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Periodical volume 3. November 1888 Nr, 5

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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siebenundzwanzig Jahre mit seiner Gemeinde im Zerwürfniß lebte. 
Unter den Beschwerden seitens der Gemcindemitglieder befindet sich 
auch folgende: „Er habe in Neuzauchischen und Straupitzer 
Wassern das Fische- und Krebßfangen gepachtet; dieses veranlaßte 
ihn, daß er täglich und nächtlich im Walde läge, und wenn er ja 
allenfalls heim käme, nach seiner Arbeit, die, da er auf eine Meile 
Weges hin und her fahren müsse, ihm sauer werden müßte, aus 
schlafe. Dadurch versäumet er den Unterricht der Jugend, den er 
durch sein Weib besorgen ließe. Wie denn derselbe von Ostern 
dieses Jahres an keine Schule gehalten, sondern das Fischen kon- 
tinuirlich abgewartet habe." 
Daß das Lehrergehalt schon damals zur Fristung des Lebens 
trotz aller schweren Nebenarbeit nicht ausreichte, erkannte man selbst 
an höchster Stelle an. König Friedrich Wilhelm I. schrieb in 
seinen principiis regulativis: „Ist der Schulmeister ein Handwerker, 
kann er sich schon ernähren; ist er keiner, wird ihm erlaubt, in der 
Ernte sechs Wochen auf Tagelohn zu gehen." — 
Wie Gemeinden und selbst der Schulpatron über die Stellung 
des Lehrers in seinein Amte urtheilten, geht daraus hervor, daß 
die Gemeinde zu Lehde wagte, ihren Lehrer abzusetzen. Ein Gleiches 
that der Patron des Schuldorfcs Großbeuchow. Beide wurden 
jedoch durch höhere Instanzen belehrt, daß die Stellung des Lehrers 
doch eine festere sei. — So sehr wir auch in mancher Beziehung 
die guten, alten Zeiten zurückwünschen, so wenig können wir es in 
Bezug auf das Schulwesen thun und wollen uns freuen, daß 
die Anfangsstadien desselben hinter uns liegen. 
Kleine Mittheilungen. 
Jas Marmorpakais. (Mit Abbildung.) In den Tagen, wo Seine 
Majestät der Kaiser von den Höfen der befreundeten Großmächte in das 
traute Heim zurückkehrte, lenkte sich der Blick des dankbaren Volkes auf 
den Wohnsitz des jungen kaiserlichen Paares, den es sich zu sommerlicher 
Ruhe ausgewählt hatte. Angesichts der klaren Fluth des heiligen See, 
der Parkanlagen, der Terrassen und der weiten Aussicht, welche das 
Schloß gewährt, könnte man versucht sein, diesen Sommersitz mit dem 
Schlosse Miramare bei Grignano am adriatischen Meere zu vergleichen. 
Während aber dort ein Schloß als Kalksteinbau von Wind und Wetter 
zerfressen, unbewohnt und einsam an schönem Gestade liegt, eine ruinen- 
hafte Erinnerung an die Geschichte eines unglücklichen, heldenhaften Fürsten, 
des Kaisers Maximilian von Mexiko, wohnt hier im hell schimmernden, 
steundlichen Marmorpalais der Friede eines glücklichen Familienlebens, 
umweht von den frischen Lüsten, die von dem heimathlichen See, umrahmt 
von lieblichen Ufern, herübereilen. 
Literarisches. Wir leben in dem Zeitalter der Reformations- und 
Luther-Festspiele. Das Jahr 1883 hat zahlreiche Jubiläumsfestspiele ge 
zeitigt, unter welchen zwei, die Volksdramen von Otto Devrient und 
H a n s H e r r i g, eine besonders hervorragende Stellung einnehmen. Letzteres 
hat einen Triumphzug durch ganz Deutschland gehalten, während Devrients 
Lutherspiel durch Schenkung des Dichters auf Jena beschränkt blieb und 
diesen Ort zu einem protestantischen Oberammergau machte, zu welchem 
jährlich viele Tausende pilgerten. Aber noch heute erscheinen unausgesetzt 
neue Lutherspiele, welche bestrebt sind, den Wettstreit mit ihren Vorgängern 
siegreich aufzunehmen, und die dramatische Lutherliteratur wächst in be 
deutender Weise an. 
