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Periodical volume 28. September 1889 Nr, 52

Full text: Der Bär Issue 15.1889

das Ereignis auf eilt angebliches Versprechen des Prinzen, 
nicht wieder zu heiraten. 
Am 14. November hielt das junge Paar seinen feier 
lichen Einzug in Berlin, iuid auch hier gab es eine Reihe 
prunkvoller Festlichkeiten. Die reizende junge Kurprinzessin 
bezauberte den ganzen Hos, den Kurfürsten, ihren Schwieger 
vater an der Spitze, und tvußte selbst dessen ihr abgeneigt ge 
wesene Gemahlin, die Kurfürstin Dorothea, durch ihr an 
mutiges, kluges und taktvolles Betragen für sich einzunehmen. 
Berlin war unter der langen Regierung des großen Kur 
fürsten, kräftig emporgewachsen. Die während des dreißig 
jährigen Krieges auf zehntausend gesunkene Einwohnerzahl 
hatte sich mehr als verdreifacht, und die Ordnung und Rein 
lichkeit der Stadt, der Wohlstand und die Bildung der Ein 
wohners sowie der Glanz und Geschmack des höheren Lebens 
wurden, anerkannt unb gepriesen. Auch die Künste hatten eine 
gastliche Wohnstätte in Berlin erhalten, indein durch den 
großen Kurfürsten, einem warmen Freund derselben, eine Ge 
mäldesammlung angelegt und vornehmlich niederländische 
Künstler nach seiner Hauptstadt berufen waren. Auch hielt er 
eine musikalische Kapelle, unter deren Mitglieder!: sich hervor 
ragende Virtuosen befanden. 
Vorzüglich aber hatten die zum großen teil vornehmen 
hochgebildeten Familien der proieschntischen französischen 
Refilgiss, welche in Berlin Aufnahm^ gefunden, zur Ver 
feinerung der Sitten und zur Verbreitung geschmackvoller 
Kenntnisse und Fertigkeiten beigetragen, gleichwie durch sie auch 
der Gebrauch der französischen Sprache in den höheren Kreisen 
allgemein gewordeit war. Ein anderes großes Verdienst der 
Eingewanderren bleibt die Erweckung und Belebung des bis 
dahin fast ganz darniedergelegenen Gewerbefleißes in Preußen. 
Allein neben diesen unleugbaren durch die Eingewan- 
derten hervorgerufenen Lichtseiten machten sich bald unerfren- 
liche Schattenseiten bemerkbar, indem welsche Frivolität und 
Ueppigkeit, namentlich Ptltzsucht der Frauen, air stelle der 
bisherigen allerdings etwas steifen und langweiligen Einfach 
heit und Ehrbarkeit in Tracht und Sitte traten. Aus jener 
Zeit rührt der Gebrauch her, in den Familien des Adels und 
des höheren Bürgertitms die Kinder durch Franzosen, nament- 
lich aber durch sogenannte „französische Deinoisellen" er 
ziehen zu lassen, welche, oft gang unwissend, dafür aber frivol 
und thöricht, soviel Unheil anrichten sollten. 
Eine sehr selten gewordene im Jahre 1689 erschienene 
Schrift: „Der Teutsch-Französische Modengeist, wer es liefet, 
der verstehets^, klagt in beweglichen Ausdrücken über die Ver- 
welschung d§r guten väterlichen Sitten. „Sonsten", sagt der 
iingeitannre Autor, „wurden die Franzosei: bei denen Teutschen 
gering ästimiret, heut zu Tage können wir nicht ohne sie leben 
und muß alles französisch sein. Französische Sprache, französische 
Kleider, französischer Hausrat, französische Speisen, französisch 
Tanzen, französische Krankheiten, und ich befahre, es werde 
auch ein französischer Tod darauf erfolgen, weil ja die hier 
durch verübten Sünden nichts anderes prognosticiren. — 
Jetzt heißt's: 
Wer nicht französisch kann, 
Der kommt zu Hof nicht an. 
Wenn die Kinder sozltsagen kaum ausgekrochen sind, so 
