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Periodical volume 27. Juli 1889 Nr, 43

Full text: Der Bär Issue 15.1889

528 K' 
gebung des Schlosses Flechtingen sich den Wellenbergen bei 
Dönstedt zugewendet hat. Die dortigen schönen Anlagen 
wurden am Schlüsse des vergangenen Jahrhunderts von deni 
Schenken Jakob Karl errichtet. Das Kleinod des Geschlechtes 
aber ist und bleibt die Bitrg Flechtingen. Möge sie fest stehen 
auch für die Zukunft in ihrer ehrwürdigen Gestalt; möge der 
graue Warttnrm derselben noch lange aufragen, ein Symbol 
von des alteit Namens Glück, und die übermütige Mär' vom 
Schenken Bonvard weitertragen aus kommende Zeit! 
Oskar Schwebel. 
Wann ward unser Heiland geboren? 
Wann ward unser Heiland gekreuzigt? 
Von Gvrrst Friedet. 
II. 
Auch in Bezug auf die Ermittelung des Todesjahres 
unsers Herrn und Heilandes wirft die Entdeckung Sattlers 
ein aufhellendes Licht. Mit zweifelloser Gewißheit ist aus der 
heiligen Schrift selbst das Alter Jesu nicht feststellbar. 
Lukas 8, 1 u. 2 sagt: In dem fünfzehnten Jahr des Kaisers 
Tiberii, da Pontius Pilatus Landpfleger in Judäa war und 
Herodes ein Viersürst in Galiläa und sein Bruder Philippus > 
ein Vierfürst in Jturäa und in der Gegend Trachonitis und 
Lysanias ein Vierfürst in Abilene; da Hannas und Kaiphas 
Hoheitpriester waren: da geschah der Befehl Gottes zu 
Johannes, Zachariä Sohn, in der Wüsten." Er tauft Jesus, 
wonächst der Evangelist V. 23 hinzufügt: „Und Jesus ging 
in das 30. Jahr und ward gehalten für einen Sohn Josephs, 
welcher war ein Sohn Eli." Weil der Evangelist Johannes 
nun ein dreimaliges Hinaufgehen Christi nach Jerusalem zum 
Osterfeste erwähnt, so schloß man weiter, daß Jesus im 
34. Lebensjahr gestorben sei. Dies würde freilich die nicht er 
weisbaren Voraussetzungen bedingen, daß Jesus zu jedem 
Osterfest nach Jerusalem gezogen und daß von Johannes über 
jede dieser drei Wallfahrten Bericht erstattet morden sei. Die 
Ueberlieferung der katholischen Kirche läßt Christus in der 
Osterwoche des Jahres 34 der christlichen Zeitrechnung sterben. 
Da nun, wie die Satrlersche Münze des Herodes Anlipas 
lehrt, die christliche Zeitrechnung um sechs Jahre verspätet be 
ginnt, so ist der 7. April des Jahres 29 unserer christ 
lichen Zeitrechnung, ein Freitag, als der wahre Tag der an 
Christtts vollzogenen Kreuzigung altzunehmen. 
Es ist ein bedeutungsvoller Zufall, daß Bruno Pigl- 
heins*) ergreifendes und epochemachendes Bild der Kreuzi- 
gtlitg Christi iit München zuerst in demselben Jahre 1886 
*) Der in der Vollkraft der Thätigkeit und in den besten Jahren 
stehende Maler Professor Bruno Piglhein (leider oftmals Piglheim ver 
schrieben), der modernsten Münchener Malerschule angehörig, wurde den 
Berlinern und den Norddeutschen zuerst durch das überaus anmutige Bild 
„Idylle" im Jahre 1883 allgemein bekannt, welches ein kleines unbe 
kleidetes Mädchen darstellt, auf einer Bank, die ins Wasser führt, über 
demselben ruhig sitzend. Das Kind lehnt an einen in Betrachtung ver 
sunkenen, dabei treu wachsamen Hund. Beide, Kind und Hund, wenden 
— darin liegt gerade der eigentümliche neckische Liebreiz des Bildes — 
dem Beschauer den Rücken zu. Durch Fr. Hanfstängls treffliche Photo 
graphie ist dasselbe überall verbreitet. An vielfachen unberufenen plumpen, 
anwidernden Nachäffungen hat es — wie gewöhnlich — auch hier nicht 
gefehlt. (Anni. d. B.) ' 
aufgestellt wurde, in welchem die Minze des Herodes Antipas 
sich vorfand. Das seit dem 22. Dezember 1888 im Panorama- 
Atelier zu Berlin, Bachstraße 22, aufgestellte Rundbild ver 
dient wegen seines jedermann angehenden Inhalts an dieser 