Dem Interesse des Publikums für die dramatische Lutherliteratur 
nach Kräften entgegenzukommen, den Zweck der Lutherspiele und deren 
Werth oder Unwerth für die Bühnenreform kritisch zu beleuchten, ist die 
Aufgabe einer Schrift, die unter dem Titel: „Die Lutherfestspiele", ge 
schichtliche Entwickelung, Zweck und Bedeutung derselben für die Bühne 
im Verlage von R. Herross in Wittenberg erschienen ist. 
Das Werk beruht auf sorgfältigen Quellenstudien und wird manchem 
Leser ein erwünschter Führer sein. 
Die Erschießung der fünf desertirten westfälischen Soldaten 
durch die Aranzosen am 16. Auli 1813 bei Koltöus. Etwa eine 
Stunde nördlich von Kottbus, auf der Sylower Feldmark, erhebt sich in 
mitten von fünf mit Strauchwerk umfriedigten, wohlgepflegten Gräbern 
auf einem Sockel von Granit ein eisernes Grabkrcuz, das auf einer Seite 
die Auffchrift trägt: 
Ruhestätte der unter französischer Herrschaft am 16. Juli 1813 
erschoffenen Krieger aus Westfalen 
K. Mocke, 
H. Menke, 
F. Kersik, 
F. Westphal, 
A. Breemer. 
Auf der anderen Seite befindet sich folgende Inschrift: 
Liebe zum Vaterlande war ihr Tod. 
Gesellt von der Stadt Kottbus und Umgebung 
1845. 
Und schmücken Euch auch keine Ruhmesballen, 
Für Deutschlands Freiheit seid auch Ihr gefallen. 
_ Wenig bekannt ist in der nächsten Umgebung die Stätte, an der 
einst deutsche Jünglinge ihr Blut für die deutsche Sache, wie jene Opfer 
zu Wesel, dahingeben muhten; wenig bekannt ist die Geschichte dieser Un 
glücklichen, von der wohl auch nur wenige Leser Kenntniß haben. 
Es war im Juli 1813. Das wiedererwachte Preußen hatte die 
ersten Schlachten zur Besteiung vom Joche des korsischen Machthabers 
geschlagen, aber noch mußten Sachsen, Westfalen, Rheinländer gegen ihre 
deutschen Brüder kämpfen. Zur Ergänzung ihrer in den blutigen Schlachten 
oei Groh-Görschen und Bautzen geschwächten Heeresmacht und zur Ver 
vollständigung ihrer Rüstungen hatten die kriegführenden Parteien einen 
Waffenstillstand geschlossen, der später bis zum 17. August ausgedehnt 
worden war. Der französische Generalfeldmarschall Oudinot hatte sein 
Hauptquartier in Lübben. Um die Stadt Kottbus hatten die Franzosen 
mit einem Regiment Kavallerie, es waren Westfalen, einen Kordon ge 
zogen. 
Um nicht weiter gegen deutsche Brüder kämpfen zu müssen, desertirten 
acht dieser Westfalen in der Hoffnung, die nahe preußische Grenze er 
reichen zu können. (Die Lausitz gehörte noch zu Sachsen.) Glücklich 
waren sie auch bis Goyatz gekommen; die ermatteten Pferde nöthigten 
sie jedoch Rast zu machen, und sie sattelten an der Schänke des Ortes 
ab. Ihre Flucht war aber leider nicht unbemerkt geblieben. Der fran 
zösische Oberst schickte den Deserteuren Reiter nach, welche unterwegs von 
einem Bauern aus Sylow über die eingeschlagene Richtung der Flüchtlinge 
genau unterrichtet wurden und die Flüchtigen infolge dessen in der 
Goyatzer Schänke einholten. Nach kurzem Kampfe, in denen es drei der 
Westfalen gelang, auf ihren Pferden zu entkommen und sich auf das nahe 
von den Preußen besetzte Gebiet zu retten, wurden die fünf andern über 
wältigt und in das Quartier zurückgebracht, woselbst der erwähnte fran 
zösische Oberst, der als ein harter Mann geschildert wird, trotz ihrer ein 
dringlichsten Bitten um Pardon, die Erschießung der Deserteure verfügte. 
