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Periodical volume 6. Juli 1889 Nr, 40

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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vor ihnen musiziert. Fürmahr ein Bild anheimelnden Familien 
lebens auf dem Fürstenthrone! — 
Wir können hier nicht wiederholen, wie stark und treu 
sich die Liebe der holsteinischen Gräfin zu dem hochgemuten 
Minnesänger, dem Markgrafen Otto mit dem Pfeile, gerade 
in der Stunde der Gefahr erwiesen hat. Treu, hingebend 
treu stand aber auch das Land zu seiner Fürstin: selbst das 
Kirchensilber boten ihr die Märker dar, damit sie den Gatten 
aus der Gefangenschaft der Magdeburger zu lösen vermochte. 
Wie freudig hat Herr Otto mit dem Pfeile ihr dann gedankt! 
Sein herrliches Lied: 
„Räumt den Weg der Königin der Frauen! 
Laß! mich meine Herrscherin erblicken! 
Ihre edle Schönheit anzuschauen, 
Wär' auch wohl dem Kaiser ein Entzücken! 
Zu den Sternen soll mein Loblied steigen; 
Meines Herzens Jubel darf ich nicht verschweigen: 
Wo sie weilt, dem Land muß ich mich neigen!" 
ist mehr als eine Huldigung im Stile der Zeit des Fraueukultus. 
Die edlen Schauenburger Grafen starben indeß im Jahre 
1459 in direkter Linie aus; es folgten ihnen sehr nahe Ver 
wandte: die Oldenburger, ivelche bereits die dänische Krone 
erworben hatten, lind wieder entstehen venvandtschaftliche 
Beziehungen zwischen den Herrscherfamilien der Mark und 
Schleswig-Holstein: die Prinzessin Elisabeth von Dänemark 
reicht dem hochsinnigen Kurfürsten Joachim I. ihre Hand. 
Nach kurzem Glücke aber kommt tiefes Leid über die Schwester 
König Christians II., — Leid um der religiösen Ueberzeugung 
willen! Und dennoch, — Elisabeth sowohl wie ihr Gemahl 
sind unserm Lande ein Segen gewesen: wir danken Joachim I. 
unsere Hochschule Frankfurt und unser Kammergericht; wir 
feiern die Kursürstin Elisabeth mit Recht als eine Streiterin 
und Märtyrin des Protestantismus. 
Was ferner die Mark und vor allem Berlin, was der 
frühe schon alternde Held Friedrich Wilhelm der Große der 
Herzogin Dorothea von Holstein an Dank schuldet, ist erst 
jüngst von uns in einem Aufsatze über die Dorotheenstädtische 
Kirche hervorgehoben worden. Die Geschichte Berlins hat es 
mit goldenen Lettern verzeichnet, wie gütig und wie thatkräftig 
die hohe Frau für den von ihr gegründeten Stadtteil zu sorgen 
verstanden hat. Am 6. August 1889 werden es zweihundert 
Jahre, daß die edle Frau die Augen geschlossen hat; der „Bär" 
wird an dem Tage mich seinerseits den Zoll tiefster Ver 
ehrung niederlegen vor dem herrlichen Sarkophage der Kur 
fürstin in unserm Dome. 
