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Periodical volume 29. Juni 1889 Nr, 39

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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in den deutschen Landen ba. Seltsam, daß ihre Unzulänglich 
keit gerade dann zu Tage trat, wenn es galt, mit starkem 
Mute dem Angriff einer Seuche zu widerstehen! Noch mied 
die ärztliche Ärmst den Feind; — noch wagte dieselbe es nicht, 
einer Pest z, B. mit dem Aufgebote aller Kraft entgegenzu 
treten. Die Seuche aber kam auch über die Lutherstadt; — 
da floh mit anderen jungen Aerzten auch Martinus Weise 
nach Böhmen und nach Schlesieri. Erst als die Gefahr vor 
über war, kehrte er zunick und disputierte „mit gutem Erfolge" 
pro licentia, setzte seine Vorlesungen fort „und nahm nach 
eitriger Zeit auch die Doktorwürde au, welche Ehre für ihn 
eine um so größere war, als der Kurfürst Johann Georg von 
Sachsen urrd andere Reichsfürsten seiner Promotion in der 
Schloßkirche beiwohnten." 
Jetzt galt es, einen Wohnort sich zu envählen! Der 
Professor Seuirert riet dem Lübbeuer Studenten und jungen 
Doktor, sich nach Berliir zu begeben. Weise that's, und daß 
er es wirklich that, gereicht ihm zur Ehre. Denn die Dinge 
lagen in Berlin schon ums Jahr 1627 mehr denn trübe; schon 
im Jahre 1626 hatten die Edelleute David von Lüderitz und 
Jakob von Wuthenow dem Kurfürsten Georg Wilhelm mit 
Recht den schweren Vorwurf gemacht, „er lasse seine Unrer- 
Ihaneit wie Schafe ohne Hirten in der Irre gehen." Das 
Kaiserliche Regiment Torquato Eouli hauste entsetzlich in der 
Mittelmark und in den beiden Schwesterstädteu au der Spree, 
und die Bürger, von ihrem Fürsten verlassen, vermochten zu 
der Statthalterschaft, welche seitens der Geheimen Räte Adam 
Gans zu Putlitz, Friedrich Pruckmauu, Abraham von Bellin 
und Hieronymus von Dieskau für den in Preußen weilenden 
Kursrillten geführt wurde, ein wirkliches Vertrauen nicht zu | 
fassen. Als am 31. März 1627 etwa 150 Berlinischer Ein 
wohner von kurfürstlichen Hauptleuten nach Brandenburg an 
geführt werden sollten, um die alte Kur-stadt zu schützen, da 
rottete sich z. B. der Pöbel zrlsammeir und trieb die kurfürst 
lichen Trabanten und die Stadtknechte mit Steinwürfen in 
das Schloß zurück!! Man wollte also selbst dem Vaterland 
nicht dienen. Unter diesen Umständen stand zu erwarten, daß es 
dem jungen Doktor Martinus Weise zu Berlin zwar nicht an 
Arbeit fehlen werde; ob dieselbe sich aber auch lohnen werde, 
das war sicherlich mehr als zweifelhaft. — 
Ein anderer aber bereits, als er einst bei seiner Flucht 
von Wittenberg gewesen, ging Martin Weise nach Berlin tind 
erwarb hier schnell eine sehr bedeutende Praxis. „Es waren 
vorzüglich die Offiziers bei der Kaiserlichen und bei der 
schwedischen Armada, denen er bekannt wurde und die ihn oft 
zu Rate zogen." Das Reisen nach den verschiedenen Haupt 
quartieren mag freilich keineswegs ein mühe- und gefahrloses 
gewesen sein; gerade die soldatische Praxis aber mochte sich 
verlohnen und brachte Ehre und Gewinn zugleich. Auch 
Kurfürst Georg Wilhelm zog den gefeierten Lausitzer Arzi, 
welcher sein Heim im Jahre 1636 in dem alten Wohnhause 
der Lehniner Aebte in der Heil. Geiststraße zu Berlin, dem 
Burglehn des Baumeisters Kaspar Theiß, des Lehnssekretärs 
Joachim Steinbrecher, des Geheimen Rates Christoph von 
Beukendors und des Leibmedikus Dr. Johann Müller, aus- 
geschlagen hatte, iir seine Nähe, so oft er zu Berlin verweilte, 
er erteilte ihm die Bestallung als Leibarzt. Bald lebte sich 
der kurfürstliche Leibmedikus auch derart in die beiden Städte 
ein, daß er eine Berufung zur Professur nach Wittenburg 
ohne Bedenken ausschlug. Es war sein Glück! (Schluß folgt.) 
