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Volume 27. Juli 1889 Nr, 43

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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beamten Chuza Gemahlin, welche Jesus die Heilung ihres 
loikranken Sohnes verdankte, die heilige Veronika, eine 
Jüdin aus Paneas (Caesarea Philippi), in deren Tüchlein, 
als sie damit dem vom schweren Kreuz zu Boden gedrückten 
Heiland den Schweiß abtrocknete, das edle Antlitz sich bleibend 
abdrückte.*) Auch Martha mit ihrem durch Jesus voni Tode 
erweckten Bruder Lazarus ist zugegen.**) 
Aus der schier unendlichen Stadl ragen im Hintergrund 
des Rundbildes inehrere geschichtlich berühmte Gebäude macht 
voll hervor. Links die Burg Antonia, von Herodes dem 
Großen zu Ehren seines Freundes Antonius also getauft, 
aus alteil salomonischen Grnildiilauern erbaut mit vier ge 
waltigeil Festungstürmeil. Alles aber überragt der Tempel auf 
der Stelle des von Salonion aus dem Berge Morijah von 
1012 bis 1005 v. Chr. erbauten, 588 von Nebnkadnezar zer 
störten jüdischen Volksheiligtums. Dieser von Herodes 
23 v. Chr. gänzlich umgeballte Tempel wlirde voll Titus zer 
stört nebst dem rechts davon emporragenden Lysins, einer 
gewaltigen Arena. Den Abschluß inacht der Palast der Has- 
iiionäer mit dem Richthause des Pilatus, von wo der Land- 
psleger den zum Spott mit einem weißen Gewände bekleideten 
Erlöser dem Herodes vorführen ließ. 
Der Weg, welchen Jesus Christus zur Stätte des Todes 
ging, der wahre Kl'euzweg, führte vom vormaligen Palast des 
Herodes ans der Oberstadt durch das Gehennathor zum nahe 
gelegenen Golgatha.***) — 
Und wieder und immer wieder wendet sich der Blick der 
von Schauern der Wehmut und Ehrfurcht ergriffenen Betrachter 
hierher iiach dem Kreuzesopfer vom 7. April des Jahres 29. 
Jeder gedenkt dabei der letzten Worte des verscheidenden 
Heilandes: „Es ist vollbracht! Vater, in deine Hände befehle 
ich meinen Geist" und des Bekenntnisses des Heiden Ktesiphon: 
„Wahrlich, dieser war Gottes Sohn!" — 
Wie Friedrich Wilhelm I. einen „langen Kerl" 
aus Rom entführen läßt. 
Von Girant Löfflor. 
Daß König Friedrich Wilhelm eilte Leidenschaft für 
„lange Kerls" hatte, und diese durch seine Werbeoffiziere aus 
aller Herren Länder herbeischleppen ließ, ist allgemein bekannt. 
*) Das leineye Tuch der heiligen Veronika mit dem Abdruck des 
schmerzvollen Antlitzes Jesu wird unter dem Namen Volt« Santo „heiliges 
Angesicht" zu Rom in der St. Peterskirche ausbewahrl. Wohl bekannt 
bl jedem Berliner das aus denr Privatbesitz Königs Friedrich Wilhelms III. 
flammende, angeblich von Korregio auf Seide in edelsten Zügen gemalte 
^ild. welches, um die Täuschung zu erhöhen, ursprünglich nicht gerahnit 
n>°r, sondern wie ein wirkliches Tuch verwahrt und gezeigt wurde. Dies 
Lchweißtuch der heiligen Veronika wird jetzt nicht inehr dem großen italie 
nischen Maler zugeschrieben und ist leider vor etwa 2 Jahren in einen 
Seitenraum verbannt worden, weil die Kunstforschung dermalen es nur 
eine alle Kopie erachtet. 
**') Ungern vermißt wird die so bedeutungsvolle Gestalt des Ewigen 
stützen, der Christus forttrieb, als er auf dem Wege nach Golgatha vor 
feinem Hause rasten wollte und deshalb zu ewig rastlosen, Leben ver 
dammt ist. 
