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Periodical volume 13. Juli 1889 Nr, 41

Full text: Der Bär Issue 15.1889

<S 504 g> 
Die Dorotheenstädtischc Kirche. 
(Schluß.) 
Völlig anders sind indessen jene Bilder ans der Ver 
gangenheil der Reichshauptstadt, welche sich uns entrollen, 
wenn wir das Gotteshaus selbst betreten. Die künstlerische 
Ausschmückung desselben beim Renovationsbau ist durchweg 
gediegen und gelungen ausgeführt worden. Doch nicht auf 
sie richten wir in erster Linie die Aufmerksamkeit unsrer Leser 
hin: nein, — es werden uns, wenn wir die Reminiscenzen 
und Denkmäler dieser Kirche dttrcheileit, lebendig die Regierungs 
zeiten von vieren llnserer Herrscher und sowohl das Berlin 
Friedrichs I. und II., wie das Friedrich Wilhelms II. und III. 
vor Augen stehen. 
In dem Gewölbe unter uns, freilich äußerlich nicht sicht 
bar, wie leicht erklärlich, befindet sich die Gruft der Dankel- 
mann. Konnte das farbenprächtige, von der eben ausgegangenen 
Sonne königlicher Majestät bestrahlte Berlin kulturgeschichtlich 
besser repräsentiert werden, als durch das brandenburgische 
Siebengestirn dieses Geschlechtes? — Weihen wir denn eine 
Mnute der Erinnerung den Dunkelmann! 
Den Grund zn der Größe dieses westfälischen Hauses soll 
jener eiserne Johamres Dankeimann gelegt haben, durch dessen 
mannhaften Mut einst die Veste der Wiedertäufer, das Münster 
Johanns von Lenden, in die Hände der Altgläubigen siel. 
Ein andrer Dankelmann soll cle facto der Verfasser des west 
fälischen Friedensinstrumentes sein. Am Schlüsse des 17. Jahr 
hunderts blühte bekanntlich das Geschlecht in sieben mehr 
oder minder ausgezeichneten Brüdern, deren Charakter von 
der Geschichtsschreibung schon zu ihren Lebzeiten als durch 
gängig untadelhast anerkannt worden ist. Nicht führen wir 
deren Namen und Titel mehr an; nur der große Eberhard 
von Dankelmann beschäftigt uns hier. 
Kein Geringerer als Otto von Schwerin bestimmte ihn 
zum Erzieher des 5 jährigen Kurprinzen Friedrich, des nach 
maligen ersten Königs. Ueber die Art, wie der Hofmeister 
sein Amt übte, belehrt uns ein Brief der Kurfürstin Luise 
an den Oberpräsidenten von Schwerin, in welchem dieselbe 
über Dankelmanns unnachsichtige Härte sich beklagt. Vielleicht 
aber sah der westfälische Edelmann schärfer als das Mutter- 
auge; — vielleicht war gerade diese Strenge notwendig, 
um den Prinzen zu dem zu machen, was er trotz aller 
Schwächen doch gewesen ist: zu einem hochherzigen Manne und 
einem Mehrer der Ehren Kurbrandenburgs. Aitch behielt 
Dankelmann das volle Wohlwollen seines kurfürstlichen Herrn; 
ja, Friedrich Wilhelm übertrug ihm 1673 sogar die Statt 
halterschaft in den Marken. Eberhard war ferner ein Zeuge der 
unvergeßlichen, letzten Augenblicke des großen Kurfürsten; er 
allein und der alte Marschall von Schomburg wußten um die 
Unterstützuitg, welche Kurbrandenburg in der Thar den Unter 
nehmungen Wilhelms von Dramen auf England angedeihen 
ließ. Keinem Würdigeren als ihm konnte die Aufgabe über 
tragen werden, daß Slaatsschiff durch all' die Klippen der 
Zeit und der Weltlage hindurchznsteueni. Aber er war kein 
Mann des Volkes; — für immer hatte er das Lächelt! von 
seinen Zügen verbannt, — und in seiner rauhen Tugend konnte 
er ans die Dauer auch kein Mann seines Fürsten bleiben: er 
stand, wie er wohl mußte, an diesem glänzenden, lebensfrohen 
! Hose allein, ja ganz vereinsamt und allein; noch aber war er, 