Kleine Mitteilungen. 
Die Beseitigung der iiimfUidjc« Spott o iu-r Sproo ant 
itlnljiimbantm macht einem Zustande ein Ende, der fast so alt ist, 
wie Berlin selbst. Die Sperre war eine vollständige, denn die Gracht (der 
Graben), eine künstliche Fahrstraße, bestand damals noch nicht. Man zwang 
durch die Sperre den Handel zur sogenannten Niederlage in Berlin, 
welches Recht die Stadt besaß. Für den Landesherrn brachte sie einen 
Finanzzoll, den Herrenzoll, für die Stadt einen Schutzzoll und eine Durch 
gangsabgabe. Daneben benutzen beide Teile den Stau zum Betriebe von 
Mühlen. Der Landesherr besaß zwei der Mühlen; nach dem Aufstande von 
1448 nahni er auch die städtischen nach dem Siegerrecht. Die Durchgangs 
waren Berlins waren mannichfacher Art. Die Industrie-erzeugnisse des 
Westens gingen über Berlin ins Wendenland, die Naturprodukte des wendischen 
Ostens über Berlin nach Westen. Seefische gingen von der Ostsee über 
Berlin, Eisen und Bronze aus Erfurt, Kolonialwaaren aus Hamburg, 
Flußfische von der Oder, Felle und Häute aus Rußland, Flachs, Obst, Honig, 
Raps :e., aus dem Wendenlande nach Westen. Berlin nahm Eingang- 
und Abgangszölle, z. B. für jeden Elbkahn mit Kolonialwaaren 32 Silber- 
pfennig, für jeden Wagen mit solchen Waaren Abgangszoll 16 Pfennig. 
Der Niederlagezwang sicherte Berlin also bedeutende Vorteile. Seit Jahr 
hunderten aber hatte die Sperre der Spree für Berlin keinen Sinn mehr, 
seitdem die Stadt keine Zölle mehr erhob, und deshalb ist es für die Schiff 
fahrt ein Segen, daß dieselbe endlich fällt. Voss. Ztg. 
Dio Dotplaoko. In den Städten und Ortschaften der Mark 
Brandenburg ist es noch heute zu gewissen Tageszeiten Brauch, die Bet 
glocke anzuschlagen. An allen Wochentagen mit Ausnahme des Sonn 
abends, wird mittags 12 Uhr und zur Zeit des Sonnenuntergangs ca. 
