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Periodical volume 28. September 1889 Nr, 52

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Berlin reckte seine Glieder. Die Bäckerjungen wanderten 
mit den Frühstücksbeuteln von Haus zu Haus, die Milchwagen 
versorgten ihre Kunden,, und etwas später trabten die Zeitungs- 
sranen mit ihrer geistigen Bürde durch die Straßen. Berlin 
war erwacht, und das Leben mit seinem Hasten und Treiben 
trat in seine Rechte. 
Mich zog's hinaus ins Freie. 
So ein klarer Lenzmorgen übt überall seine Wirkung 
aus, sei es im Gebirge, sei es im Walde, sei es aus freiem 
Felde. Glücklich der, den er nicht schlafend findet. 
Das weithin ansgedehnle Tempelhofer Feld, über welches, 
wann nicht die heiße Sommerfonne darauf brütet und der 
Staub voit deti Exerzierübungen darüber hinwirbelt, ein er- 
frischetlder Hauch zu wehen pflegt, hat mir voit jeher eilt will 
kommenes Terrain für genußreiche — ja wohl! — genuß 
reiche ! — Spaziergänge dargeboten, und es gehört ganz und 
gar nicht viel Poesie dazu, sich in die Gedanken des Dichters 
zu versetzen, wenn ain Sonntag niorgen die Kirchenglocken 
von Berlin in vielstimmigem Chor herüberschallen: „Das ist 
der Tag des Herrn. Ich bin allein auf weiter Flur!" 
Ein Mann in dürftiger Kleidung begegnete mir auf der 
einsamen Wanderung über das Feld; er mar aus der Richtung 
der Hasenheide hergekommen und schien sich nach der Stadt be 
geben zu wollen. Ich hielt ihn zuerst für einen Arbeiter, 
aber als er näher kam, sah ich sofort, daß er zur Spezies 
jener bedauernswerten Menschen gehörte, denen es permanent 
an einem Obdach mangelt. 
Ein verkommenes und doch nicht uninteressantes Gesicht; 
die Wangen abgemagert, der Bart verworren und hier und 
da mit Grau versetzt, der Gang schleppend imd müde. Ilur 
aus deit dtittkeltt Augen glühte es mich an, wie verhaltenes 
Feuer. Ein abgenutzter Filzhut bedeckte das Haar, das sich 
in natürlichen, jetzt verwilderten Locken bis auf die Schultern 
herab ringelte. 
Der Mann steuerte auf mich zu; er zog den Hut und 
nahm eine bittende Geberde an. 
Zit meinem Erstaunen unterstützte er die Geberde durch 
eine korrekte lateinische Ansprache. — 
„Cur latina uteris lingua?“ so fragte ich. 
„(Prod nihil habeo aliud <juo demonstrem, me 
hominem esse bene educaturn. “ lautete die mit einem 
gewissen Selbstgefühl gegebene Antwort. 
Der Mann fing an, mich zu interessieren. 
Ein — nun gerade heraus — ein Pennbruder, der 
lateinisch spricht? lind ziemlich flott? Ich hatte zwar schon 
erzählen hören von adeligen Dienstmännern und französisch 
redettden Droschkenkutschern, aber ein Pennbruder mit einer 
anscheinend akademischen Bildung war mir noch nicht vor- 
gekominen. 
„Sie haben wohl heute noch nichts genossen?" 
Eilt verlegenes Kopfschütteln ivar hinreichende Antwort. 
„Können Sie mich noch mit bis dorthin" — ich deutete 
nach dem nahen Tempelhof — „begleiten?" 
Ueber die Züge des Mannes glitt es hin wie Sonnen 
schein. „Gewiß — gern; ich habe ja nichts zu versäumen." 
Ach, lvie traurig Hang diese Disharmonie in den Früh 
lingsmorgen hinein: „Ich habe ja nichts zu versäumen;" — 
der Ton, mit dem er diese Worte hervorbrachte, war er 
greifend. 
