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Periodical volume 17. August 1889 Nr, 46

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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der neuen Lehre. Johann von Blankenfelde aber hatte sich 
der alten Kirche als Champion gelobt. 
(Fortsetzung folgt.) 
Studien zur Baugelchichtc Berlins. 
Von ©rrrxxctixxs (fSxxriitt. 
S. Cft,xppxxrotxxt's gdjübcruxxß xttux üerixxx. 
(Schlich.) 
Als ich mich in Berlin befaitd, waren bei der Abwesen 
heit der knrfttrstlichen Hoheiten, welche sich in Preußen auf 
hielten, die Wandteppiche abgehangen, aber man zeigte mir 
einige Stücke, von denen ich aus den Rest schließen kann: 
Man kann nichts Köstlicheres sehen. Das Zimmer der 
Kurfürstin folgt gegen Westen aus jenes des Kurfürsten 
und ist überaus reich und gut gehalten (bien entendu). 
Mait arbeitet noch daran. Die verstorbene Kurfürstin aus 
dem Hause Omnien haue es angefangen. Das Bettzimmer 
hat einen prächtig in Relief und Vergoldung ausgestatteleii 
Alkoven. Die Fenster sind alle in großen Scheiben von dem 
schönen Krystall, welches in Nürnberg und Frankfllrt gefertigt 
wird und Blumen und Landschaften darstellt. Vom Zimmer 
des Prinzen von Anhalt, welches nach Norden liegt, erblickt 
man die Festung Spandau zwei Weilen von Berlin. Man 
Hai einen Wald uiedergeschlageit, um diese schöne Aussicht zu 
gewinnen. Der Boden rings um Berlin ist etwas trocken 
und mit Sand bedeckl. Obgleich die ziemlich kalte Mark keinen 
Wein hervorbringt, fand ich doch eine halbe Stund: von 
Berlin auf der Straße nach Leipzig einen gegen Westen und 
Süden liegenden Hügel ganz mit guten Weinstöcken besetzt, 
welche Weilt etwa von der Güte jenes von Meißen trugen." 
Der Vergleich mit anderen Quellen ergiebt, daß Chappuzeau 
ein genauer Beobachter war tind daß seine Mitteilungen vollen 
Glauben verdienen. Neu ist zum Teil, was er über die 
innere Einrichtung des Schlosses sagt. Unzweifelhaft spricht 
er von deit Zimmern des dritten Stockes, deren Einrichtung 
Kurfürst Friedrich III. später vollenden ließ. Der französische 
Berichterstatter fährt dann fort: 
„Es bedürfte einer langen Schilderung, um meinen Leser 
von allen Schönheiten Berlins zu unterhalten, von seinen 
vortrefflichen Ställen und seinen reichen Raritätenkammern, 
welche man darüber angebracht hat (qu’ on remet sus). Diese 
waren vor vier Jahren der Gewalt des Feuers ausgesetzt, 
das die schönsten Paläste angreift und vor kurzem weder 
einen Teil der Galerien des Louvre noch derjenigen von 
Turin geschont hat, in welch' letzterer unter anderen Sehens 
würdigkeiten die Bildnisse des Herzog von Savoyen zur Schau 
gestellt waren. Ich schweige auch von den schönen Häusern, 
welche der Kurfürst in der Umgebung von Berlin besitzt, wie 
„Oraugebourg", welches er der verstorbenen Frau Kurfürstin 
geschenkt hatte, „Postum", welches er der Frau Kurfürstin 
schenkte, die jetzt dort lebt, und eile, zu dem glorreichen Herrn 
aller jener Staaten überzugehen, von denen ich hier ein Bild 
gab, zur erhabenen Person des Kurfürsten, der tausendmal 
größer durch seine Tugend und seinen Geist, als durch seine 
Macht ist." 
Dem Biographen des Großen Kurfürsten wird die etwas 
überschwängliche Lobpreisung des Franzosen von Wert sein. 
