Path:
Periodical volume 29. Juni 1889 Nr, 39

Full text: Der Bär Issue 15.1889

--3 476 x* — 
herrlichen Boberower Walde!" rief der Prinz mit lauter 
Stimme und trat in den Salon, wo er sich behaglich in den 
Sessel niedersinken ließ. „Wie schön war es draußen in der 
grünen Waldeinsamkeit! Ich habe dem armen Blainville eine 
stille Abschiedsstunde geweiht! Er liebte den Wald, der gute, 
brave Mensch! — „Nugent, Sie werden uns jetzt die Rollen 
des armen Blainville vorspielen müssen," wandte er sich dann 
zu einem Kavalier, dessen geistvolles Antlitz in ehrfurchtsvoller 
Freude strahlte, „noch heute Abend sollen Sie uns etwas aus 
dem .malade imaginaire 1 deklamieren." 
„Es wird mir ein hohes Glück sein, durch meine bescheidene 
Leistung Monseigneur zufriedenstellen zu können," erwiderte 
Graf Nugent beglückt. „Mademoiselle Aurora wird mich gewiß 
darin unterstützen." — „Kaphengst," sprach dann der Prinz, 
„sage Deiner Frau: wir wünschen es, den malade imaginaire 
bei Dir in Bieseberg aufgeführt zu sehen. Sie kann eben 
falls eine Rolle übernehmen, und Sie, de la Roche-Apmon," 
fuhr er zum Grafen gewandt fort, „können gewiß ebensogut 
spielen wie musizieren, — nicht wahr?" 
„Ich will's versuchen, Hoheit," erwiderte der Angeredete. 
„In Trianon war es mir oftmals vergönnt, bei ^ den Theater 
vorstellungen mitzuwirken." — Ein anderes Schauspiel ist seit 
jener Zeit dort aufgeführt worden," sprach der Prinz melan 
cholisch und fuhr mit der Hand über die Augen; „wie er 
innere ich mich noch so wohl der reizenden ,Colette* im 
.Devin du village. 1 Wie gedenke ich Ihrer holdseligen 
Herrscherin, mon enfant, der unvergleichlichen Marie 
Antoinette." 
Eine tiefe Stille war bei deir letzten Worten des hohen 
Herrn in dem kleinen Kreise eingetreten. In den Augen des 
Grafen erglänzten Thränen, als er wortlos die ihm so gütig 
dargereichte Hand des Prinzen an seine Lippen preßte. 
„Sie haben viel verloren, mein lieber Antoine," fuhr 
dieser mit weicher Stimme fort, „aber ein köstlich' Gut, die 
Freundschaft, mon jeune ami, ist Ihnen geblieben; mit ihrer 
Hilfe werden Sie atlch den Seelenfrieden und die Freude am 
Genusse wiederfinden. — Jetzt aber, denke ich, ist es an der 
Zeit, unser Fahrzeug zu besteigen und dem Schlößchen ent 
gegen zu steuern." 
Bald glitt die Gondel über das stille Wasser; in wenigen 
Augenblicken war das Schloß erreicht; die Herren vom Dienste 
begaben sich in das Kavalierhaus, in welchem dieselben ihre 
Wohnungen aufgeschlagen hatten. Major von Kaphengst hin 
gegen folgte dem Prinzen in die erste Etage des Korps de 
Logis hinauf, in welcher ihm als Gast der Königlichen Hoheit 
Zimmer angewiesen worden waren. 
„Dieser kleine Emigrant hat sich gut genug eingeführt!" 
