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Periodical volume 14. September 1889 Nr, 50

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Ein kurzes Glück. - 
Eine Skizze von A. M. Mitte. 
(Fortsetzung.) 
« nd Du bist gewiß, daß Du ihn liebst, um seiner selbst 
willen, nicht seines Ranges wegen?" fragte Leonore. 
„Rang und Titel kann ein Weib nicht lieben, — es liebt 
nur einzig wahre Mannesgröße." 
„Und dach wird's jedem Frauenherzen schmeicheln, wenn 
die Welt mit Verehrung auf den blickt, in welchem man sein 
alles sieht." — 
„Hältst Du das für ein Unrecht? — O Leonore, sprich 
ein gutes Wort für mich beim Herzog Viktor Amadeus und 
— glaube an die Stärke unsrer Liebe." — 
„Ja, glauben Sie daran!" Eine Männerstimme unter 
brach das Gespräch der Damen. Markgraf Karl Philipp 
war's, der, wieder auf die Terrasse tretend, diese Worte sprach. 
Indem er die Hand der Baronin Leonore, welche er hoch ver 
ehrte, an seine Lippen zog, vereinte er seine Bitten mit denen 
seiner Braut. 
„Der Herzog ivird Ihren Plänen nur wenig geneigt sein; 
er wird sich die brandenburgische Allianz zu erhalten streben, 
und, — erfährt er von dieser Verbindung, — sie lösen." 
„Er wird sie nicht erfahren! Wer wollte sie ihm ver 
raten? Erst wann Katharina meine Gemahlin ist, mir durch 
den Schwur am Altare auf einig verbunden, wird ihm von ihr 
Kunde werden, und dann vermag er uns nicht mehr zu trennen." 
Zärtlich schloß er die Geliebte in seine Arme. 
„Möge Ihre Hoffnung sich erfiillen; ich selbst wage nicht, 
auf sie zu bauen," sprach Leonore. 
Bleich und abgespannt erhob sich Katharina am folgenden 
Morgen von ihrem Lager. Kein Schlaf war in ihre Augen 
gekommen. Die Baronin Leonore hatte, wenn auch wider 
ihren Willen, den Braitd des Zweifels in ihre Seele geworfen. 
Sie glaubte zwar, deni Markgrafeit vollkommen vertrauen zu 
dürfen; sie rief sich immer wieder und ivieder seine Augen, 
wie sie dieselben gestern in heißer Liebe auf den ihrigen hatte 
rtlhen seheit, ins Gedächtttis zurück, und dennoch fragte sie 
sich ini nächsten Augetlblick, ob er stark genug sein würde, all' 
die Hindentisse, welche sich ihrer Vereinigung in den Weg 
stellen würden, zu überwinden. Vor kurzer Zeit hätte sie 
ihre Neigung, die sie kaum sich selbst einzugestehen den Akut 
gehabt hatte, wohl noch unterdrücken können; jetzt aber, da sie 
wußte, daß auch sein Herz ihr eigen war, hielt sie es für 
unmöglich, dasselbe zurückzuweisen. 
Die Luft des Zimmers schien sie zu ersticken. Sie öffnete 
die Thür, welche auf einen breiten Altan hinausführte. Vor 
ihr breitete sich ein See aus, welcher den grünen Abhang des 
Altans und die Fundamente des Schlosses umspülte; dahinter 
lag eine herrliche Landschaft, Wälder, Thäler und Orangen 
haine. deren Schönheit heute jedoch keinen Eindmck auf sie 
machte. 
Langsam schritt sie die Stufen hinunter; dann wandelte 
sie durch die Büsche, welche den See umgaben, tiefer in den 
Park hinein. Die Strahlen der Sonne glitten durch die 
Wipfel itnd huschten über die Spitzen der schwankenden Zweige. 
