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Periodical volume 3. August 1889 Nr, 44

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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des bis auf das untere Stockwerk ganz verfallenen Innern 
desselben zeigte man Blutflecke auf der morschen Diele, die 
von dem Junker Valentin Barfuß herrühren sollten. Nach 
und nach verfiel das Gebäude; jetzt ist es gänzlich vom Erd 
boden verschwunden. 
V i e r r a d e n. 
<Mit Illustration.) 
In der Morgenfrühe haben wir das einst so fröhliche 
nun so stille Städtchen Schwedt*) verlassen Unser Weg führt 
uns durch die „Vierradener Vorstadt". Hier, bei den: „Kalk- 
ofen-Graben", macht die Chaussee einen „Knick". Gerade 
vor uns liegen die Baumgruppen**) von „Monplaisir"; wir 
aber wenden uns nach Norden; — dort ragt eine Ruine auf, 
welche eilt hervorragendes geschichtliches Interesse besitzt, das 
Schloß Vierraden. Auf blutgedüngtem Boden liegt bei ihr 
der friedliche, tabakbauende Flecken gleiches Namens. 
Die Landschaft bietet nichts. Freundlich, aber sehr ein 
tönig entrollt sie sich vor uns; die Tabaksselder sind bereits 
abgeerntet; die Haide kommt nur in kleinen Baumgruppen 
nahe an die Landstraße heran. Dort im Grunde, uns zur 
Rechten, aber zieht sich die Welse dahin. Friedlich und lang 
sam fließend schlingt sie sich wie ein Silberband durch die 
grüne Niederung. Wer sieht's dein Flüßchen heute itvch an, 
wie grimmig einst der Grenzkampf zivischen ben Märkern und 
Pommern an seinen Ufern gelobt hat? — 
Im Lande an der Welse selbst scheint die Erinnerung 
an die schweren Tage der Vorzeit völlig erloschen zu sein. 
Und das ist sehr wohl verständlich. Gewiß; — die Verhält 
nisse der alten Zeit waren unheilvolle hier! Wer an der 
Grenze von Pommern und der Mark wohnte, der vermochte 
oft Monde lang nicht rrihig zu schlafen. Weckte ihn der 
Kampfruf des nahenden Feindes, das gellende „Horsa Stettin!" 
nicht, so ermunterte ihn wohl der Nachbar, welcher am Hori 
zonte da und dort den Glutschein brennender Dörfer bemerkt 
hatte. So war's in alten Zeiten hier. Aber auch heut' 
noch gili es hier, zu wachen und zu ringen. Der Ackerbau 
ist nur unbedeutend; aus der Höhe steht fliegender Sand 
und allerlei Geröll an; — da wächst nicht eben viel, und 
tiefer unten spülen die tückischen Wasser der Welse in der 
Regennachl die Düngung oft wieder fort. „Gut, — so bauen 
wir Tabak!" haben da einst die Männer in der Grenzland 
schaft gesagt, in welcher Pfälzer und Franzosen sich nieder 
gelassen hatten. Der Erfolg schien in dem ersten Jahrzehnte 
der Tabakskultur auch wirklich nicht auszubleiben; — ein 
Hamburger Kaufmann konnte schon in: Jahre 1691 über 
1400 Zentner Brandenburger Tabaksblätter ankaufen; dennoch: 
es ist durch den Anbau der „Kräuter des glückseligen Ver- 
gessens" uns in der Mark kein Segen gekommen. Der 
Tabak braucht zu viel Arbeitskräfte, und wenn er noch so 
*) AIs Markgraf Heinrich Friedrich von Brandenburg-Schwedt hier 
einst residierte, in dem Schlosse jeden Fremden „von Distinktion" gastlich 
aufnehmend und die Einwohner der Stadt durch allgemein zugängliche 
Theatervorstellungen erfreuend, hieß Schwedt (1771—1788) weit und breit 
nur „das lustige Städtchen an der Oder". 