Ist der Name „Schleswig-Holstein" so bereits mit unsrer 
Vergangenheit aufs engste verknüpft: von unsrer Gegenwart 
ist er unzertrennlich. Er bezeichnet den Anbeginn unsrer 
nationalen Entwicklung. Unvergeßlich wird uns das erste 
Jahr unsrer akadeniischen Studien sein: Berlin hatte damals 
nur ein Lied; es war das historische: 
„Schleswig-Holstein meerumschlungen." — 
Wie wundersam haben sich seit jenem Jahre 1864 die Be 
ziehungen der Häuser Schleswig-Holstein und Hohenzollern 
geklärt und gefestigt! „In kurzer Zeit hat sich Kaiserin 
Augusta Viktoria die Herzen iin Lande zu gewinnen und zahl 
lose Fäden anzuknüpfen gewußt, die ihren festen Halt in den 
Geftihlen innigster Verehrung finden, ivelche der erlauchten 
Herrscherin von allen Seiten entgegengebracht wird. Und nun 
hat der einzige männliche Sproß des dem Vaterlande so früh 
entrissenen hochgewaltigen Heerführers der jürrgeren Schwester 
der Kaiserin die Hand zum Buirde gereicht, „bis daß der Tod 
sie scheide!" Möge ein gütiges Geschick den hohen Vermählien 
Hellen Sonneirschein ftir ihren Lebenspfad spenden! Zürn ersten 
male ist bei der Vermählung der hohen Herrschaften an unserm 
Hofe ein neueres geistliches Lied erklungen: das ergreifende: 
„So nimm denn meine Hände und führe mich!" 
Möge sich erfüllen, worum es bittet, und möge Prinzeß Luise 
Sophie so heimisch, so glücklich werden in der Mark, wie es 
einst Heilwig von Holstein gewesen ist! — 0. 8. 
Graf de la Roche-Aymon. 
Ein Bild aus der Zeit des Prinzen Heinrich. 
Von A Katt. 
Drittes Kapitel. 
Girre Theaterprobe. 
(Fortsetzung.) 
„Was ist es eigentlich mit dem französischen Grafen und 
der Mademoiselle Aurora?" fragte am andern Morgen der 
Baron von Kaphengst öen Kammerherrn von Kniphausen, 
ivelcher bei seinem Freunde dejeunirte. 
Die Herren befanden sich in dem kleinen anmutigen Salon, 
welchen man Kaphengst nebst einem kokett eingerichteten Schlaf 
gemach angewiesen hatte. 
Kleine Zeichnungen in chinesischer Tusche, von des Prinzen 
Hand ausgeführt, bedeckten die Wände. Zarte Blumengewinde 
bildeten die Bordüren der Tapeten, deren Grundfarbe ein 
mattes Gelb war. Den Kamin schmückte ein zierlich vergol 
detes Gitter. 
Auf dem kleinen mit Mosaik ausgelegten Tischchen dampfte 
in winzigen Täßchen die Chokolade; Kaphengst im roten 
Seidenschlafrock, die Füße in reichgestickten, türkischen Pantoffeln, 
saß dem Gaste gegenüber, der behaglich im Sessel lehnte. 
„Bester Major, Du fragst mich da wirklich zu viel. 
„C’est im emigre, welcher vor drei Wochen vis-ä-vis cke 
rien stand, und sich vraisemblement zur rechten Zeit an 
eine gute Bekannte gewandt hat. Du weißt, wie charmiert 
der Prinz von diesen windigen Franzosen ist; der Laune des 
gnädigen Herrn muß Rechnung getragen werden." 
„Ja, ja, les vieux temps sont passes, mein Bester! — 
Erinnerst Du Dich noch daran, was für schöne Tage wir vor 
etlichen 20 Jahren, da wir noch jung waren, hier in Rheins 
berg verlebt haben?" 
„Das war ein Leben, — ja, Kniphausen! Die beiden 
Wreechs, Knesebeck, Du und meine Wenigkeit, wir kehrten das 
ganze Schloß um, sodatz Seine Hoheit manchmal ganz aus 
deni Häuschen war und die Uebelthäter mit den härtesten 
Strafen bedrohte, welche natürlich nicht verhängt wurden." 
„Du sprichst von einer längst vergangenen schönen Zeit! 
Wer aber hieß Dich denn so bald von diesem Schauplatz 
edler Thaten verschwinden? Mich dünkt, der Prinz beschenkte 
Dich im Jahre 1774 mit den Gütern, die jetzt Dein eigen 
sind, Du Glücklicher? Fortuna ist Dir stets hold geblieben, 
rrron bon garc^on!" 
„Des hochseligen Königs Majestät wünschten den Major
        
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