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Periodical volume 6. Juli 1889 Nr, 40

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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und der junge Arzt vermochte mit Recht nach Hause zu 
schreiben, er habe in einem Monate zu Paris mehr gelernt 
als zu Frankftlrt oder Wittenberg in einem Jahre. Ein 
zweiter Sohn, Johann Jakob, schlug ebenfalls die ärztliche 
Laufbahn ein; beide Mäitner aber starben früh dahin. Ein 
dritter Sohn, Namens Gottfried, wurde Kameralist und er 
langte im Jahre 1701 auch den Reichsadel; er siel indessen 
bei König Friedrich I. in Ungnade, weil er die Einführung 
des Erbpachtsystems als unwirtschaftlich widerraten hatte. Er 
zog sich darauf nach Soldin zurück und lebte — seinen Er 
innerungen. Hatte er doch zu den nähereti Freunden der 
Dichter Canitz, Besser und König gehört: Jener historische 
Sinn aber, der schon dem Vater eigentümlich gewesen war, 
tritt uns auch bei ihm entgegen; — so z. B. forschte er un 
ermüdlich nach den auch heute noch nicht wiederausgesundenen 
Chroniken von Lehnin und Chorin; so schmückte er das Hans 
in der Heil. Geiststraße mit einer prangenden Inschrift. Ueber 
90 Jahre alt, starb Gottfried von Weise zu Berlin. Einer 
seiner Söhne war Militär geworden; er ist als Obristlieutenant 
der Republik Venedig aus Morea verstorben. — 
Wie bei dem Geschlechte derer von toeibel, so verspüren 
wir auch in der wechselvollen Geschichte der Weise das Wehen 
jenes Geistes, welcher das Vaterland groß gemacht hat. Mil 
peinlichster Pflichttreue und mit dem regsten Ehr 
gefühle einte sich hier eine herzliche, thätige, freudige 
Frömmigkeit, — Liebe zur Geschichte des Vaterlandes 
und ein Adel der Gesinnung, der alles Niedrige haßte. 
Es gereicht uns zur hohen Freude, es auch hier bestätigen zu 
können, daß dieses Geistes Wehen in dem vornehmen Beamten- 
tuine des deutschen Reiches zu unsrer Zeit nicht minder fühl 
bar ist, als vor 200 Jahren. Es ist an uns, der Väter Erbe 
zu erhalten! Oskar Schwebe!. 
Schloß und Stsdt Teupitz, 
der Hauptsitz der edlen Schenken von Landsberg in der Lausitz, 
sind bereits von Fontane und Trinius auf das poesievollste 
beschrieben worden. Fontane sagt zwar, die Geschichte der 
Schenken sei grau in grau gemalt: zwei Episoden derselben 
treten indessen gleichwohl leuchteitd genug hervor. Wir finden 
die edleit Schenken von Landsberg und Seida mit den sächsischen 
Kurfürsten am heiligen Grabe; auch ihr Schild mit dem in 
unseren Landen sich sonst nicht findenden Wappenzeichen des 
„Sittichs" oder „Papagoyen" wurde in der heiligen Grabes 
kirche aufgehängt. Und ferner: 
Dietrich von Quitzows Gemahlin, Agnes, welche so kühn 
für den verbannten Gatten eintrat, war eine Schenkin von 
Landsberg. 
Das Schloß ans oer Insel im Tenpitzer See, welcher 
seinen Namen von den heute leider verschwundenen Eichen hat, 
welche ihn einst umstanden, ist nun zerfallen. Nur einige 
Reste der Warte, so namentlich ihr Granitsockel, haben sich 
noch erhalten. Vergessen sei es indessen nicht, daß hier einst 
auch das edle Geschlecht derer von Plötzke gesessen gewesen 
ist, welche, obwohl nur Ministerialen der großen, ruhmum- 
glänzten Edlen von Plötzke, in der Geschichte der deutschen 
Kolonisation im Wendenlande eine so hervorragende Stellung 
einnehmen. Erst nach ihnen wurden die Schenken von Lands 
berg hier die Herren. 