Die Vögel hüpften in den Gängen; der Tan funkelte rings 
auf den Gräsern; das Laub flüsterte; die Wellet! des Sees 
schienen durch die Stämme ihr zuzuwinken; — es war einsam 
und so schön hier. 
Sinnend blieb Katharina vor einem Springbrunnen stehen. 
Das kleine steinerne Bassin war von Schlingpflanzen um- 
sponnen, — lustig sprudelnd stieg der Wasserstrahl in die 
Höhe. 
Sie hatte nicht darauf geachtet, daß der Markgraf Karl 
Philipp, ivelcher von einem Fenster des Hauptgebäudes aus 
sie beobachtet hatte, ihr gefolgt war. Jetzt stand er neben ihr. 
Der Ausdruck ihres halb abgewandten Gesichtes, der nach 
denkende Blick, ihre ganze Haltung hatte etwas so tief Melancho 
lisches, daß die Worte aus seinen Lippen erstarben. — 
Schweigend näherte er sich ihr; sanft legte er seine Hand auf 
ihre Schulter. Katharina wendete sich zu ihm und ergriff seine 
Rechte. 
„Warum so traurig, Geliebte?" fragte er. „Wüßtest Du, 
wie sehr schon ein Schatten der Sorge auf Deinen Zügen mir 
wehe thut, so würdest Du ihn aus Deinem Antlitz verbannen. 
Sei mutig und hoffe! Du sagtest mir doch gestern, Du habest 
Lebenslust." 
„Wenn Dti mir nahe bist, — wenn ich in Deine Augen 
sehe, dann verschwinden all' die Schatten, welche die Sorge 
um unsere Zukunft für einen kurzen Augenblick auf meinen 
Lebensweg geworfen hat. Es ist jetzt alles gut." Sie sprach 
es innig. 
„Bald tverden wir nicht mehr getrennt sein", sprach Karl 
Philipp, sie zärtlich umschlingend; mein Adjutant, tvelcher mein 
volles Vertrauen genießt, bereitet alles zu unsrer Trauung 
vor. — Durch die Baronin Salviati erfährst Du, wann ich 
Dich erwarte, und wann die Kirche unsern Herzensbund segnet." 
Der tiefe Ernst, mit ivelchem der Markgraf diese Worte 
sprach, belebte Katharinas Vertrauen aufs neue. Diese Augen 
konnten nicht täuschen; in ihrem Herzen hatte nur die eine 
Gewißheit Raunt, daß er sie liebte! — Heiter lächelnd lehnte 
sie sich an seinen Arm; sie schritten, in selige Zukunftsträume 
verloren, durch den Park, bis die Sonne hoch am Himmel 
stand und zur Heimkehr mahnte. — 
Wenige Tage darauf benachrichtigte Karl Philipp seine 
Braut, daß anr Abend alles zu ihrer Trauung bereit sein 
werde. Leonore von Salviati rief die Freundiir ab; in dimkle 
Mäntel gehüllt, unkenrrtlich für jeden, der ihnen auf ihrem 
Wege begegnen sonnte, begaben sie sich zur Kirche. Aus den 
Sttlfen, welche zu derselben hinauMhrten, stand bereits der 
Markgraf. Stillschweigend die Hand der Geliebten ergreifend, 
indessen sein Adjutant die Baronin in das Innere des Gottes- 
harrses geleitete, führte er die Braut an den Altar. Es war 
ein eigentümlich erhebender Anblick, welcher sich ihnen darbot. 
Im Hintergninde der Kirche erhellten einige Lichter die 
Dunkelheit. Die Bänke waren unbesetzt; am Altare selbst 
hatten nur zivei Herren aus dem Gefolge des Markgrafen 
Platz gesunden. Gedämpft erklangen Töne feierlicher Kirchen 
musik; dann trat der Priester vor. Mit kurzen, ernsten 
Worten vermählte er Katharina dein Geliebten. Dann knieie 
das Brautpaar auf die Stufen des Mars nieder. Zu den
        
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