Eine einladende Handbewegung brachte den Mattn an 
meine Seite; wir schritten dem freundlichen Dorfe zu. • 
„Wie kommen Sie zu der Kenntnis der lateinischen 
Sprache?" 
„Ich habe das Gtzinnasium zu Luckau und später die 
Universität besucht." 
„Wo?" 
„Ich war immatrikuliert bei der philosophischen Fakultät 
in Halle." 
Halle! Wie durchzuckte es mich bei dem Worte; Halle, 
Du alte, liebe Salinenstadi mit deinen Hallensern, Halloren 
und — hübschen Mädchen. Freundliche Stadt mit deinem 
Giebichenstein und deiner Gose, was würdest du sagen, wenn 
du einen deiner Musensöhne hier erblicken könntest als ver 
kommenen Mann, untergegangen, verdorben! — 
„Mann, wie kommen Sie in diese Lage? Haben Sie 
keine Angehörigen, die für Sie eintreten? Was haben Sie 
gethatl, daß es Ihnen an dem Allernöligsten mangelt?" 
„Meine Angehörigen? Ja, ich habe deren." 
„Und haben Sie sich nie.an dieselben gewandt?" 
Eine Blutwelle durchzog das bleiche Gesicht meines Be 
gleiters. ;. 
Ein gutes Zeichen! Die Regungen der Schain wareti 
bei ihm noch nicht erstickt. 
„Für meine Angehörigen bin ich der verloreite Sohn; 
ich darf ihnen nicht mehr nahen, und — sie könnten mir 
auch liicht Helsen, sie sind selbst mittellos." 
Wir halten inzwischen das Dorf erreicht und schritten 
durch die Hauptstraße; die Leute, die uns begegneten, blickten 
verwundert auf uns, und eitler verzeihlichen Anwandlung von 
Schwäche, folgend, suchte ich die Wanderung, die etwas von 
Spießrutenlaufeti an sich hatte, sobald wie möglich zu be- 
eitden, indem ich mit meinem Begleiter in das nächste Garten 
lokal eintrat und einen entlegenen Winkel aufsuchte, wo wir 
uns itiederließeit. Bald stand dampfender Kaffee itnb ge 
nügendes Gebäck vor uns. 
Ha, wie leuchtete es aus in dem mageren Gesicht! Ich 
ließ dem Aermsten Zeit, sich dem wohl lange entbehrten Ge 
nusse hiitzugeben, und wartete ruhig meiite Zeit ab, die er 
übrigens sehr abkürzte, deritt in unglaublicher Eile waren 
Kaffee und Gebäck verschwunden. 
Als ich ihm bann eine Cigarre offeriert und er dieselbe 
angezündet harte, schien er ein andrer Mann zu sein. 
„Ah," machte er, „das hat wohlgethan; und jetzt will 
ich Ihnen auch erzählen, wie ich geworden bin, was ich bin." 
Das war eure gar lehrreiche Geschichte. 
Der Vater — ein kleiner Beamter in der Provinz, reich 
mit Kindern gesegnet, aber mit schmalem Einkommen. Der 
jüngste sollte studieren. Das Gymnasium war in einer andern 
Stadt. Der Besuch dort erforderte jahrelang Opfer um Opfer; | 
sie wurden willig gebracht. Die Eltern und die daheim- ß 
gebliebenen Schwestern legten sich des jüngsten wegen Ent- 
behnlngen aller Art auf, er sollte ja später ihre Stütze sein! 
In Halle hatte er zwei Seniester studiert, da starb der Vater, 
und mit ihm verschwand die Möglichkeit einr Fortsetzung des 
Studiums. "Aber dem einstigen Miturienten standen immer | 
noch Wege offen, die er mit Erfolg beschreiten konnte. Er 
trat bei einer Venvaltungsbehörde ein, wo sich ihm eine ge- H 
sicherte Zukunft eröffnete. Mer die noch nicht gefesteten 4
        
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