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Periodical volume 14. September 1889 Nr, 50

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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„Untreue in der Satze, (Unterhalt) 
Gewalt fuhr auf der Stratze, 
Frieden und Recht war'n sehr verwund'!." 
Das Unglück seines Volkes und seines Kaisers erhob das 
Won des Dichters zn gewaltiger Kraft; gerade jetzt, in dieser 
Zeit, wo er sein eigenes Lebensglück ansgegeben hatte und als 
ein fahrender Mann nicht Hof noch Eigen besaß, weihte er 
sein ganzes Herz dem allgemeinen Wöhle, die volle Gewalt seiner 
Töne der Besprechung des Heils seines Vaterlandes. Wir 
können uns nicht enthalten, das schönste Gedicht Walthers ails 
dieser Zeit, hierher zu setzen: 
„Ich hört ein Wasser dießen, (rauschen) 
Und sah die Fische fließen; (dahinschwimmen) 
Ich sah, was in der Welt nur was, (war) 
Feld, Wald, Laub, Rohr tinde das Gras, 
Was kriechet und was flieget 
Und Bein zur Erde bieget. 
Das sah ich und verkünd' Euch das: 
Der keines lebet ohne Haß. 
Das Wild und das Gewiirme 
Die streiten starke Stürme. 
So thun die Vögel unter ihn'; 
Nur datz sie haben einen Sinn. 
Sie schassen stark' Gerichte, 
Sonst Leuchten sie sich nichte; (zunichte) 
Sie wählen Könige und Recht, 
Sie setzen Herren und auch Knecht'. 
O weh' dir, deutsche Zunge, 
Wie steht dein Ordenunge, 
Datz selbst die Mück' ihren König hak, 
lind deine Ehr' also zergaht! (vergeht) 
Bekehre dich, bekehre!" 
Dann ruft der Dichter den König Philipp auf, die Macht 
der Herzogskronen niederzudrücken, sich selbst aber die deutsche 
Kaiserkrone mir dem „Waisen", jenem unschätzbaren Edelsteine, 
welchen einst Herzog Ernst aus dem Morgenlande mit sich 
gebracht hatte, auszusetzen, lind die „armen Könige", die Mit 
bewerber seiner Krone, einen Berthold von Zähringen, einen 
Bernhard von Sachsen, einen Otto von Braunschweig, zurück 
zudrängen. Sehr wohl aber erkannte Walther auch den eigent 
lichen Grund der das Reich zerrüttenden Zwietracht. Er klagt: 
„Davon hob sich der meiste Streit, 
Der jemals war und immer seit (seitdem) 
Daß sich begannen zweien (zu entzweien) 
Die Pfaffen und die Laien." 
In den Uebergriffen des römischen Bischofs aus das welt 
liche Gebier, in dem Mißbrauche des Bannes und in der — 
Jugend des schon im siebenunddreißigsten Jahre auf den 
Stithl Petri erhobeiren Jnnocenz 111. liegen ihm die eigent 
lichen Schäden der Zeit. Wohl halten der „junge süße Mann", 
König Philipp, und „seine hochgeborene Königin", die edle 
Irene von Byzaitz, Grund getutg, eilten solchen Verfechter 
ihrer Sache fest an sich zu knüpfen; leider aber trat bald eine 
bedauerliche Eiktfrentdung zwischen ihnen ein. 
Es gab vieles an des Königs Hofe, was dem Sänger 
nicht gefallen konnte. Philipp war karg und versagte ihm den 
verdienten Lohn. Schon im Jahre 1200 treffen wir Walther 
daher am Hofe des Landgrafen Hermann von Thüringen, bei 
welchem er eine höhere Würdigimg seiner Klmst zn finden hoffte, 
lind iit demselbeit Jahre tvaitderie er nach feinem lieben 
Oesterreich zurück. Er glaubte, bei der „Schwertleite", dem 
Jugendfeste Herzogs Leopolds, das Herz des ihm abholden 
Fürsten sich vielleicht gewinnen zn können. Beide Versuche 
waren erfolglos; in Thüringen, so versichert uns der Dichter, 
war es vor Zechen llnd Lärmen, vor Spiel und Gesang nicht 
auszuhalten, und obwohl Walther sein Heimatsland mit dem 
hohen Liede auf deutsche Zucht und Sitte, jenem allbekannte»: 
„Ihr sollt sprechen: Willekomm'!" 
