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Volume 27. Juli 1889 Nr, 43

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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anderen. Allein mit diesem roie mit verschiedenen anderen 
erging es ihm nicht besser. Endlich sandte man ihm einen 
Mönch von außerordentlicher Körpergröße. Diesen nahm er 
an, und siehe da: er mar ein Mann, ganz nach dem Wunsche 
des „frommen" Majors. 
Mittlerweile hatte dieser aussprengen lassen, er besäße 
große Güter und Reichtümer in Polen, weshalb ein jeder gern 
sein Lehrer sein wollte. 
Eines Tages sagte der Major nunmehr zu dem langen 
Möttch, er möchte seine Vorbereitung zum Uebertritt in die 
katholische Kirche gern auf seinen Güterit in Polen vollenden, 
und fragte denselben, ob er aus christlicher Liebe ihn dahin 
begleiten wolle. Er machte ihm so verlockende Schilderungen 
vott den Tafelgenüssen und von dem Weinkeller, die ihm dort 
zu Gebote stehen würden, daß der Mönch einschlug, für den 
Fall, daß seine Vorgesetzten es ihm erlaubten. 
Die Erlaubnis wurde erteilt, da man einen so ange 
sehenen Proselyten, wie den preußischen Major, nicht gern 
entschlüpfen lassen wollte. 
Beide reisten ab, uitd trafen in einigen Wochen nicht in 
Polen, sondern in Potsdam ein. Hier empfing sie der König 
mit lebhafter Freude; er stellte den Mönch in seine Garde 
ein und schrieb an den päpstlichen Sttchl, daß es ihm voll 
ständig geglückt sei, den bezeichneten langen Mönch in seine 
Gewalt zu bekommen. 
Der Major aber wurde sogleich wieder einrangirt und 
wegen der glücklich vollführten Herbeischaffnng des „langen 
Kerls" reich beschenkt. 
Leider nennt die Ueberlieferung nicht den Namen dieses 
kecken Majors. So freudig wir aber auch die hohen Ver 
dienste des „ökonomischen Königs" tun sein Volk und sein 
Land anerkennen, so wenig vermögen wir solch' ein „Spiel 
um einett langen Kerl" zu rechtfertigen. 
Der Tunnel über der Spree. 
Von Kornrann Dupant. 
Nicht nur Bücher und Menschen, auch Vereine haben ihre 
Schicksale. Und der in Rede stehende Verein hat deren mannig 
fache erfahren. 
Das Gründuttgsjahr des Tttnnels fällt fast ttoch in das 
erste Viertel dieses Jahrhunderts. Am 3. Dezember 1827 
fanden sich auf Einladung M. G. Saphir's, des damals in 
Berliit lebenden, ebenso durch seinen Geist wie durch feilte 
ttnaufhörltchen litterarischen Fehden bekannten Wiener Hutno- 
risten, der Hofschauspieler Louis Schneider, nachmaliger Hof 
rat und langjähriger Vorleser Friedrich Wilhelms IV. und 
Kaiser Wilhelms I., der Hofschauspieler Lemnt und mehrere 
andere gleichgesinnte Genossen, in des erstereit Wohnung in 
der Potsdatnerstraße zur «Stiftung des „Litterarischen Sonntags 
vereins" zttsamnten. In parodistischer Anspielung auf ben 
durch den genialen Brunei erbauten, damals als jüngstes 
Weltwunder angestattttten Themse-Tunnel wurde der junge 
Verein, zu deut man sich übrigens die damals in Wien 
bestehende „Lttdlamshöhle" als Vorbild ausersehen hatte, 
„Tttnttel über der Spree" (Tunellus supra Spream) getauft. 