**) Lustschloß Monplaisir wurde von dem Markgrafen Philipp 
Wilhelm, dem Gründer der Linie Hohenzollern-Schwcdt, angelegt und von 
den beiden Nachfolgern desselben, Friedrich Wilhelm und Heinrich Friedrich, 
verschönert. 
sorgfältig behandelt wird; es fehlt ihm Aroma und anregende 
Kraft. Im übrigen, — die Zeilen, in welchen unser liebens 
würdiger Herr von Canitz sein so schelmisch klingendes und 
doch so aufrichtig gemeintes „Lob des Tobacco's" singen 
konnte, sind wohl für immer vorbei! — 
So führt uns denn der kurze Weg heut' nur zu einem 
sehr bescheidenen Landstädtchen, welches in sich selbst nichts 
Bemerkenswertes enthält und keine Kirche, keine Mauer, kein 
Rathaus besitzt, welche uns nur das allergeringste Interesse 
erregen könnten. Und dennoch ist hier die Poesie der Geschichte 
zu Hause, — die der märkischen Kriegsgeschichte in 
sonderheit! 
Bald ist auch ein kundiger Führer gewonnen; er geleitet 
itns hinaus vor den Flecken, und dort draußen winkt uns 
dann gar bald die Stätte, welcher solche Poesie vorzugsweise 
eignet: vor uns liegen die Trümmer der Burg Vierraden. 
Schön sind sie und malerisch! Ruine Freyenstein, 
Ruine Putlitz und Ruine Vierraden, — das wird wohl das 
Beste sein, was wir von „verheerten und zerstörten Schlössern" 
int Lande Brandenburg noch besitzen. Schloß Vierraden ist 
offenbar einst ein vierstöckiges „Haus" gewesen; die Umfassungs 
mauern zeichnen sich auch heute noch mit Klarheit ab. Hohes 
Mauerwerk aber steht nur noch an zwei Stellen an: — hier 
erhebt sich ein fonnloser Pfeiler; dort aber ragt auf einer 
Ecke der alten Schloßmauer ein graziöser runder Wartturnl 
auf, — schlank fast wie ein Buchenstamm! Alts seinem Haupte 
trägt er einen Helln; — eine sogenannte „welsche Kappe" 
tritt verjüngt aus ihnt hervor; zwei ganz kleine Rundtürmlei» 
mit Wetterfähnchen flankieren sie. Wirtschaftsgebäude schmiegen 
sich traulich an diese letzten Reste des einst so berühmten 
Schlosses Vierraden an. 
Gerade seine reiche Geschichte ist es, die uns hierher- 
gesührt hat. Wir wiederholen es: es ist kaum eine andere 
Stätte in der Mark so kampfumtost, so blutgedüngt, ivie hier 
der alte „Burgfrieden" im Lande an der Welse, in dessen 
hohes Gras wir uns zu kurzer Rast jetzt strecken. — 
Vierraden verdankt seine Entstehung einer uralten, höchst 
wahrscheinlich von deutschen Mönchen angelegten Mühle, 
welche an der Welse gestanden und, wie uns in Vierraden 
selbst gesagt wurde, noch bis zum Jahre 1864 mit ihrem 
Räderwerke im Flusse geklappert hat. Es ist dies die schon 
1265genannte„Mühle zu den vier Rädern", das „molendinunr 
nuncupatum ad quatuor rotas, situm in Welsna, in ipso 
fhivio.“ Der „Königsweg", d. h. die uralte Straße von der 
Mittelspree nach Oderberg und nach Stettin, führte über diese 
Mühle. Da konnte es nicht fehlen, daß bei derselben gar 
bald auch einige bescheidene Niederlassungen entstanden, eine 
„Herberge" und ein Dörflein, welches unter der milden Herr 
schaft der Cisterzienserinnen „vor den Thoren Stettins" 
langsam emporwuchs. Ihnen nämlich hatten „die Greifen" 
die Mühle Vierraden geschenkt. Noch war ja die Herrschaft 
der Pommernherzöge über die Uckermark eine unbestrittene; 
bald aber sahen's die Fürsten vom Greifenstamm ein, daß die 
Ballenstädter allem flavischen Wesen den Untergang ge 
schworen hatten. Rücksichtslos, mit und ohne Vorwand, drangen 
diese kühnen Männer gegen die Küsten des wendischen Meeres 
vor. Da erbauten die Greisen arn Rande der Welse ein 
„Mühlenschloß", gleichfalls „ad quatuor rotas“ geheißen, 
und setzten einen Vogt auf dies „neue Haus".
        
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