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Periodical volume 10. August 1889 Nr, 45

Full text: Der Bär Issue 15.1889

Gvmiiasialdirekwr Dr. M. grdjtuavb und ©rnji na« Mildcrrl'vuriz 
herausgegeben von 
Vskcrv KrilwoDol, gerlin. 
XV 7 . 
Jahrgang. 
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10. Luguft 
1889. 
Graf de la Roche-Aymon. 
Ein Bild aus der Zeit des Prinzen Heinrich. 
Von F. Katt. 
(Fortsetzung.) 
»Morläufig, Antoine, ist diese schöne Wirklichkeit noch in 
weiter Ferne; laß uns deshalb, Geliebter, das freund 
liche Heim, welches Dir Dein Wohlthäter nun schon so lange 
Jahre dargeboten hat, von ganzem Herzen genießen. Und 
sieh', wie edel von dem Prinzeil, den pauvre oncle wiederum 
mit seiner Huld zu beglücken! Er dauerte inich, der alte, 
kränkliche Mann, welchen die Leiden der letzten Jahre so ver 
bitten haben!" 
„Kennst Du unsern jungen Gast von früher her genauer, 
mit ehere?", fragte ihr Gemahl ablenkend. 
„Oberflächlich, mein Theurer, wie man sich eben an 
einem Hofe kennt", antwortete sie; „wir begegneteil ilils öfter 
bei Bällen und anbereit Festlichkeiten." 
„Ist er denii wirklich so bestechend, dieser junge Sohn 
des Mars?", fragte wiederum ihr Gatte. 
„Ich weiß es wirklich ilicht", antwortete die junge Frau 
ei>> wenig ungeduldig, „was kümmert es uns? — Man ist 
"ohl gar ein ivenig eifersüchtig?", fügte sie neckisch hinzu. 
»Beruhige Dich indessen, — so einzig gut und schön, wie 
wem liebes Männchen, ist der Prinz gewiß ilicht. Allein die 
Geisterstunde schlägt; morgen ist ailch noch ein Tag!" — 
Neuntes Kapitel. 
Auf der Uemusinsel. 
Einige Wochen später, an einem Junitage des Jahres 
1800, herrschte auf dem kleinen Eilande im Rheinsberger See, 
ber Remusinsel, ein fröhliches Treiben. Auf dem Rasen hatte 
eine heitere Gesellschaft gelagert, welche den mit eblen 
^ eu > gefüllten Römern fleißig zusprach und muntere Lieder 
"ber den schilfbekränzten See ertönen ließ. 
»Cher oncle", rief ein junger Mann, dessen braunes 
^»ckenhaar voll einem Krailze von Weinlaub geziert war. 
„haben Sie je die Bauernlieder gehört, welche die Burschen 
in der Champagne so vortrefflich zu singen verstehen?" 
Er hatte sich erhoben und stand mit dem gefüllten Kelche 
in der Rechten inmitten der Lagernden da, eine hohe, schlanke 
Gestalt mit interessanten, scharf geschnittenen Zügen. 
„Je ne les connais pas, mon neveu!" antwortete 
der Prinz Heinrich. „Ln avant, wir sind erwartungsvoll der 
Dinge, die da kommen sollen." 
„Gern will ich's denn versuchen!" Der Sänger begann: 
„8on8 le soleil et sous la nu' 
La terre est noir’, 
La terre est nu’. 
O-he ses fils, habillez-la! 
Lon la landigue Ion la! 
Que le semeur passe par la!" — 
„Ach, es geht doch nicht!", unterbrach er sich lachend, 
einen Zug aus dem Pokale schlürfend. „Ich lvill später ver 
sucheil, Jhneil lind deil übrigen Herrschaften das kleine Liedchen 
auf dein Jnstrunieilte vorzutragen; so geht's beim besten Willeil 
nicht." 
„Wenn Hoheit gestalten, würde ich mir wohl getrauen, 
die Volksmelodie zu fingen!", unterbrach der Graf de la Roche- 
Aymon den Redenden. „Oft genug hab' ich das Liedcheil 
von unsrer alten Jeanneton, welche aus der Chanlpagne ge 
bürtig ivar, in meinem väterlicheil Schlosse fingen hören!" 
Die Stimme des Grafen, ein volltönender Baryton, begann 
die zweite Strophe: 
„8a vieille mere n’est plus nue, 
Car une robe lui est venue, 
0 robe vert’, robe de soie, 
Lon la landigue lon la! 
V’lä le semeur passe par lä!"
        
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