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Periodical volume 29. Juni 1889 Nr, 39

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Unter Mitwirkung 
Dr. N. fSevtttßxticr, F. Kudrxios, Tlivobc-v Forrtcrnc, Stadtrat G. Fricdol 
Gymnasialdirekter Dr. M. Sclirvcrvch und Ciuirlk tron fsllHlbcnbvud} 
, 
herausgegeben von 
©akuv SiHwobol, Devtin. 
XV. 
Jahrgang. 
M 39. 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist direkt von der Geschäftsstelle (Berlin X., Schönhauser Allee m, — 
Lernsprechstelle lila, 8^so), sowie durch alle postaiistalten (No. sgs), Buchhandlungen und Zeitungsspeditionen für 
2 Ulk. 50 Pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
2!l. Iiiiii 
1888. 
Grsf de la Roche-Aymon. 
Ein Bild aus der Zeit des Prinzen Heinrich. 
Von F. Hcrtt. 
Zweites Kapitel. 
Am Freund schaftstcmpel. 
Wlrei Wochen später, an einem heißen Jtinitage, finden ivir 
in dem „Freundschaststempel", welcher, anmutig am See 
gelegen, eine der Hauptzierden des Rheinsberger Schlosses 
und seiner Umgebung bildet, eine heitere Gesellschaft beisammen. 
Das Innere des Tempels bestand aus einem achteckigen 
Zimmer, dessen Wände mit Versen bedeckt waren. welche 
sämtlich auf die Freundschaft Bezug hatten. Von den Fenstern 
dieses Raumes ans hatte man eine köstliche Fernsicht auf den 
mit Schilf und Wasserrosen bekränzten See. (sine reich ge 
schmückte Gondel, welche den Schloßherrn und seine Kavaliere 
gerad' heut nach diesem Heu d’amitie, wie der Prinz den 
Tempel zu nennen pflegte, gebracht hatte, wiegte sich aus 
dem blauen Wasser. Bei schönem Wetter pflegten Hoheit das 
Diner hier einzunehmen. Die noch reich besetzte Tafel deutete 
daraus hin, daß dies auch heute der Fall gewesen war; 
lachend und schwatzend schlürfte die heitere Gesellschaft jetzt 
aus feinen Sevrestäßchen den schwarzen Trank der Levante. 
Am Rheinsberger Hofe war der Uniformzwang beseitigt! man 
liebte es in bunter, reicher Kleidung zu erscheinen, da der 
Prinz dies so gewohnt war, und die Herren sich nach ihni 
richten mußten. „Sie haben sich, wie es scheint schon voll 
ständig an die hiesige Lebensweise gewöhnt, mon eher comte?" 
nagre ein hochgewachsener, blonder Herr in reichgesticktem, 
perlgrauem Sammetkleide, einen schönen, jungen Mann, dessen 
lilataffernes Habit und weiße goldgestickte Atlasweste einen 
ausfallenden Gegensatz zu dem dunklen Haar und der bräun 
lichen Gesichtsfarbe des Angeredeten bildeten. „Fortuna scheint 
stillten hold zu sein, mon ami; der Prinz will Ihnen wohl. 
Aiademoiselle Aurora hat wirklich ein gutes Werk gethan." — 
| „Wofür ich der Dame ewig dankbar sein werde, mein Herr 
von Kaphengst," erwiderte der junge Mann, in welchem wir 
Veit Grafett de la Roche-Aymon wiedererkennen. „Wie glücklich 
fühle ich mich hier," fuhr er dann leuchtenden Blickes fort, 
„unter einem so liebenswürdigen Gebieter, der mich wahrhaft 
gütig aufgenommen hat!" — „Auch die militärischen Pflichten 
weiß unser junger Freund mit Interesse wahrzunehmen, — 
besser als Sie es gethan haben, Kaphengst!" wandte sich jetzt 
der Hofinarschall Graf Röder an den bezeichneten Herrn, dessen 
feines Antlitz wieder eine spöttische Gleichmütigkeit zilr Schalt 
trug. „Sie ließen sich oftmals bei unsern Husaren durch den 
alten Wachtmeister Weber vertreten; die Leute waren fast außer 
Rand und Band." 
„Die gaitze Kriegsmacht bestand aits 40 Blaun," versetzte 
der Major Christian Ludwig von Kaphengst lachend; „was 
wollen Sie da? Der Gnädigste nahm es nicht so genau; aber 
notre jeune ami versteht seine Sache besser, sein Temperainenl 
ruft ihn zum blutigen Wafsenhandwerk. Ich habe meine Schuldig 
keit gethan und ruhe nun aus meinen Lorbeeren aus." 
„Soeben kehren Seine Königliche Hoheit von dem Spazier 
gange zurück!" unterbrach der Kammerral Lebealckd, dessen 
wohlgenährtes Antlitz Zufriedenheit und Behagen ausdrückte, 
die Unterhaltung. „Gehen wir Seiner Hoheit entgegen, 
meine Herren!" 
In der That näherte sich ein kleiirer Herr im hellblauen 
Seidenrocke und Spitzenjabor schnellen und leichten Schrittes 
der Gruppe, welche ihrerseits den Prinzen Heinrich aufs ehr 
furchtsvollste begrüßte. 
„Da bin ich wieder zurück, messieurs, aus unserm
        
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