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Periodical volume 13. Juli 1889 Nr, 41

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Der Rote Hos zu Prädickow. 
(Fortseyung.) 
Sonst schlichen die Tage ans dein Ritterhofe in Prädickow 
ruhig dahin, allenfalls unterbrochen durch eine Hochzeit oder eine 
Kindtaufe auf einem Edelhose in der Umgegend, oder einen 
in Berlin stattfindenden Landtag, welchen der alte Barfitß ebenso 
gewissenhaft besuchte wie die Musterungen. 
Da trat ein Ereignis ein, welches das Stillleben aus 
dem Barfußhofe aus lange Zeiten unterbrechen sollte. 
Es hatten nämlich die Vorfahren der Barfuß voit einer 
Familie Schönebeck einen Teil der derselben gehörigen Feld 
mark Kensdorf, welche an die des Dorfes Prädickow grenzte, 
käuflich erworben, während ein anderer und bedeutend größerer 
Teil derselben Feldmark in den Besitz der benachbarten Stadt 
Strausberg gekommen war. Letztere hatte sich bald darails 
mir der Familie Barfuß über einige streitige Punkte verglichen: 
es war durch eilten Rezeß bestimmt worden, daß man die 
Jagd aitf der Feldmark gemeinschaftlich benutzen wollte, die 
armen Leute zit Prädickow mit ihrem Vieh den Forst aitch 
fortan behüten dürsten-, eine Meierei nebst Schäferei daselbst 
zu erbauen, sollte indessen nur der genannten Stadl zustehen, 
welche von diesem Recht auch sofort Gebrauch machte. 
Es waren bereits viele Jahre ins Land gegangen, als der 
alte Barfuß dami auf den Gedanken kam, aus seinem Anteil an 
der Feldmark Kensdorf ebenfalls eine Meierei und Schäferei 
anzulegen, ohne daß er dabei die Absicht gehabt hätte, jemanden 
zu schädigen, auch ohne vielleicht zu wissen, daß jemals ein 
Vertrag darüber geschlossen worden war, welcher ihm das 
verbieten könne. Desto besser ivußten es aber die Bürger 
der Stadt; sie verlangten daher von ihrem Rate, daß derselbe 
die Fortschaffung der von dem Barfuß errichteten Gebäude 
ins Werk setze. Aber auch die Platen, eine in dem benach 
barten Dorfe Prötzel angesessene reiche Adelsfamilie, gab ihr 
Mißfallen über den alten Barfuß zu erkennen, wo sich ihr nur 
irgend Gelegeitheit dazu bor. Diese Herren von Platen lebten 
schon seit langer Zeit mit den Barfuß in keinem guten Ein 
vernehmen mehr; bald halte die Jagd, bald die Fischerei, 
dann wieder das Uebertreten des Viehs aus des Feldnachbars 
Grund itnd Boden oder das Abprügeln eines Schäserknechts 
Anlaß zu allerhand Widerwärtigkeiten und Streitigkeiten ge 
geben. In neuester Zeit hatte es indessen fast den Anschein 
gewonnen, als würden verwandtschaftliche Bande die beiden 
Familien einander näher bringen, da der jüngste der Söhne des 
alten Barfuß auf Prädickow, Valentin, eilt Auge auf Anna, 
die einzige Tochter Joachims von Platen auf Prötzel ge 
worfen hatte. Die beiden hatten sich öfter gesehen und ge 
sprochen, wenn auch heimlich, da die vier Brüder des Fräu 
leins den Barfußen ditrchaus nicht gewogen waren, und auch 
der alte Barfuß mißmutig ben Kopf schüttelte, wenn er von 
dem Liebeln seines Sohnes hörte. Seine Ehegenossin nahm 
jedoch die Partei ihres Jüngsten, so oft ihr Ehegemahl in 
zürnendem Tone über die Sache sprach. — 
Es war im Beginn des Jahres 1569. In der Rats- 
stllbe des Rathauses zu Strausberg ging der Bürgermeister 
Andreas Lindholz ans und ab. Er war ein feiner Herr, 
sozusagen ein weißer Rabe, unter den Vätern der Stadt, da 
dr. ein Sohn des im Jahre 1549 verstorbenen Bürgermeisters 
Benedict Lindholz, mit seinem etwas jüngeren Bruder Joachim 
in Frankfurt an der Oder studiert hatte, während seine 
Kollegen im Rate, Ackerbürger und Bauern, von ihrem Hofe 
nicht fortgekomnien waren. Nach dein Tode seines Vaters 
hatte Andreas das väterliche Erbe in der Stadt übernommen, 
war endlich zuni Ratsherrn erwählt worden und harte es in 
der hergebrachten Weise bis zum regierenden Bürgermeister 
gebracht, während sein Bruder Joachim in des Kurfürsten 
Dienst getreten nnb zur Zeit dessen Rat war. Eine Schwester 
von ihnen hatte den in der ganzen Mark Brandenburg hoch 
angesehenen Bürgermeister Simon Karpzow zu Brandenburg - 
an der Havel geheiratet. 
