines 
wechselvollent Kampfes waren die Menschen, die Dinge derartig 
durch einander gerüttelt und geschüttelt worden, daß ntan ebenso 
viele Beziehungen zu dem Gegner, wie zu dem Verbündeten besaß.— 
Als die Huftritte der beiden Roste dnntpf ans der Zug 
brücke zur Schanze ertönten, begann der Nebel zu fallen. 
Es versprach, ein schöner Herbstestag zu werden, — einer von 
denen, welche die lachendsten ntid die lieblichsten des ganzeit 
Jahres sind für die Brandenburger Mark. Was mochte er 
den Schwesterstädten bringen? — 
Der schwedische Offizier warf, während die Brücke wiederum 
atifgezogen wurde, eilten flüchtigen Blick ans den stilleit Fried 
hof von St. Gertraud. Es flog wie ein Schatten über seine 
schönen, stolzen Züge. „Ein Kirchlein, ime in meiner Väter 
altent Sitz Garzin!" sprach er leise vor sich hin. „O, es ist schwer, 
einem fremden Banner zu folgen! Doch warum mußte dieses 
Landes Fürst sein Volk so muthlos und gewiffenlos verlasseit!" — 
Sie schickten sich an, der Stadt zuzuziehen. „Herr Ritt 
meister, — nach altent Brauch muß ich bitten, daß Ihr Euch 
die Augen verbinden lasten wollet!" sprach der Bürger Arndt. 
Da lachte der schwedische Offizier hell tmb fröhlich auf. 
„Bin in Berlin so gut zu Hatis', wie je ein Juitge, der mit 
Master aus der Spree getauft ward, und hab' in Kölln der 
lust'gen Streiche einst genug getrieben, als ich noch Page war 
bei der hochsel'gen Kurfürstin! Sparet die Rarrenspoffen, 
wackerer Meister. Heiße Heino Pfuel; — ihr dürst mir trauen 
allerwegen!" 
Der ernste Bürgersmann verbeugte sich. „Wer sind die 
Bürgermeister dieses Jahres?" ftlhr iitdeß der Reiter fort. 
„Jit Kölln Herr Johann Wedigen, — zu Alt-Berlin 
Herr Heinrich Retzlow und Herr Valentinus Döring." 
„Den Valentinus Döring aus der St. Georgenstraße 
kenn' ich wohl; — der lieferte bei Hofe die Gewürze und ist 
nur ein reicher, dicker Thor!" 
„O Herr, der Reichthum ist dahin!" 
„Ein Narr, wer's glaubt! Die blankeit Gulden harren 
in der Erde Tiefe nur des Mannes, der die Springwurzel 
gefunden!" — „Doch lassen wir das!" fuhr der Offizier 
fort, sich austichtend und einen ernsteren Ton annehmend. 
„Ihr scheinet mir ein stiller und verstäitdiger Bürger. Rennet 
mir unter den beiden anderen Herren einen Mann von Ver 
stände, mit welchem sich in würd'ger Weise mtterhandeln läßt." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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