Hier aber soll nur hervorgehoben werden, was die Baugeschichte 
jener Zeit betrifft. Die „zweite Vortrefflichkeit" Friedrich 
Wilhelms liegt nach Chappuzeau darin, „daß er die Befestigung 
von Berliit durchführte und Bauwerke in der Bütte eines 
Sandes ausführte, der keinen festen Stand bietet und die 
Geduld jener ermüdet, welche ihn umgraben. Es war ein 
Werk der Penelope . . . aber er wußte Berlin zu einen, 
guten Platz zu machen und zwang die Natur zu seinen vor 
nehmen Zwecken." 
Dann wendet sich der Bericht dem Kanalbau zwischen 
Spree und Oder zu: „Der große Plan des Kanales, sagt er, 
welcher jetzt den Ocean und das baltische Meer verbinde,, 
ivar würdig des mächtigsten Kurfürsten im Reiche. Er ho, 
in weniger als 8 Jahren vollendet, was seine Vorgänge, 
vergeblich während mehr als eines Jahrhunderts versuchte,,. 
Dieses Werk, welches man gewöhnlich für unmöglich hieb, 
wurde im Jahr 1662 begonnen und hatte zum Leiter Philippe 
de Chiöse, Generalquarttermeister und Kammerherktt Seine, 
kurfürstliche» Hoheit, der bei der Vollendung des große» 
Plaues, dessen Ausführung ihm übertragen war, seine schöne 
Begabung zeigte. Es ist ein Kanal, welcher an Länge drei 
deutsche Meilen oder sechs von unsern Meilen von Poitou und 
an Breite fünf Klafter hat. Man hat ihn mit unsägliche» 
Kosten und Blühen von der in den Ocean sich ergießende» 
Elbe bis zu der in das baltische Meer fallenden Oder geleite,. 
Die Stadt „Mülrose" findet sich fast in der Milte nahe eine», 
See, welcher von dem ails der Lausitz kommenden kleinen Fluß 
Schlaube gebildet wird." 
Die Orthographie der geographischen Namen leider unter 
der bekannten Schwäche aller Franzosen. Der hier beschriebene 
28 Kilometer lange Friedrichs-Wtlhelmskanal, welcher Spree 
und Oder unter teilweiser Benutzung der Schlaitbe mit nenn 
Schleusen verbindet, wird auch heute noch meist nach dm 
Städtchen Müllrose bezeichnet. 
Da Chappuzeau den Kurfürsten nicht in Berlin antraf, 
so fuhr er ihm nach Königsberg nach. Auf der Reise „och 
Danzig begegnete er in Pommer» dem „Generalquartiermeister 
Herrn de Chiäse, welcher iu einem Wagen eine junge schöne 
Dame mir sich führte, die er eben in Preußen geheiratet Ham. 
Mir ivtlrde die Ehre zu teil, sie zu begrüßen. Er bekundete 
mir seine Freude, mich wlederzusehen, und bat mich, zwei 
Flaschen Wein anzunehmen. . . . Er schrieb sofort zwei 
Briese an einige Hofherren, seine Freunde, und bot mir alle 
jene Aufinerksamkeiteii, die man von einem gefällige» Manne 
erwartet." 
Wir sind so arm an individuellen Zügen aus dem Lebe» 
der Bauleute jener Zeit, daß diese kleine Erzählung dankbar 
aufzunehmen ist, welche den als tüchtigen Architekten bekannte" 
Erbauer des Stadtschlosses zu Potsdam betrifft. — 
Es ist nicht meine Absicht, hier den ganzen Inhalt de- 
Buches anzugeben, verweise aber auf die weiteren Ausführungen 
desselben nicht nur für Diejenigen, welche die braünschweigiD 
oder kursächsische, die holsteinische oder sonstige Hofluft Nord- 
deutschlands im 17. Jahrhundert kennen lernen wollen, sondert 
namentlich auch für den, welchem daran liegt, einen gefW 
dargestellten Einblick in die brandenburgische Verhältnisse je»el 
Zeit zu gewinnen. 
Er wird sich von dem das ganze Buch durchziehe,ive" 
Tone übereifrigen Bewunderns nicht von der Erkenntnis be 
wahren Sachlage abziehen lassen!
        
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