! wenn auch gehaßt, so doch gefürchtet. 
Eines Abends, — klar steht uns dieses Bild vor der 
Seele, — durchwogl die Pracht eines großartigen Festes die 
herrlichen Räume des Dankelmannschen Palais aus dem 
Werder; — der Minister aber steht mit dem Kurfürsten in 
seinem Arbeitszimmer. Von ungefähr fallen die Blicke des 
Monarchen aui ein paar prächtige Gemälde; aufmerksam be 
trachtet er sie. Da glaubt der Ober-präsident, daß Zeit und 
Stunde gekommen sei, dem Fürsten zn enthüllen, was ihm 
ahnt; über die gepreßten Lippen dringen ihm die Worte: 
„Kurfürstliche Durchlaucht, diese Gemälde wie alles, was Sie 
hier sehen. Sie werden dies alles sehr bald Ihr Eigentum 
nennen! Sie werden mich verhaften lassen; erst nach langen 
Jahren wird man meine Unschuld erkennen!" — Der Kurfürst 
ergreift das neue Testament, welches aus dem Tische liegt und 
will schwören. — „Schwüren Sie nicht, Durchlaucht," ruft Dankel 
mann, „es liegt nicht in Ihrer Macht, — dies zu verhindern!" 
„Welch' merkwürdige fatalistische Clairvopance!" würden 
spätere Geschlechter gesagt haben. Denn die Prophezeiung erfüllte 
sich gar bald an dem großen Staatsmanne. Dankelmann, — 
das scheint erwiesen, — mißriet die Bewerbungen um die 
Königskrone; er harre vielleicht sogar in seinem ritterlichen 
Eifer ums Reich die Grenzen der Stellung zu seinem Herrn 
überschritten; er hatte sich außerdem die tötliche Feindschaft 
der Grasen Wartenberg und Dohna zugezogen. Jetzt war 
es leicht, ihn zn stürzen; der rauhe Mann hatte das Vertrauen 
seines Herrn verloren. Freiwillig legte er daher seine Stellung 
nieder und begab sich ans seine Amtshauplmannschaft zu Neu 
stadt an der Dosse, freiwillige Verbannung sich erwählend. 
Dort erschien eines Abends der General von Tettau mit dem 
Lieutenant Hebenstein von den Gardes du Korps; Dankelmann 
ward verhaftet „wegen Unterschlagung wichtiger Staats- 
Papiere." Es war am 10. Dezember 1697. Fort gings 
durch die Wintersnacht nach der Veste Spandau und dann 
nach Peitz. Hier hat der stolze Blaun zehn lange Jahre der 
Gefangenschaft verbracht, ungebeugt und furchtlos aitch dem 
schwersten entgegensehend. Die Geschichte hat ihm das ehrende 
Zeugnis erteilt, unverdient so bitteres erlitten zu haben, und 
die Akademie der Wissenschaften zu Berlin, sowie die Universität 
Halle verehren ihn als ihren Gründer. Wurde ihm nun zwar 
auch int Jahre 1707 die Freiheit zurückgegeben, so rief ihn 
doch erst Friedrich Wilhelm I. an den Hos zurück. War es zu ver 
wundern, daß der Siebziger jetzt als ein gebrochener, zu Staars- 
geschäsren wenig mehr tauglicher Mann erschien? Er ist am 
31. März 1722 zu Berlin gestorben und ruht daher wohl 
auch mit seinen Brüdern in jener Gruft, die er sich hier 
in der Neustädtischen Kirche erbaut harte. Wenigstens haben 
wir keine Nachricht darüber gefunden, daß er etwa nach der 
Gruft seines Geschlechtes zu Lodersleben übergeführt worden 
wäre. Allein kein Denkmal sagt mehr, wo sich die Grabstätte 
dieser berühmten sieben Brüder befunden hat. Bequiescant 
in pace justoruni! — 
Wir bemerken ferner im Süden des Gotteshauses eine 
> dem Andenken des holländischen Gesandten Grafen von Vereist 
j geweihte Grabesurne. Ein viel schöneres gleichartiges Denk 
mal aber ist in dem Nordwesteu der Kirche dem Gedächtnisse des 
großen Diplomaten Sir Andrew Mitchel geweiht, Gesandten 
Groß-Brilanniens, M. P., K. B., — Parlamentsmitglied
        
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