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Periodical volume 21. September 1889 Nr, 51

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Kaffee, und die Musik, wie der Jubel der Menge nahmen sich 
in dem herrlichen Buchenwalde doppelt gut aus. Ich war in 
Begleitung Adolfs dort oben! — Er empfiehlt sich auf das 
angelegentlichste und ist acht Tage hier in Röderhof gewesen, 
nachdem er mit den beiden Herren von Gustädt, — zwei 
Göttinger Musensöhnen, — Eisenach, Paulineuzelle u. s. w. 
besucht hat. Der Junge hat sich übrigens ganz göltingifiert, 
d. h. er sah im blauen Fuhrmannsfrack, seiner Studenren 
mütze, und seinen braunen Stiefeletten förmlich pittoresk aus. 
Die Kinder grüßen Dich, liebe Wina, aufs zärtlichste. Gott 
sei mit Dir! — Das ist der innigste Wunsch 
Deiner 
Adolfine. 
(Fortsetzung folgt.) 
Brandenburger Reminiszenzen. 
Von Gustav Dulle». 
(Fortsetzung.) 
Gleichwohl wäre es jetzt gelungen, die Angelegenheit zum 
Abschluß zu bringen, wenn der Fiskus sich mit den von der 
Stadl nunmehr zugestandenen 12 000 Mark begnügt hätte, 
aber die Regierung trat jetzt mit dem neuen Verlangen hervor, 
die Stadt solle das Eigentum des Staates an den von ihm 
zu unterhaltenden Straßen und Brücken anerkennen, und 
konzedierte am 3. Februar 1839 nur so viel, daß diese Frage, 
dem übersendeten Vertragsentwürfe gemäß, der richterlichen 
Entscheidung vorbehalten werde. Mittlerweile hatte sich tu 
der Stadtverordnetenversammlung die Meinung geltend ge 
macht, daß die Stadt viel besser wegkommen würde, wenn die 
Unterhaltung der Straßendämme auf Grund der Verordnung 
über die Konnnunikationsabgaben vom 16. Jimi 1838 auf 
den Staat überginge; man war dort der Ansicht, daß die 
Regierung den Abschluß des Vertrages nur deshalb betreibe, 
unt die von der Stadl zilgesaglen 12 000 Mark zu erhalteit, 
welche ihr nach der Verordnung vom 16. Juni 1838 nicht 
zilgestattderi hätten; inan hielt dort die bisher gepflogeneil 
Verhandluitgen mit der Regierung nur für Traktaten, und 
half sich über den § 12 der zitierten Verordnung, nach welchen, 
von der Ueberiiahme dtirch den Staat Bauwerke ausgeschlossen 
sein sollten, die, wie z. B. große Strombrücken, als für sich 
bestehende Kommuilikationsanstalten zu betrachten seien, mit 
der kühnen Deduktion, daß es zweifelhaft wäre, ob die lange 
Brücke über der Havel und die Annenbrücke über den breitet, 
Schlelisenkanal zu den großen Strombrücken zu rechnen seien, 
und mit der Aussicht hinweg, daß die Stadt dann wieder den 
Deichselpfennig erheben könne. Große Denkschriften witrden 
von der Stadtverordnetenversammlung, ivelche in direkte Ver 
ba, idlitng mit der Königlichen Regierung trat, abgefaßt. Der 
Dissens zwischen der Stadtverordnete,tversammlung und dem 
Magistrat wurde auch in das Kollegium getragen, trat dort 
in weitlätlfigen Referaten, Korreferaten und Voten hervor und 
blieb kein Jnternum der Verwaltung, da die Stadtverordneten 
versammlung ihre Ansicht, daß bisher zwischen Stadt und 
Staat nur Traktaten, aber keine Verträge zustande gekonlmen 
seien, ailch in ihren Eingaben an die Regierung und den 
Minister verfocht. Alle diese Erörterungen führten jedoch zu 
weiter nichts, als daß die Regierung sich bereit erklärte, der 
Stadt die Erhebung des alten Deichselgeldes mit 2 Pfennig 
für jedes Fuhrwerk, welches die Lange Brücke passierte, zu 
gestalten, lind allmählich brach sich auch in der Sradtverord- 
