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Volume 3. November 1888 Nr, 5

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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gestanden hatten, da ragten jetzt nur noch Trümmerhaufen 
auf; längst war die Vorstadt der Veste von den Einwohnern 
selbst preisgegeben und auf Schwartzenbergs Befehl niederge 
brannt worden. Der Krieg kennt kein Erbarmen. Hinter dem 
Stresow ging's in gestreckten, Trabe dann den schlechten Weg 
unten am Spandauer Berge vorbei und nun auf einem 
schmalen Waldpfade dem Dorfe Lietzow zu. Allein der Weiler 
Lietzow selbst war längst verlassen; von seinen Fachwerkhäusern 
standen nur noch die Holzgerippe da, zum Theile halb verkohlt. 
Unendlich traurig und düster blickte die ausgebrannte Feldstein 
kirche mit den öden, kleinen Fensteröffnungen den Reitern ent 
gegen, obwohl der helle Sonnenschein die Ruine bestrahlte. 
Bald aber hatten die Männer wiederum den Wald erreicht, 
welcher sie nun nicht mehr verließ, bis sie quer durch denselben 
bis zur Heerstraße nach Teltow gelangt waren. 
Und dort erhob sich vor ihnen der düstere Teltower Thor 
thurm ! Allein eine schmetternde Fanfare empfing sie, und 
Tücher wehten grüßend durch die golddurchfluthete Luft. „Sie 
wähnen, ich bringe Hülfe!" sprach Rochow zu dem Rathe 
Thomas von dem Knesebeck. „Wie schwer wird's mir, ihnen 
die ernste Wahrheit zu verkünden!" — „Es muß jedoch nun 
einmal sein," antwortete ihm der Landeshauptmann; „nur 
wenn sie wissen, wie gefahrvoll unsere Lage ist, wird ihnen 
jener hohe Geist der Todesfreudigkeit verliehen werden, dessen 
wir bedürfen." 
Vor de», Brücklein zu St. Gertrud empfing der Rath die 
Nahenden. Freudestrahlend blickte Wedigen dem Herrn von 
Rochow entgegen. „Von Herzen danken wir Euch, edler Herr," 
so sprach er, „daß Ihr so schnell gekommen seid, uns Trost 
zu bringen. Allein es hätte dessen nicht bedurft, daß Ew. 
Gnaden also eilten und den Eurigen voran der Bürgerschaft 
zuzogen, denn wir wissen, welche Stütze Eure Promptitude 
und Valor uns allezeit gewesen sind!" — 
Da hob sich Moritz Augustus von Rochow in den Bügeln. 
„Nicht einen Augenblick, ihr wackeren Männer," rief er mit 
weithinschallender Stimme, „soll auch nur eine Ungewißheit 
zwischen Euch und mir obwalten! Ich komme ganz allein; 
— Das Weitere werdet ihr erfahren! Daran jedoch, daß ich 
gekommen bin, mögt Ihr erkennen, daß ich fest entschlossen 
bin, Berlin und Kölln zu halten. Meine Dragoner haben 
Spandau zu vertheidigen. Ihr seid jetzt also meine Krieger, 
meine Waffenbrüder! Hier aber meine Hand: wir wollen 
siegen oder sterben für Kurbrandenburg!" 
Er hatte das rechte Wort getroffen; er hatte den Geist 
der Entmuthigung von vornherein verbannt. Laut jubelten sie 
dem Edelmanne zu, dessen stolze Zurückhaltung sie vordem so 
oft und so empfindlich verletzt hatte. 
„Siegen oder sterben für Kurbraudenburg!" tönte es ihm 
als Antwort zurück. Rochow aber reichte dem greisen Herrn 
von dem Knesebeck und dein Bürgermeister die Rechte. „Auf 
deutsche Treue denn in böser ivie in guter Zeit!" so sprach 
er dann. „Doch nun verzeiht, Ihr Herren! Das Fräulein Anna 
Katharina hat mies; rufen lassen; ihr hab' ich mich zuerst zu 
melden! — Herr Thomas, — habet Ihr die Güte, unsern 
wackren Freunden näheren Bericht zu geben!" 