werben sie schon dem französischen Moloch geopfert und die 
Elteri: sind auf den französischen Sprach- und Tanzmeister be 
dacht. In Frankreich redet Niemand teutsch, aber bei uns 
Teutschen ist die französische Sprache so gemein geworden, 
daß bereits Schitster, Schneider imd Gesinde dieselbe zu rede:: 
pflegen. — Will ein Junggesell heute bei einem Frauen 
zimmer gut ankommen, so muß er mit französischen Hütigen, 
Westen, galanten Strümpfen :c. angestochen kommen. Wenn 
dieses ist, mag er sonst eine krumme Habichtsnase, Kalbs- 
Ailgen, Blicket, krunime Beine und dergleichen haben, so fragt 
man nichts darnach. Man hält ihn für einen geschickten 
„Monsieur", und wem: er statt des Gehirns Heckerling im 
Kopfe hat. — Will sich ein Studiosus um eine Kondition be 
werben, wird er gleich gefragt, ob er parliren sönne, sonst 
sei es vergebens, denn: 
Die teutsche Sprach' kömmt ab, ein' andre schleicht sich ein, 
Wer nicht französisch redt', der muß ein Simpel sein. — 
Und erst die Franenziminer! Die Köpfe sehen ans, daß 
mail dafür erschröcket und nicht weiß, ob es Schweinsköpfe 
sind, oder ob sie Ruß-Butten feil tragen. Bald trägt man 
Standarte!:, bald Eornethailben, bald Wiedehoppen-Nester. 
Und ist das allerärgste, daß nicht nur das Frauenzimmer des 
wegen selbst nach Frankreich reiset', sondern auch noch Model, 
oder angekleidete Puppen, aus Frankreich bringen läßt für 
viele Thaler: damit man ja genail des Teufels Hoffahrt nach- 
sinachen köilne. Damit die Franzosen die Blütngen in ihren 
-Gesichten: bedecken mögen, haben sie die Schönfleckigen er 
sonnen. Dieses habe:: auch unsere teutschen Jungfern nach 
geäfft und sich ausgeschnittene Fliegen, Käfer, Hasen, Esel, 
Schaf, Riilder und Schweine geschnitten, daß also die Fran 
zose!: ilichts so närrisch habei: ausspintisirei: können, welches 
die Teutschen nicht viel närrischer nachgeahmt hätten." 
(Fortsetzung folgt.) 
Brandenburger Reminiszenzen. 
Von Gustav DuUa. 
(Schluß.) 
Nachdem auch die Polizeivenvaltung verbessert war, machte 
sich Ziegler an das Krankenhaus. Dasselbe lag in der 
Neustadt uild befand sich in kläglicher Verfassung. Nachdem 
verschiedene Pläne, Umbauten desselben vorzunehmen, als un 
praktisch verworfen ivaren, wurde ein neues Krairkenhaus in 
der Alfftadl nahe dem Ordonnanzhause errichte:, welches mit 
den der Zeit ei:tsprechei:den Einrichtungei: versehet: ward.» Bei 
eiilgehender Besicht:gung zollte der Oberpräsident demselbei: 
seine volle Anerkennung. In dem Ordonnanzhause wurde später 
eiire Waisenanstalt ins Lebei: gerufen. 
Die Forst kannte Ziegler aus- und inwendig. Wir haben 
gesehen, wie gering die Erträge waren, welche sie in alten 
Zeiten brachte. Ziegler sorgte dafür, daß ein geordneter forst 
wirtschaftlicher Betrieb eingerichtet wurde, 'soweit dies ohne 
technische Taxation des Forstes möglich ivar, datz Schoimngei: 
regelmäßig zur Anlage kaii:en, und daß der Abtrieb in regel 
rechten Grenzen blieb. Ms Ziegler eben ins Amt getreten 
war, wollte bei einer Bereisung des Forst, so erzählt man 
sich, ein schlauer Forstdeputirter, dem es fremd war, daß Ziegler 
den Wald viel besser kannte, als jener, den: Oberbürgermeister 
die Herrlichkeiten des Forstes vorführen. Aber Ziegler gab den: 
Kutscher eine:: wohlverstandeneil Wink, nnö dieser fuhr die
        
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