Heute lagerten düstere Wolken auf dem Antlitze des 
Bürgermeisters Andreas Lindholz. 
„Matthias," redete er dann den an einem Tische fitzenden 
Stadtschreiber an, „es wird heut' heftige Reden geben: die 
Herren werden alle kommen, wie mir unser Vorsprach sagte; 
sie sind gaitz versessen auf die Geschichte mit unserm Nachbarn, 
dem Barfuß, und ich werde es nicht hindern können, daß 
man darauf dringt, die Sentenz des kurfürstlichen .Kammer- 
gerichts zur Geltung kommen zu lassen." 
„Es ist ein biederer Herr, der alte Baltzer Barst," meinte 
der Stadtschreiber. „Hat der Stadt noch immer geholfen, 
wenn es am besten mangelte und die Schösse von der armen 
Bürgerschaft unordentlich einliefen. Fünfzehn Jahre laug ist 
ihm unsere Kämmerei die Zinsen von einer Hauptsumma 
schuldig geblieben, und er hat niemals gemahnt und unsere 
Stadl gedrückt; ja, trotz dieser Schuld hat er unserm Rate die 
Schösse und Zinsen von dem großen Weinberge abgetragen, 
welchen er vor unserm Thore besitzt. Zeigt den Herren das 
Stadlbuch und die Register und mahnt sie an das Wahr 
zeichen, an die vor dein Rathaltse hängende eiserne Elle, und an 
den Spruch: Mit dem Maß, wo du missest, sollst du wieder 
gemessen werden!' Gebt ihnen zu bedenken —" 
„Weiß, weiß, Matthias!" unterbrach der Bürgermeister 
die Rede des alten Stadtschreibers, der schon lange im Amte 
war. „llin so schlimmer für nüch, der ich, als der erste jetzt 
im neuen Regimente sitzend, das thun soll, was ich als ein 
Unrecht ansehe. Denn daß die Herren heule zu dem Schlüsse 
kommen werden, daraus zu halten, daß unser Feldnachbar die 
von ihm ausgerichtete Meierei und Schäferei ivieder fortschaffe, 
das steht so fest, wie das Amen unsres Pfarrers in der 
Kirche. Ich wünschte, es wäre morgen der Dreikönigs 
tag, — es wäre .Versetzung-, und ich könnte ein Jahr lang 
die Sache ruhig mitansehen." 
„Vielleicht ivird es nicht so schlimm, Herr!" meinte der 
Stadtschreiber. „Wenn Ihr es nur so einrichten könntet, daß 
die Junker, die Platen von Prötzel, sich nicht so viel mit 
unsrer jungen Bürgerschaft zu schaffen machten! Es vergeht 
fast kein Tag, daß nicht wenigstens einer derselben in die 
Herberge unsres alten Andreas einreitet, wie dieser mir erzählt 
hat. Da lassen sie oft böse und harte Worte gegen die 
Barsten fallen. Wenn das so fortgeht, so kann's noch schlimme 
Früchte tragen, denn die vier Söhne des Jochim Platen find 
in der ganzen Gegend wegen ihrer Unbändigkeir verredet, 
wogegen der Alte ein Mann von gutem Herzen und feine 
Tochter, die Jungfer Anna, ein herzliebes Kind sein soll." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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