fünf Minuten lang mit einer Glocke geläutet, ivonach dreimal drei Schläge 
an die große Glocke geschehen, — der Ruf zum Gebet. Am Sonnabend 
wird des Mittags und zur Zeit des Sonnenunterganges mit zwei und an 
den Tagen vor den hohen Festen mit allen Glocken geläutet; auch diesem 
Geläute folgt jedesmal die Gebetsmahnung durch die dreimal dreifachen 
Schläge. An den Sonn- und Festtagen wird beim „Vaterunser" der an 
dächtigen Gemeinde in der Kirche die Bciglocke ebenfalls geschlagen. — So 
wird aus Teuplitz im Sorauer Kreise und aus Lieberose im Lübbener 
Kreise die Sitte fast übereinftinimend geschildert, und mit geringen Ab 
weichungen handhabt man sie ähnlich in zahlreichen Städten und Ortschaften 
des Regierungsbezirks Frankfurt n. O. Beispielsweise wird in Fürsten 
walde a. Spr. die Betglocke nur nachmittags um 5 Uhr angeschlagen, in Guben 
nur um 12 Uhr mittags und zwar im Turme der evangelischen Kirche, 
während vom Turme der katholischen Kirche ein Abendläuten nach Sonnen 
untergang erklingt. Ebenso mittags in Zehden 3km. und in den Dörfern 
des Lebuser, Soldiner Kreises, sowie in der Niederlausitz. In Züllichau 
wird die Betglocke sogar dreimal, vormittags 9 Uhr, mittags 12 und abends 
7 Uhr angeschlagen, in dem weltbekannten Städtchen Calau um 12 und 
2 Uhr u. s. f. Ueber den Ursprung dieser Sitte ist man sehr verschiedener 
Ansicht. Die Geschichte lehrt, daß schon Papst Johann XXII. 1316 diese 
Gebetsaufforderung anbefahl, damit unter dem Gebete der gesamten 
Christenheit Gott die Einbrüche der Türken abwehre. Damals wurde be 
sohlen, beim ersten Schlage 1. Mose 32, 10, beim zweiten Lucas 18, 13 
und beim dritten Psalm 143, 10 zu beten. Als Mohammed II. Kon 
stantinopel eroberte, erneuerte Papst Calipttis, der sich vergeblich bemühte, 
einen Kreuzzug gegen Mohammed Bujuk (den Großen) zu Stande zu 
bringen, die Anordnung des Betgiockeschlagens, auch Kaiser Rudolf II. er 
ließ im sechzehnten Jahrhundert ein ähnliches Mandat. Vielleicht ist indes 
die Sitte noch älteren Datums; vielleicht mahnte sie schon vor den Zeiten 
der Türkenfurcht die Gläubigen an die Stunde des Gebetes, womit zugleich 
die bei dem damaligen Uhrenmangel sehr wichtige Zeitankündigung ver 
bunden war, wie es heute noch durch den Muezzin von den islamitischen 
Moscheen herab geschieht. Es läßt hierauf auch der noch in Niemaschkleba, 
einem Dorfe der Niedcrlausitz, herrschende Brauch schließeir, kraft dessen 
man die Betglocke auch nach deni „Läuten zur Seele", d. h. beim Grab 
geläut anschlägt. In diesem Dorfe wird an den Festtagen und den Vor 
abenden derselben noch „gebeiert" statt geläutet, d. h. die Glocke wird 
gleich einem Triangel angeschlagen. Das „Beiern", welches in der Nieder- 
lausitz durch übermütige Bauernburschen einst zum Unfug ausgeartet war, 
wurde durch Landespolizeiverordnung verboten. — Seine eigentliche Be 
deutung hat übrigens das Anschlagen der Betglocke heute verloren, denn 
selbst der Landmann unterbricht nicht mehr seine Arbeit, um ein Baier- 
unser zu beten, aber er sendet doch wohl beim Klange der Abendglocke 
einen dankbaren Blick nach oben, in dem ftohen Bewußtsein, einen guten 
Tag vollbracht zu haben. — Interessieren dürfte hier noch, was kürzlich 
aus Calau in der „Frkf. Oderztg." erzählt wurde, daß nämlich in der 
Stadl der billigen Schuywaren noch heute der Stadtpfeiser verpflichtet 
ist, vom ersten Ostertage bis zuni Erntefeste an jedem Mittwoch, Sonn 
abend und Sonntag einen Choral von drei Versen rechts- und linksseitig 
des Kirchcngebäudcs zu blasen und an den Haupt-, Vieh- und Jahrmärkten 
der Stadt das handeltreibende Publikum durck „anmutige", vom hoben
        
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