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Volume 29. Juni 1889 Nr, 39

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

481 S 
ausreichend, um dem aufmerksamen Beobachter Aufklärung 
darüber zu geben, was von den heute noch erhaltenen Deko- 
ralionen der Zeit vor Goethe's Bauleitung angehören kann. 
Man sieht nämlich, daß alle Räume des Schlosses, bis aus 
den ovalen Saal gegen den Garten zu, nach 1701 geändert 
wurden, daß also selbst Tenvestens noch im 17. Jahrhundert 
gemalte Bilder versetzt worden sein müssen. Ein zweites, 
leider an falscher Stelle eingefügtes Mail zeigt Goethes Er 
weiterungen des Schlosses zunächst noch ohne Aenderung des 
alten Schloßteiles. Dieser Plan dürfte aus der Zeit von 
Pitzlers dritter Anwesenheit in Berlin, von 1704, stammen. 
Dem Aufenthalt von 1701 gehören aber die Skizzen für das 
Berliner Zeughaus an. Bemerkenswert ist, daß die 
Balltistrade über dein Bau nicht in Tusche ausgezeichnet ist, 
sondern in Blei stellen blieb. Noch waren de Bodls Aen 
derungen am Bau nicht durchgeführt, noch ist das Thor in 
aller Form, nicht das Gurtgesims überschneidend, dargestellt. 
Dann folgen ans Seile 501—506 eine Anzahl Detail- 
skizzen aus dem Berliner Schloß uitd zwar nur die Treppen 
häuser am zweiten Hos. Born ganzen übrigen Bait nimmt 
Pitzier keinerlei Notiz. Leider ist nicht gaitz klar, ob diese 
Blätter aus der Reise gezeichnet oder ob sie nachträglich ein- 
gesügt sind. Doch spricht mehr dafür, daß das erstere richtig 
sei; es deutet dies namentlich eine Fußbemerkung aus Seite 503 
an, die sich wohl sicher auf selbst Gesehenes bezieht. Dagegen 
ist die Behandlung der Blätter ganz in der Art wie jener 
von 1704. 
Sehr eigenartig ist, wie gesagt, daß nur die Portale und 
das Treppenhaus Pitzlers Interesse wachrufen; nicht eine 
Ante der sonstigen Faeade merkt er sich an. Die Grundrisse 
jener Bauteile sind ja in allen drei Stockwerken wiedergegeben 
und zwar in einer Weise, welche nur wenig von der Aus- 
iührnng abweicht. Es macht den Eindruck, als seien sie nach 
dein Originalplane gezeichnet. Nur die Fayade gegen den 
Lustgarten tveichi von der Ausführung etwas ab. Denn 
nirgends ist sonst Pitzler so ins Detail eingedrungen als an 
diesen Plänen Schlüters, dessen Namen er freilich nirgends 
erwähnt. Das kann nicht ans Unwissenheit geschehen sein. 
Bei dein Ruhme, welchen der Meister damals genoß, ist es 
undenkbar, daß ein in Berlin lebender Fachmann ihn nicht 
gekannt habe. Aber Pitzler arbeitete ja nur für seine Praxis 
und nicht für die Nachivelt! 
Dann giebt Pitzler weiter die Ehrenpforten, welche in 
Berlin für den Einzug König Friedrichs (6. Mai 1701) er- 
richiet waren, und hiermit schließen seine Anmerkungen über 
Berlin wie überhaupt die strengere chronologische Ordnung 
seines Buches. 
Es folgt noch einmal die Notiz: „Monat September 1704 
Berlin über einigen mir inibekannten Bauten", denen auf 
^eire 560 Zeichnungen der Stechbahn und 561 Detailblätter 
der Dekorationen im Berliner Schloß folgen, Thüren, Kamine, 
Gewände. Manches ist sehr interessant: so Details aus der 
"lten Kapelle ins Königlichen Schlosse, der Kirchstuhl und die 
u '3sl, Teile der Stuckierung und dergl. Der neue Plan der 
Parochialkirche leitet zu den Gotteshäusern Berlins über. Es 
Tolgen die Kanzel jener Kirche, die Garnisonkirche, die Doro- 