aufs herzlichste begrüßte, — Leopold und die Dame seines 
Herzens begünstigten ihn nicht mehr so wie früher. Da riß 
Walther auch die letzten Wurzeln seiner alten Liebe aus seinem 
Herzen, und wenn er in Ztlkunft noch von Minne sang, dann 
erzählte er nicht mehr seine eigenen Erlebnisse, schöpfte er nicht 
mehr alls dem tiefen Borne seines eigenen Herzens, sondern 
brachte allgemeine Anschauungen in dichterische Form. 
Noch schärfer wurde die Spannmig zwischen König Philipp 
und dem berufenen Dichter des deiltschen Kaisertumes, als 
Philipp im Kampfe gegen den Landgrafen Hermann von Thüringen 
das ganze Sachsenland einer furchtbaren Zerstörung der 
Böhmen preisgab. Vor des Dichters Augen, denn seit 1201 
weilte Walther in Meißen in Thüringen, wurden die Klöster 
zerstört, gingen die Dörfer in Flammen auf: da zog in sein 
Herz ein bittrer Unmut statt der früheren Liebe zu König 
Philipp ein; er rief dem Fürsten zu: 
„Selbftwachsen Kind, du bist zu krumm, 
Datz niemand dich geeichten (zurechkleiten) kann. 
Du bist der Rute leider allzu groß, 
Dem Schwerte allzu kleine;" 
er bereute es, „Philipps Ungeschick in Freundes Schoß geborgen 
zik haben", llnd wandte sich nun für immer deni Gegenköllige 
Otto zu. Selbst über den tragischen Tod des Königs ver 
nehmen wir kein klagendes Wort aus Walthers Mimde. 
(Schluß folgt.) 
Die deutschen Kaiser und die Stadt Metz. 
(Fortsetzung.) 
Wie hätte Ludwig der Fromme die Stätte, auf welcher 
seine Mutter ruhte, mit ihrem feierlichen Dämmerscheine nicht 
lieben sollen! Was bot ihm die Welt, die der Empörung 
voll war? So finden wir auch ihn gar häufig in Metz. 
Hier mußte er überdem ein getreues Herz, welches weder Unfall 
noch Schuld ihm zu entreißen vermochte. Es war das Herz 
seines Halbbruders Drogo, welcher den Bischofsstuhl von Metz 
bestiegen hatte. Drogo krönte im Jahre 835 seinen unglück 
lichen Bruder zu Metz in der Kathedrale noch einmal feierlichst 
zunk Kaiser; fünf Jahre darauf verstarb der länderlose Herrscher 
auf einer Insel des Rheilis bei Ingelheim. In der Krypta 
von St. Arnulf, neben der Mutter, ward ailch Ludwig der 
Fromme beigesetzt. 
Der große Drogo machte Metz zu einem Sitze der Kunst 
und der Wissenschaft. Mehr lernte der Schüler von St. Arnulf 
delm sonst ein denk Kloster übergebener Edelknabe; lieblicher 
unb feierlicher, denn sonst irgendwo ein Kirchengesang, klang hier 
der „Cantus Metensis.“ Die Mönche von St. Arnulf 
pflegten die Astronomie, die Agrikultur, ja selbst die Juris 
prudenz, ilnd Kaiser Arnulf konnte den Priester Amandus, 
seinen vielgetreuen Arzt, für treffliche Dienste, ivelche er ihm 
geleistet hatte, mit Ländereien bei Ars an der Mosel dankbaren 
Sinnes beschenken. Sllsein bald welkte unter den Stürmen der
        
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