Stelle wenigstens in der Kürze erwähnt zu werden, zumal es 
die größte, getreuste und erschütterndste Darstellung des 
Kreuzestodes unsres Heilandes ist, welche existirt, wie denn auch 
die eigenartige Natur der Umgebungen Jerusalems aus dem 
Kolossalgemälde eine außerordentliche und fesselnde Anziehungs 
kraft ausübt. Dem römisch-katholischen Glauben ist darin 
voni Künstler eine Konzession gemacht, daß auch die Füße des 
Seligmachers mit 2 Nägeln am Stamm befestigt sind, während 
sie wohl nur gebunden waren, wie dies beim bösen Schächer 
angesichts rechts vom Christuskreuz ausgedrückt ist, während 
der bußfertige Schächer links ebenfalls die vier Nägel aus 
weist. Dagegen ist, gegen die übliche Form, das Marterholz 
selbst als T d. h. als crux commissa, nicht als j eigent 
liches Kreuz, crux immissa, dargestellt.*) 
Interessant für den Protestanten ist die in dem Sattler- 
scheu Führer enthaltene namentliche Aufführung mancher der 
in die Kreuzigung verflochtenen Personen, welche im Neuen 
Testament ohne Namen erscheinen. So der römische Haupt 
mann Ktesiphon, welcher die Hinrichtung leitete. Die vier 
Soldaten können, wie man ermittelt hat, aus der Zahl der 
germanischen Hilss- und Soldtritppen, die in Palästina standen, 
gewesen sein; in einer langen Abhandlung „Beweis, daß die 
Westphälen Christum gekreuzigt haben" ist sogar einst der 
Versitch gemacht wordeit, dem Volksstamme, welcher heule die 
anhänglichsten Katholiken aufweist wie bis zur Zeit Wittekinds 
und Karls des Großen die starrsten Heiden, die unmittelbare 
Schuld am Tode Christi beizumessen. Seitwärts vom Kreuze 
in herausfordernder Stellung, rechts die später so hochheilig 
verehrte Lanze**), links den Schild haltend, steht der Legionär 
Longinus, welcher gleich dem Ktesiphon sich später zum 
neuen Glauben bekehrte. Der unbußfertige Schächer wird 
Gesmas, der reuige Dismas genannt. Neben der Gottes- 
Mutter Maria fehlt nicht Maria Klopä, ihre Schwester, 
Maria Magdalena und Maria Salome, Johannes des 
Evangelisten Mutter; Susann«, des Synagogen-Vorstehers 
Jarirus Wittib, deren zwölfjähriges Töchterlein Christus vom 
Tode erweckte, und Johanna, des Herodianischen Königs 
*) Das älteste Kruzifix kommt in einer Handschrift der Bibl. Lau- 
rentiana zu Florenz von 583 vor. Die Kreuzigung der Füße, so zwar, 
daß das rechte Bein zu oberst liegt, stammt wahrscheinlich erst (bei den 
Albigensern eingeführt) aus dem 13. Jahrhundert; litterarisch wird sie zuerst 
bei Walter von der Vogelweide erwähnt. Die älteste christliche Zeit kennt 
die Darstellung des Kreuzes nicht, teils weil man bildliche Darstellungen 
als heidnisch überhaupt nicht liebte, teils weil man die eine schimpfliche 
Todesart bedeutende Kreuzigung in Bezug auf unsern Erlöser nicht wohl 
darstellen konnte, solange sie noch üblich war, d. h. bis zum Ende des 
4. Jahrhunderts. Gegenstand der höchsten Verehrung wurde das Kreuz 
überhaupt erst seit der „Kreuzescrfindung", d. h. mit der Auffindung des 
vermeintlich echten Kreuzes Christi durch die Kaiserin Helena, Mutter 
Konstantin des Großen, welche an der betr. Stelle die Kirche des Heiligen 
Grabes erbaute. 
**) Das eigentümlich durchbrochene Lanzeneisen soll in Antiochia am 
Orontes bewahrt worden und von den Kauffahrcrn erbeutet worden sein. 
In vielen Kirchenschätzen und Museen befinden sich Nachbildungen. Nach 
anderer Ueberlieferung gilt als das Szepter der salischen Kaiser eine Lanze, 
deren Eisen zum Teil unter Zuhilfenahme der heiligen Kreuzesnägel ge 
schmiedet worden sein soll. (Anm. d. V.)
        
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