Diese wandten sich noch mit einem Gnadengesuche an den Generalfeld 
marschall Oudinot. Ohne jedoch dessen Antwort abzuwarten, befahl der 
Oberst den unverzüglichen Vollzug der Execution. Die Delinquenten 
wurden je einer auf einen Leiterwagen gesetzt und trugen jeder eine baum 
wollene Mütze auf dem Kopfe. Zur letzten Labung hatte man ihnen je 
eine Flasche guten Weins auf den Weg gegeben, dem sie trotz des ihnen 
bevorstehenden Schicksals wohl eifrig zugesprochen haben müssen, wie denn 
ein Augenzeuge, dessen Bericht hier wiedergegeben ist, versicherte, daß 
die Unglücklichen in recht animirter Stimmung gewesen seien. Auf dem 
Sylower Felde angekommen, wurde die Execution vollzogen. Wer ver 
mag aber den Schmerz der Anwesenden zu schildern, als, so 
fort nachdem die Kugel auch den Letzten dahingestreckt hatte, 
eine Stafette mit dem Pardon des Generalfeldmarschalls ein 
traf! — Von jenem Berräther aber geht die Sage, daß er immer mehr 
verarmte, in seiner Heimathsgemeinde als Geächteter und Verstoßener 
ein freudloses Dasein führte und zuletzt als Bettler, von allen Menschen 
gemieden und von ihren Schwellen verstoßen, ein trauriges Ende fand. — 
Kurze Zeit nach der Erschießung der fünf Westfalen hat ein alter 
Invalide in Kottbus, mit Namen H cllwig, der noch unter dem alten 
Fritz gedient hatte und bis an sein Lebensende mit Zopf und Dreimaster 
durch die Straßen schritt, sich zuerst der Ruhestätte der Erschossenen ange 
nommen, die Gräber gepflegt und um letztere zur Ableitung des Wassers 
einen Graben gezogen. Sein Sohn, der den Posten eines Packhofsbuch 
halters bekleidete, erließ mit einigen andern edeldenkenden Freunden einen 
Aufruf (am 28. November 1844), in welchem um freiwillige Beiträge zur 
Errichtung eines Denkmals, „für die fünf deutschen Jünglinge, welche ihre 
Liebe zum Vaterlande mit dem Leben büßen mutzten" gebeten wurde, in 
folge dessen 86 Thlr. 10 Sgr. 3 Pfg. und bei der Enthüllungsfeier noch 
5 Thlr. 20 Sgr., zusammen also 92 Thlr. 3 Pfg. eingingen. Nachdem 
von der Dorfgemeinde Sylow, als der Eigenthümerin des Platzes, die Ge 
nehmigung zur Errichtung des Denkmals ertheilt worden war, konnte 
dasselbe errichtet und am 16. Juli 1845 eingeweiht werden. 
Als am 18. Oktober 1869 die 50jährige Erinnerungsfeier der 
Schlacht bei Leipzig überall in patriotisch-festlicher Weise begangen wurde, 
veranstalteten die Bewohner der Stadt Kottbus an dieser historischen 
Stätte eine erhebende Gedächtnißfeier; Vereine und Tausende anderer 
Personen wallsahrteten hinaus zu den Gräbern der Erschossenen, und noch 
bis heute sind dieselben ein oft- und vielbesuchtes Ziel der Kriegervereine 
aus Kottbus und deffen Umgegend geworden, welche immer wieder die 
verfallenden Grabhügel pflegen und verschönern. 
A. Prenzel. 
Kunde aus der Mark. — In dem herrschaftlichen Forst von 
Steinhövel bei Fürstenwalde sind große Massen von Steinsetzungen 
gefunden worden, zwischen denen sich Urnen mit Leichenbrand und zierliche 
kleinere Thongefäße befanden. Das Märkische Museum hat auch die
        
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