lheeukirche, die lutherische Kirche auf dem Köpenicker Feld und 
Zwei meckere Saalkirchen, endlich eine Skizze von Schlüters 
Kanzel in der Diarienkirche. Vieles giebt ganz neue An 
schauungen über die Bauten jener Zeit. Endlich folgt, nur 
in Blei gezeichnet, der Entwurf eines Turmes mit der Aufschrift: 
„Dessin von Herrn Nehrungen hinderlassen zu dem Miinz- 
thurm. Der Thurm von 00' hat zum stock oder untertheil 
bleiben sollen." Der Turm zeigt ähnliche Formen wie das 
echte Projekt Schlüters, wie wir es ans dem Theatrum 
Europäum kennen, ist aber nüchterner und massiver. Es ist 
aber immerhin von Wert, zu wissen, daß die unglückliche Idee, 
den Münzturm auszubauen, von Nering ausging: wahrlich 
nicht zur Erhöhung des Ruhmes dieses Mannes. Es ist dabei 
auch als charakteristisch für andere Vorgänge im Bauwesen der 
Zeit zu beachten, daß Nerings Plan mindestens vor seinem 
Tode im Oktober 1695 bis zum Jahre 1702 verwahrt blieb, 
ehe man ihn durch Schlüter neu bearbeiten ließ, und daß 
Schlüter hier den älteren Plan eines anderen mit einigen Aen- 
dernngen ausführte. 3ln einen Irrtum Pitzlers ist nicht p 
denken. 
Noch eine Reise machte unser Gewährsmann nach Schlangen 
bad, Mainz und Kassel vom Jahr 1705 und somit endet der 
interessantere Teil des Buches und beginnen die Auszüge aus 
verschiedenen Druckwerken. 
Das Buch des wackeren Pitzler aber, welches nun seil 
200 Jahren fast ganz unbeachtet blieb, obgleich es an einer 
der Bauwissenschast gewidmeten Stelle aufbewahrt wird, ver 
dient der Kunstgeschichte jener denkwürdigen Zeit näher gerückt 
zu werden, als es dieser kurze Aussatz thun kann. Möge 
ihm diese Notiz zur Würdigung als ein Ouellenwerk für die 
Baugeschichte der vielen von ihm berührten Städte verhelfen! 
Roch einmal Templin. 
Wir haben jüngst von der Wanderschaft des „Vereins 
für die Geschichte Berlins" nach Templin berichtet. Wir 
bieten heut unsern Lesern eine Abbildung des im edelsten 
Stile norddeutscherFortifikationen erbauten „Prenzlauer Thores" 
von Templin dar. Der Gotteskasten mit dem reichen Roeoco- 
Ornamente, welchen die St. Maria-Magdalenenkirche besitzt, 
trägt nicht ohne Grund den preußischen Adler auf seiner 
Vorderseite; es ist dies ein Zeugnis der Dankbarkeit der 
Bürger von Templin gegen die Könige Friedrich Wilhelm I. 
und Friedrich II., welche durch ihre Unterstützung den Wieder 
aufbau der im Jahre 1735 fast vollständig in Asche gesunkenen 
Stadt ennöglicht hatten. 
3lrich in der Kulturgeschichte der Mark har Templin einmal 
eine Rolle gespielt. Es ist bekannt, wie ernstlich die Geist 
lichkeit der Mark gegen jenen Kleiderluxus geeifert hat, welcher 
während des 16. Jahrhunderts in fast allen deutschen Landen 
Überhand zu nehmen drohte. Im Jahre 1583 erschien zu 
Berlin die folgende Schrift: 
„Ulrici Zanni Rewe Zeitung, wie von einem Schafe in 
der Uckermark zu Templin 1583 drey Früchte sind koinmen, 
als zwey wohlgeschaffene Lämmer, die dritte aber eine Miß 
geburt in Gestalt eines Paar Pumbhosen, allen Hoffährtigen 
in Kleidung zur Warnung gestellet mit Dr. Iac. Coleri Vorrede. 
Es heißt darin folgenderuraßen: 
„Freptags nach Jnvokavil des Jahres 1583, welcher da 
war der zwepvndzwanzigste Februarij, auff den Mittag vmb 
neitn oder zeheit Uhr, har ein Schaff zir Templin zwey junge
	        
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