Path:
Periodical volume 13. Juli 1889 Nr, 41

Full text: Der Bär Issue 15.1889

■S 509 K-— 
t 
Unter der Regierung König Friedrich Wilhelms I. hatten die Haus 
diebstähle in Berlin dermaßen überhand genommen, daß der König diesem 
Unfug nicht anders ein Ziel setzen zu können glaubte, als durch den harten 
Beiehl, jeden, der als Hausdieb entdeckt würde, sofort und ohne lange 
genaue Untersuchung vor dem Hause, in dem er gestohlen, an einem dazu 
aufgerichteten Galgen, der aus einem Schandpfahl mit einem Arme bestand, 
auszuhängen. Kaum war der Befehl bekannt gemacht, als aberntals ein 
Diebstahl ruchbar ward: in dem Hause des Ministers von Happe war ein 
silberner Löffel, auf den der Minister großen Wert legte, entwendet worden. 
Es war eine strenge Untersuchung angestellt, aber niemand ivollte es ge 
wesen sein, und alle wälzten natürlich den Verdacht nach Möglichkeit von 
sich ab. Endlich blieb derselbe auf einem armen Dienstmädchen, das nur 
erst seit kurzer Zeit in Dienst getreten war, haften, sie konnte sich nicht von 
demselben reinigen, und da sie arm und freundlos war, auä) keinen Verteidiger 
fand, war sie zum Tode verurteilt, und, so unlieb es auch dem Minister 
war, daß gerade vor seinem Hause eine solche Erecution stattsinden sollte: 
er mußte es sich gefallen lassen, daß der Befehl des Königs vollzogen warb. 
?ao Mädchen ward ohne Gnade unter ungeheurem Menschenzufammenlauf 
gehängt. Ein Jahr war schon ins Land gegangen und noch immer war die 
Hinrichtung nicht vergessen; zum großen Verdruß des Ministers standen fort- 
während Gruppen von Menschen auf der Straße, welche das Haus an 
gafften, vor welche«! das Schauspiel stattgefunden hatte. Da kam auf ein 
mal die Unschuld der armen Hingemordeien ans Licht. Eine zahme im 
Hause gehaltene Ziege hatte den Löffel verschleppt und ihn aus einmal 
wieder aus ihrem Versteck hervorgebracht. Nun drängten sich täglich die 
Menschen haufenweise vor das Haus, um die Ziege, den Löffel und den 
Crt zu sehen, wo ihn jene verborgen hatte. Der Minister konnte und 
wollte nicht länger in dem Hause bleiben, er bot es vergeblich zum Ver- 
kaufe aus, aber niemand wollte das Galgenhaus — so nannte man es 
iortan spottweise — haben: da ließ der König, der natürlich sogleich das 
menge Gesetz wegen der Hausdiebe, nachdem ihm die traurige Geschichte 
zu Ohren gekontnten war, aufhob, dasselbe durch den Magistrat ankaufen 
und zur Köllnischen Propste! einrichten; allein es behielt den ominösen 
Namen für immer, und das Volk glaubt noch heute, daß in dem erwähnten 
Loche einst der Galgen gestanden hat. 
besten aber erschallte plötzlich „Pardon!" Die anwesende Menge brach in 
Jubel aus, aber der Geniarkerte fühlte sich so empört, daß er wilde Ver 
wünschungen gegen seinen höchsten Kriegsherrn, den König Friedrich I. von 
Württemberg, ausstieß. In folge dessen wurde Francois zu lebenslänglicher 
Gefangenschaft nach dem Hohenasperg gebracht. Die Geschichte seiner Flucht 
ivirb alle Leser ergreifen; die Abenteuer, welche der junge Mann alsdann 
erlebte, sind so bunt, daß der Romandichter sie wohl benutzen kann. Als 
er bann völlig mittellos zu Fuß die Welt durchwanderte, ernährte er sich 
durch Erteilung von Tanzstunden; ja, er trat sogar als Ballettänzer auf. 
Auch durch Deklamationen erwarb er sich Reisegeld. Endlich traf er auf 
den Gütern seiner Brüder wieder ein, und es gelang ihm in kurzer Zeit, 
Offizier bei Schills Korps zu werden. Als dies in tragischer Weise zer 
sprengt wurde, ging Francois nach Rußland, wo er rasch avancierte, um 
mit Orden bedeckt, in sein Vaterland zurückzukehren. Die Schilderungen der 
russischen Erlebnisse sind von hohem Interesse, weil über den weltberühmten 
Krieg in Rußland verhältnismäßig nur wenig Gutes geschrieben worden 
ist. — Francois genoß die Genugthuung, daß er in Württemberg als 
russischer Offizier höher« Grades sich zeigen konnte. Er durchlief später in 
preußischen Diensten eine glänzende militärische Laufbahn; er erhielt hohe 
Orden und wurde 1848 Generalleutnant. Als Komniandant von Minden 
«ahnt er 1848 den Abschied. Er starb den 9. Februar 1855 in Potsdam. 