Höchst merkwürdig ist die Kirche von Tenpitz, deren Ab 
bildung wir heute bringen. Ein einschiffiges Langhaus mir 
geradem Ostabschlusse, scheint sie im Westen einstmals keine» 
Turm gehabt zu haben, sondern nur in einen Nischengiebei 
ausgelaufen zu sein. Erst später ist südwärts ein Turm über 
der Hälfte des Giebels errichtet, mit der Kirche verbunden und 
durch starke, unregelmäßig angebrachte Sueben gestützt worden. 
So ist dies absonderliche Kirchengebilde entstanden. Ein Er- 
neuerungsbau im Jahre 1857 hat das Gotteshaus nicht un 
wesentlich verschönert. 
Das Innere freilich ist kahl. Die Schenken von Lands 
berg waren, obwohl sie reick) genug gewesen sein müssen, kein 
kunstliebendes Geschlecht, wie es z. B. die von der Schulen 
burg und die späteren Quitzow in hohem Maße gewesen sind. 
Uns ist keiti Kunstdenkmal der Schenket! bisher begegnet. 
Nur aus dem Kirchenboden von Tenpitz findet sich etwas: ei» 
großer Crucifixus und einige Reste des ehemaligen gotische» 
Altars. An der Kanzel der Kirche aber, einer unbedeutende» 
Schnitzerei alis dem 18. Jahrhunderte, stand ehedem Luthers 
allezeit bewährter Kernspruch: 
„Tritt schnell auf, 
Thu's Maul auf, 
Hör' bald aus." — 
Was Teupitz hellte noch schmückt, ist einzig lind allein sei» 
See. Wie die edle» Gänse von Pntlitz, so bedürfen ailch die 
Schenken von Landsberg, Seida und Teupitz dringend eines 
kundigen und liebevollen Geschichtsschreibers. Im Glogauer 
Erbfolgekriege haben diese Edelherren eine nicht unbedeutende 
politische Thätigkeit zu gunsten Brandenburgs entfaltet. — 
- —g- 
Zum 600 .jährigen Jubiläum der Berliner 
Luchmacherpilde. 
Die Berliner Tnchmachergilde hat am 29. Mai 188!» 
einen denkwürdigen Tag begangen. Von demselben Datum 
ans dem Jahre 1289 rührt das älteste Statut her, welches 
von ihr Kunde giebt. Da jedoch diese Urkunde ergiebt, daß 
die Tltchweber oder Gewandmacher bereits Gilderechte besaßen, 
insofern sie eine Genossenschaft bildeten und ihre vorgesetzten 
Meister hatten, welche unter dem Schutze des Stadtrats standen, 
so ergiebt sich die gerechtfertigte Annahme, daß die Tuchmacher 
die Bestätigung ihrer ersten Jnnungsartikel bereits früher er 
halten haben und daß diese dilrch irgend welche Umstände 
verloren gegangen sind. Auf diese Weise ist es den Tuch 
machern zu Berlin nicht möglich, den Geburtstag ihrer Innung 
anders zu feiern, als an dem Tage, welcher nachweislich das 
Vorhandensein einer Urkunde liefert; dies war der 29. Mai 1289. 
Bei dem allgemeinen Interesse, welches diese erste Ur 
kunde verdient, in welcher die Rannänner mit Zustimmung 
des Gesamtrales den Tuch- oder Wollenwebern gestatteten, 
ihre Genossen, welche es verschmähen, der gesetzlichen Auf- 
forderlmg, zu den Gewerkssprachen zu kommen, Folge zu 
leisten, um 6 Pfennig zu pfänden, auch verordnen, daß niemand 
die Meister belästige, möge dieselbe hier einen Platz finden: 
„Da die Nachwelt die Thaten der Vorfahren nur schwer be 
hält, so ist die nützliche Fürsorge getroffen nnd es für nötig be 
funden worden, daß über jedwede Verhandlung eine glaub 
würdige Schrift aufgesetzt iverde, ails welcher, wenn es nötig
        
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