***) Golgatha, zu deutsch Schädelstätte, nicht wegen der dort vor 
genommenen Hinrichtungen so benannt, sondern weil der Kalvarienberg 
°°n Lüden aus betrachtet mit einem menschlichen Schädel Aehnlichkeit ge- 
haben soll. (Anm. d. V.) 
Weniger bekamil ist jedoch die nachfolgende Begebenheit, 
ivelche recht dazu geeignet ist, zu zeigen, wie groß die Sucht 
jenes Fürsten war, große Leute für sein Leib-Regimeut zu er 
langen. 
Friedrich Wilhelm hatte durch seine Werber einen katho 
lischen Klostergeistlichen, der sehr groß von Figur war, in 
Italien ausheben und unter sein Regiment stecken lassen. Die 
Sache wurde ruchbar, und der Papst bemühte sich, seinen 
Mönch zitrückzuerhaltelt. Als der König jedoch lricht nachgab, 
schrieb man ihm, es befände sich in Rom noch ein Mönch, 
der größer sei als der entführte; verspüre er Lust, aitch 
diesen zu werben, so möchte er es nur versuchen; er würde 
aber danir sehen, ivie man mit seinen Werbern verfahren 
iverde. In jenem Schreiben wurde auch das Kloster ange 
geben, in welchem der Mönch sich befand. 
Der König hatte kaum dies Schrerbelt gelesen, als er, 
den Drohungen zum Trotze, beschloß, den „Langen" aus Rom 
zu entführen. 
Zur Ausführung dieses Gewaltstreichs wurde vom Köitige 
ein Major des Potsdamer Regiments ausersehen, der ihm 
als ein ebenso verschlagener wie verwegener Offizier be 
kannt war. 
Der Plan wurde entworfen, und das erste, was geschah, 
war, daß der König den Major vor der Front des Regiments 
lnit den in diesem Falle üblichen Worten kassierte: „Scheen 
Euch zum Teilfel!" 
Sogleich verließ der Major, als scheinbar Beschimpfter, 
die Stadt und begab sich nach Posen, wo er ein kleines 
Landgut kaufte und ein stilles Leben führte. Ja, es schien 
sogar, als wollte er in der Frömmigkeit Trost für die ihm 
widerfahrene Schande suchen. Er knüpfte Verbindungen mit 
benachbarten katholtschen Geistlichen an, und äußerte endlich 
den Wunsch, in den Schooß der „alleinseligmachenden Kirche" 
atlfgenommen zu werden. 
Was konnte den Geistlichen lieber sein, als dieser Ent 
schluß? Hatte schon die Erzählung von seiner durch den 
Ketzerfürsten erlittenen Kränkung, verbunden mit einer guten 
Tafel, ihm die Herzen all' der frommen Herren gewonnen, 
so wollten sie ihn gar auf Händen tragen, als er. ein an 
gesehener Mann, Katholik werdeit, und dadurch feinen früheren 
Glaubensbnidern ein Beispiel zur Nachahmuitg geben tvollte. 
Gern ivareit sie deshalb bereit, ihn in ihrem Bekenntnis zu 
unterrichten. 
Mit Eifer lag der Major a, D. den Studien ob, doch 
äußerte er nach einiger Zeit, während man in ihit draitg, 
seinen Uebertritt nititinehr öffentlich ailszuführen, er glaube, 
nur in Rom sich völlig von seinen Irrtümern reinigen zu 
können, weshalb er die Geistlichen ersuchte, ihm Empfehlungs 
schreiben an den päpstlichen Stuhl mitzugeben. 
Ohne den geringsten Argwohit veritahm man den Wuirsch 
des Konvertiten, und schon in wenigen Tagen erhielt er von 
angesehenen Prälaten die verlangteit Empfehlungsschreiben, 
von denen mehrere sogar an Kardinale gerichtet waren. 
So ausgerüstet, reiste er nach Rom, und wurde hier von 
der hohen Geistlichkeit sehr zuvorkommend ausgeitontineit. Er 
verlangte einen Mönch, der ihn vollends zum rechtgläubigen 
Katholiken machen sollte, und sein Wunsch wurde erfüllt. 
Der Major konitte sich aber mit dem ihm überwiesenen 
Mönche nicht recht verständigen; er begehrte deshalb einen
	        
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