Ich habe ihn dort oft gesehen — in ungebrochener Körperkraft und Geistes 
frische, ganz des „Soldatenlebens" wackeren Helden. Fr. v. H. 
— Aus dem Verlage von Hermann Oesterwitz, Frankfurt und 
Leipzig, liegen uns zwei bemerkenswerte vaterländische Novitäten vor: 
Kaiser' fjtHUjjclm II. in feinern Meiden nnd bi»- 
fteeigon Mielren. Für Jung und Alt geschildert von 
Dr. (Otto fiimticmüllcr. 
Das vortrefflich illustrierte und schön ausgestattete Buch verdient un 
eingeschränktes Lob und weiteste Verbreitung. Die Darstellung ist eine 
ebenso anregende wie gründliche und verständnißvolle. Leider bricht das 
Werk schon bei des Kaisers Romfahrt ab. Möge es mit jeder neuen Auf 
lage wachsen, — ein Spiegel der Ehren unsres jugendstarken, ernsten und 
ritterlichen Herrn! 
Die deiden alterten Käekeeeien Koriins sind die 
Hamann'fche in der Brüderstraße und die Karchow'fche in der Breitenstraße. 
Erstere ist im Jahre 1722 vom Bäckermeister Johann Hamann begründet 
und befindet sich noch in demselben Hause, sowie in Händen der Familie 
Hamann. Eine Marmortafel im Laden sagt, wann die einzelnen Hamanns 
die Bäckerei übernommen haben: Johann Hamann, der Begründer, 1722; 
Gottlieb Hamann 1758, Friedrich Hamann 1773, Wilhelm Hamann 1805, 
ein zweiter Wilhelm Hamann 1839, ein dritter 1873. Der letztgenante 
starb vor zwei Jahren, und gegenwärtig führt eine Witwe die Bäckerei. — 
Tie üarchow'sche Bäckerei besteht seit 1740 und ist von deni damaligen 
Hofbäcker in Konstantinopel, Wittich, welcher zur Zeit Friedrichs des Großen 
nach Berlin kam, begründet. Dieselbe ist durch Heirat in den Besitz des 
Bäckermeisters Albert Karchow übergegangen, liefert für den Hos und gehört 
zu den berühmtesten Bäckereien Berlins. Eine komische Erinnerung knüpft 
sich an diese Bäckerei, die nämlich, daß hier einem Gefangenentransporteur 
sein Arrestant ausrückte, als ihm gestattet wurde, sich in der Bäckerei eine 
Semmel zu kaufen. Der Gefangene enkkani nach der Brüderstraße, wohin 
die Bäckerei früher einen Durchgang hatte, während der Transporteur 
stundenlang vor der Thür in der Breitenstraße wartete, ehe er die Flucht 
begriff. Statsb. Zig. 
„Fackeltan;." Durch die Güte des Herrn L. Pietsch, des besten 
Kenners und berufensten Darstellers höfischer Festlichkeiten unsrer Zeit, sind 
wir in den Stand gesetzt, die in Nr. 40 des „Bären" gegebenen Mitteilungen 
über den „Fackeltanz" richtig zu stellen. Die in Rede stehende Doppelhochzeit 
der Prinzessin Charlotte mit dem Erbprinzen von Sachsen-Meiningen und 
der Prinzessin Elisabeth mit dem Erbgroßherzog August von Oldenburg fand 
selbstverständlich nicht im Jahre 1875, — hier ist leider ein Druckfehler 
stehen geblieben, — sondern erst am 18. Februar 1878 statt, und der Fackel- 
tanz unterblieb bei ihr ebensowenig, wie 1873, am 19. April, bei der Ver 
mählung des Prinzen Albrecht mit der Prinzessin Maria von Sachsen- 
Altenburg. 0. 8. 
Unser- Küchrrtisch. 
tlaol van Foantzais. Ein Soldatenleben. Nach hinterlassenen 
Memoiren von Ciotillie von Schwarzkoppen. Zweite vermehrte Auf 
lage. Verlag von R. Eisenschmidt in Berlin. 