Er ließ ihnen den allverehrten Rath zurück und ritt dem 
Schlosse zu. Ein tiefer Ernst legte sich über seine ritterlichen 
Züge, als er in die Gemächer der Gräfin Anna Katharina 
geführt wurde. Er traf die fürstliche Dame nicht allein au; 
die Tochter des Bürgermeisters stand der Prinzessin zur Seite, 
als diese den Obristen empfing. Anna Katharina aber reichte 
ihm die zierliche Rechte zum Handkusse und erwiderte auf 
seinen ftagenden Blick: 
„Johanna Wedigen, Herr Obrist, — des Herrn Bürger 
meisters Tochter!" Mit anmuthiger Herzlichkeit fügte sie 
lächelnd hinzu: 
„Seit ziveien Stunden meine Hofdame in diesem düsteren 
,chäteau-merveil‘ und meine herzlichliebe, einzige Vertraute! 
Ihr dürft ganz offen vor ihr sprechen! Doch zunächst lasset 
mich Euch danken, daß Ihr gekominen seid — so schnell! Ich 
selbst bin stolz daraus, daß mein so schwaches Wort soviel 
auf einen ritterlichen Mann vermag." (Fortsetzung folgt.) 
Oer Dom zu Stendal. 
Von Oskar Schwebet. 
„Es findeil sich irur wenige Städte in Deutschland, welche 
dem Fremden so stattlich sich darstellen wie Stendal, die ehr 
würdige Hauptstadt der Altnrark." So sagt mit Recht ein 
Geschichtsschreiber dieses Landestheiles, der Wiege des branden- 
burgisch-preußischen Staates. Es sind in der That vortreffliche, 
ja selbst großartige Schöpfungen deutscher Baukunst, welche dem 
Städtebilde von Steildal seinen hohen Reiz verleihen. „Um 
die herrlichen Kunstdenkmäler Stendals mit einem Blicke zu 
überschauen, erwählt man sich anl Besten einen Platz auf der 
alten Laildstraße nach Gardelegen, welche zu deur Dorfe Großen- 
Möringen sanft emporsteigt." Ein Nürnberg im Kleiilen, ein 
Nürnberg in's Norddeutsche, in's Märkische übertragen, ist's 
dann, was in dem grünen Thale dort zu unsern Füßen liegt. 
Welch' herrliche bürgerliche Bauten, dieses Rathhaus, dieses 
Uenglinger und Tangeriilünder Thor! Vielleicht sind diese 
Thorbauten Steildals in ganz Deutschland ohne Gleichen; 
das berühmte Nibellingenthor zu Soest und die gefeierten 
Thürnle des Lübecker Holstenthores wenigstens vermögen sich 
mit ihnen nicht zu messen. 
Und welche Fülle kirchlicher Architekturen! Dort die drei 
Pfarrkirchen zu St. Peter, zu St. Jakobus und zu St. Marien; 
hier die Nonnenklöster zu St. Katharina und St. Anna; dort 
eine Hospitalkirche zu St. Gertrud und hier die Reste eines 
Franziskaner-Konventes! Sie alle überragt indeß der Dom 
St. Nikolai. Von ihm und von seiner Schönheit, von seiner 
reichen Geschichte und von seinen bescheidenen Kunstdenkmälern 
möchten wir heute berichten. Wurden es am 26. Oktober dieses 
Jahres doch 700 Jahre, daß der Grund gelegt ward zu diesein 
hehren Denkmale deutscher Kunst! Ueber .die Feier dieses 
Gedächtnißtages, der des Kaisers Majestät beizuwohnen be 
absichtigte, haben die Tageszeitungen berichtet. 
Ein Dörflein „Steinedal" wird schon im Jahre 1022 
urkundlich erwähnt. Der geistes- und kunstgewaltige Bischof 
Bernwardus von Hildesheim besaß dasselbe damals; er schenkte 
es in jenem Jahre dem Michaeliskloster seiner Residenz. Das 
Dorf „im Steinthal" aber war ein echtes deutsches Dorf, kein 
Slaweusitz. Deutsche von edelstem Geblüte, langlockige Lango-
	        
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