sprach Kaphengst vor sich hin, Hut und Degen ablegend. — 
„Ich will nicht hoffen, mein Herr Graf," fuhr er dann hämisch 
fort, „daß Sie meine Wege kreuzen werden. Christian Lud 
wig von Kaphengst ist nicht der Mann, sich dies gefallen zu 
lassen!" Seinem Kammerdiener läutend, befahl er diesem, die 
grande parure zum Souper bereit zu halten. — 
Gras Antoine de la Roche-Apmon war von dem Prinzen 
mit großer Güte ausgenommen worden. Die liebenswürdige 
Aurora, Ropalistin von ganzem Herzen, hatte das ihrige dazu 
beigetragen, solchen Empfang für ihren Schützling zu ermög 
lichen. Es war dem Grafen die Stellung eines Vertrauten 
in der Person eines Adjutanten übertragen morden; wie ein 
Märchen aus „Tausend und eine Nacht" erschien es dem 
jungen Manne, so plötzlich in diese anmutige Idylle hinein 
versetzt zu sein. Wie köstlich war nicht die Lage dieses reizenden 
Schlosses! Herrlich, zwischen Wasser und Wald befindlich, glich 
es einem sonnigen, wonnigen Frühlingsbilde, dessen Waldein 
samkeit jener schilsbekränzte See dort so lieblich unterbrach, 
auf welchem buntbeivimpelte Gondeln zu heilerer Fahrt ge 
fällig genitg einluden! Freilich schienen die glanzvollsten Tage 
von Rheinsberg ihr Ende bereits erreicht zu haben. Seit dem 
Jahre 1786 war das Leben des hohen Herrn ein außerordent 
lich weltabgeschiedenes und friedliches geworden. Der Hof 
staat hatte sich vermindert; nur noch einige vertraute Freunde 
umgaben beit Bruder des großen Friedrich, den Sieger von 
Freiberg, und teilten mit demselben die liebliche Einsamkeit 
am Boberow-Walde. 
Bald hatte sich der Graf in den Zauber und den Frieden 
dieser gemütvollen Häuslichkeit hineingefuilden. 
Der Vormittag brachte dem jungen Manne mancherlei 
Beschäftigung. Zunächst wurde die Leibhusaren - Schwadron 
Seiner Königlichen Hoheit, tvelche im Städtchen ihre Garnison 
hatte, gewissenhaft inspiziert. Die übrige Zeit des Vormittags 
gehörte der Lektüre. Der Nachmittag und der Abend waren 
der Geselligkeit und dem Schauspiel gewidmet. So flössen die 
Tage und Stunden gleichmäßig dahin; Antoine dünkte sich in 
einem Paradiese zu leben. Die Herren des Gefolges schienen 
dem Grafen, welcher die Gunst des Fürsten so schnell erworben 
hatte, trotzdem nicht gram zu sein; nur Baron Dedo von 
Kniphausen, der „Ehrenkammerherr", wie man ihn nannte, 
ein Mann von scharfem Geist, betrachtete den rieuen Ankömm 
ling mit Mißtrauen. Er fürchtete, der Gunst seines Prinzen 
verlustig zu gehen, da derselbe, wie er wohl wußte, ein 
„faible" für alle Franzosen hatte und sich fast nur in dieser 
Sprache auszudrücken beliebte. 
So standen die Dinge, als der Graf zum erstenmale von 
der Ankunft des „tollen Kaphengst", wie die übrigen Herren 
des Gefolges ihn zu nennen pflegten, hörte. 
Das war eine Freude, als der Jäger des Barons den 
selben anmeldete. „Kaphengst," hieß es, „ist da, der Liebling 
des gnädigen Herrn; nun wird's wieder einmal lustig in dem 
Schlosse zugeheit!" Das Erwartete traf auch ein. Feste aller 
Arten fanden statt. Der Prinz schien unennüdlich im Veran 
stalten derselben zu sein, nur um seinen Liebling zu amüsieren, 
welchen er schon seit Jahren wie ein verzogenes Kind verwöhnte. 
(Fortsetzung folgt.) 
Die Dorotheenflädtische Kirche. *) 
Wer vor etwa 25 Jahren von der Friedrichsstraße ans 
die Dorotheenstraße nach der ttenen Wilhelmsstraße zu hinab 
schritt, dem bot sich mitten im „Quartier latin“ der preußi 
schen Hauptstadt ein eigenartiges Bild dar, welches man hier 
nimmer vermutet hätte. Ein Kirchlein war's, — grau und 
zerfallend, altersmüde zu jenen von dichtem, dunklem Grün um 
zogenen Gräbern hinabsinkend, tvelche dasselbe aus verwildertem 
Gottesacker umgaben. Die Baulichkeiten waren ohne Interesse, 
*) Mit Bewilligung des Verfasiers abgedruckt aus: Kulturhistorische 
Bilder aus der Deutschen Reichshauptsiadt, von Ostar Lchwebel, Neue 
Ausgabe, Berlin, 1889, Verlag von H. Lüstenöder, W. Potsdamerstr. 29.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.