Die bekannte Novellistin und Dichterin hat sich durch die Herausgabe 
dieses Soldatenlebens, dessen Held ihr Vater ist, ein hohes Verdienst er 
worben. Die Bereicherung unsrer Memoirenlitteratur ist es nicht allein, 
ihr zu danken ist: nein, sie gab auch ein Zeitbild, welches ftir die 
fugend wie für das Aller eine fesselnde Unterhaltung darbietet. Jugendliche 
-siiziere werden neben dem Vergnügen der Lectüre auch gewiß gute Lehren 
du- den bitteren Erfahrungen schöpfen, welche Karl von Francois in seinem 
vielbewegten Leben gemacht hat. Durch Ungestüm verschuldete er eine so 
urgc Verwickelung feiner Verhältnisse, daß er beinah an ihr zu Grunde gegangen 
wäre. Als Offizier in württembergischen Diensten geriet er auf einem Ball 
th Streit mit einent seiner Vorgesetzten und wurde wegen Vergehens gegen 
Subordination zum Tode verurteilt. Eine Strafe, deren Härte noch 
durch die Art der dermaligen Vollstreckung vermehrt wurde. Er mußte alle 
Oualen der Todesangst durchmachen; er ntußte sogar mit verbundenen 
Uugen niederknieen und es mit anhören, wie die sechs Schützen ihre Gewehre 
au i ihn anlegten; nur das Commandowort „Feuer!" fehlte noch. Stlat 
Der Lokalgeschichte im engsten Sinne des Wortes gehören an: 
llrlrnndlioho Ilartieirtiten nre Gefchiertte d>ee ©arni- 
Jan nnd Gaenisengenreinde in Spandan von 
IW. Schall, Prediger in Cladow, früheren Gemeindepfarrer 
in Spandau 2. Bde. 
Mit ausgezeichnetem Fleiße gearbeitet, wird das Werk dem Spezial 
forscher für die Zukunft unentbehrlich. Es bringt noch unbekannte hoch 
willkommene Nachrichten aus alter wie aus neuer Zeit und vervollständigt 
unser historisches Wissen durch eine Fülle aktenmäßiger Einzelheiten. Beim 
großen Publikum wird die sorgsame Arbeit freilich wenig Erfolg haben; 
sei sie den Freunden märkischer Geschichte darum besonders warm em 
pfohlen. 0. 8. 
Anhalt: Gras de la Roche-Aymon, Ein Bild aus der Zeit des 
Prinzen Heinrich, von F. Katt (Forts.); Der Rote Hof zu Prädickow 
(Forts.); Stuttgart (mit Jlluitr.); Die Dorotheenstädtijche Kirche 
(mit Jllustr.); Andreas von Habdik, von Georg Bötticher; Zum 600- 
jährigen Jubiläum der Berliner Tuchmachergilde, von W. Zincke 
(Schluß). — Kleine Mitteilungen: Die 200jährige Jubelfeier der 
Georgen-Kirchengemeinde; Ein Petschaft Dr. Marlin Luthers; Ein sehr 
interessantes Stück Alt-Berlin; Die beiden ältesten Bäckereien Berlins; 
„Fackeltanz"; Unser Büchertisch; — Anzeigen. 
f. Uiliilkk. Möbel - Fabrik 
uorm. Minne Sc Mieth 
Ritter-Straße 82 SM. — 
empfiehlt ihr reichhaltiges Lager von Gebrauchs-, 
Luxus- und Polster-Möbeln zu billigen Preisen. 
Streng solide Arbeit, prompte Bedienung. 
Mitglieder der Geschichte-Vereine gegen Karle 5 ProM Rabatt 
Aas «e«e KeUverfahre« 
u. die Mrsundh-Usofirge t>. Bib. 
1250 @. 830 Abb.t.Aufl. D. beste 
-Buch d. Naturbeitkunde. Tau- 
) sende von Achten ausgeg. Kraule 
' würd hicrd. noch gcrett. bro>m. 
15 >», Prachtb.«,50 Zubcz.o.b. 
vertagst». F.E. Bill, Meerane UL. u. alle M 
In der Buchhandlung der 
Deutschen Lehrer-Zeitung erschien 
soeben in 2. Auflage: per Kampf 
gegen die sasialiftischen Ideen, be 
leuchtet vom Standpunkt der Volks 
schule, vom Rektor Grünewald 
in Lüneburg. Preis 70 Pfg.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.