Zum Schutzpatron erwählte man, entsprechend den ursprünglich 
verfolgten, attsschließlich hnmonstisch-satyrischen Tendenzen, Till 
Eulenspiegel, als Motto: „Ungehettre Ironie und unendliche 
Wehmut," — die Pole, zwischen welchen sich die. geistige 
Thätigkeit der Mitglieder bewegte. Das Siegel stellte eine 
Eule dar, mit der einen Klaue einen Spiegel, mit der andern 
einen Stiefelknecht haltend. Die eine Zinke desselben, einen 
Schafskopf darstellend, sollte als Symbol der ttnendlichsten 
Wehmut gelten; während die andere, ziegenohrartig geformte, 
die ungeheure Ironie versinnbildlichen sollte. Eine ebensolche 
Etile, in Bronze von dein Bildhauer Wolfi modelliert, krönte 
in späterer Zeit, als der Tunnel aus seinem ursprünglichen 
Rahmen heraus und zu einer von seinen Stiftern gewiß nicht 
geahnten Bedeutung angewachsen war, einen mannshohen, 
schwarzpolierten Stab (Eulenstab), das Zeichen des „Hehren 
Hauptes" <des Vorsitzenden). 
In ben ersten Jahren seines Bestehens dominierte im 
Tunnel die übersprudelndste, heiterste Lattne, welche Richtung 
auch die seiner Kritik unterbreiteten Geistesarbeiten der Mit 
glieder, ja die Kritik selbst, vertraten. 
Damals (von 1828—1833) bestand auch noch die Ein 
richtung der „Liebeshöse" nach dem Vorbilde der „Cours 
d'amour" des Königs Rene. Dieselben wurden gebildet aus 
einem Präsidenten, zwei Assessoren und zwei Advokaten und 
hatten über allerlei spitzfindige und verfängliche Fragen in 
j Sachen der Liebe zu beraten und zu entscheideit. Als Beispiel 
hierfür möge das folgende Problem gelten: 
„Was ist schmerzlicher, den Nebenbuhler zu der Geliebten 
gehen oder ihn von ihr kommen zu sehen?" 
Man könnte auf das damalige Treiben im Tunnel mit einiger 
Berechtigiutg attch jene Verse beziehen, in welchen 200 Jahre 
früher Franeis Beattmont von dem damals in London be 
stehenden, in der Taverne „ab tlie Mermaid" sich versam 
melnden und nach ihr seinen Nanten führenden, berühmten 
Klub, dem attch Shakespeare, Ben Jonson, Fletcher und 
Beaumont selbst angehörten, folgendes gesttngen hatte: 
„Was sah'n wir in der „Mermaid" nicht vollbringen! 
Wir hörten Worte dort, so schnell und glänzend, 
Als hätte jener, der sic sprach, im Sinne, 
Sein Alles, was an Geiste er besaß, 
In einen Scherz zu pfropfen, und hernach, 
Des Lebens stumpfen Rest als Thor zu leben! 
Und gingen wir, so ließen wir zurück 
So witzerfüllte Luft, daß sie genügen konnte. 
Nach uns noch viele andere zu versorgen." 
Vitt der Zeit aber, durch den Hinzutritt neuer Mitglieder 
vielleicht auch weil man des bisher angeschlagenen, nicht eben 
trockeneit Tones satt tvar, lenkte man tnehr und mehr in eine 
andere, ernstere und doch ben Humor nicht ausschließende 
Richtung hinüber und strebte höhere Ziele an, als. diejenige» 
waren, die man bisher attsschließlich verfolgt hatte. Der 
Schtttzpatron, die Embleme, die herkötninlichen Formen — 
wenn auch letztere im einzelneit hier und da verändert — 
wurden jedoch pietätvoll beibehalten, 
„indem bei der zwar modifizierten, aber nicht gänzlich 
umgeivandelten Tendenz der Verein sich dieser fröhliche» 
Zeit seiner ersten Jugend nicht entfremden mag, da j» 
auch dem ernstesten Manne die Erinnerung an seine harm 
lose Kindheit und Jugend stets wert und lieb bleibt/ 
wie es in der Vorrede der Statutenausgabe vorn Jahre 1835 (w- 
An Sonderbarkeit und den Neuling verblüffender Origi 
nalität ließen diese Formen säum etwas zu wünsche»
	        
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