netenversanimlung die Ueberzeugung Bahn, daß es weder 
vorteilhaft „och juristisch haltbar sei, die Ansprüche der Stadt 
auf die Verordnung vom 16. Juni 1838 zu stützen. Mau 
setzte eine Kommission ein, und diese führte in einem 21 Bogen 
langen Berichte aus, es bleibe nichts übrig, als aus den von 
der Regierung vorgelegien Vertragsentwurf einzugehen und 
18 113 Mark zu zahlen. Der Fiskus war jedoch jetzt sehr 
wenig entgegenkommend. Der Finanzminister verlangte 1842 
die Anerkennung des Eigentums des Fiskus an den Straßen, 
und wollte der Stad, die Unterhaltung der Langen und der 
Annenbrücke gegen Erhebung des winzigen Deichselgeldes aus 
bürden. Das war auch der Sladtverodnetenversammlung p 
viel, und es kam, nachdem man es noch mit Immediateingaben 
fruchtlos versucht halle, zum Prozeß. Der Fiskus klagte zu 
Anfang des Jahres 1846 gegen die Stadt auf Zahlung tum 
15 697 Mark, welche er für Jndftandsetzung und Unterhaltung 
der im Chausseezuge befindlichen Straßen und Brücken auf 
gewendet habe, ward aber in allen drei Instanzen abgewiesen, 
weil die Richter übereinstimmend ausführten, daß durch An- 
„ahnie des am 4. Februar 1832 gemachten Anerbietens, gegen 
Verzicht auf das Daniin- und Deichselgeld die Erhaltung der 
bezeichneten Brücken und Straßen ans den Staat zu über 
nehmen, ein rechtsgültiger Vertrag geschlossen und deshalb von 
einer nützlichen Verwendung keine Rede sei. Schon im Sep 
tember 1852, als die günstige Entscheidung des Kammergerichts 
ergailgen war, hatte die Stadt die Offensive ergriffen und 
gegen den Fiskus ans Unkerhaltung der im Chausseezuge be 
findlichen Straßen und Brücken geklagt, da jener die Unter- 
halliuig der letzteren pur« abgelehnt hatte. Das Kammer 
gericht verurteilte den Fiskus nach dem Antrage, und das 
Obertribunal wies die Revision am 7. März 1856 zurück. 
Am 21. Jllli 1856 wurden dann Straßen und Brücken dein 
Fiskus übergeben und der von deni letzteren nochmals erhobene 
Eigentumsanspruch von dem Magistrat nicht anerkannt. So 
endete nach 24 jährigen Verhandlungen und Prozessen zu 
Misten der Stadt eilt großer Streit über ein großes Objekt, 
bei welchem der Magistrat die Interessen der Stadt mir eben 
so viel Klugheit wie Festigkeit vertreten hatte. 
Während des letzten Stadiums der Verhandluitgen dieses 
Prozesses ward Franz Ziegler, bisher Justizkommissarius 
und Stadtverordneter 1840 in einem Alter von 37 Jahren 
Oberbürgermeister der Stadt Brandeiiburg. Reichbegabt und 
voll hervorragendeln Wissen, aber praktischen Siimes, wurde 
er der Reformator der Kommunalverwaltung, uiib es gab' 
wohl feinen Zweig derselben, welchen er nicht reorganisiert 
hätte. Redegewandt uitd der Feder gewachseit wie einer, 
ivußte er in Wort und Schrift allen Verhältnissen und jeder 
Lage des Lebens gerecht zu werden. Von Gewohnheiten 
Aristokrat, verkehrte er viel mit dem Adel der Umgegend und 
den Offizieren der Garnison. Den Spießbürger höherer und 
niederer Gattilng würdigte er nach Gebühr, und man sagt ihin 
das übermütige Wort nach: „Wenn ich meinen Hut zum Fenster 
hinausstecke, müssen die Bürger von Brandenburg Reverenz 
machen". Voll dem Oberpräsidenten der Provinz geschätzt, 
bei dem Minister von Rochow, dem Besitzer des nahe ge 
legenen Ritterguts Rekahn, wohl angesehen, fehlten ihm auch 
Verbindungen am Hofe nicht. Aber während der ganzeil
        
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