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Periodical volume 22. Juni 1889 Nr, 38

Full text: Der Bär Issue 15.1889

Sand, da wo der Boden recht eisenhaltig ist, sich findet. 
Wer die Stechpalme und Stacheleiche „kultivieren", tvie man 
den deutsch Redenden unsrer Zeit leider noch zurufen muß — 
will, der sorge allen sonstigen Gartenbauvorschriftelt zttwider 
auf dent dafür bestimmten Standort für eisenhaltigen Bodeit 
und für viel weiches Wasser! Dann kamt er die Freude erleben, 
welche z. B. der Pfarrer von Boberw in der Priegnitz hat: 
nach zwölfjähriger sorglicher Pflege eine stattliche Reihe hoch 
strebender Pyramiden zu sehen. Dann braucht er iticht er- 
tvartungsvoll aus die verlockende Anzeige der Reisehandbücher 
hin den anderweitig genügend empfehlenswerten Park des 
Herrn von Hansemann bei dein Seebade Sassnitz aus 
Rügen bis zu dem Hünengrabe zu durchwandern und ent 
täuscht durch den Anblick einer Anzahl jammervoll durch aller 
hand Gestrüpp gekrochener Zweigfädchen einer verkrüppelten 
Ilox-Staude kopfschüttelnd umzukehren. 
Wer da sehen will, tvas aus Ilsx aquifolium für eilt 
Prachtstück werden kann, der besuche die jüngst durch die Elb 
hochflut so traurig berühmt gewordene Niederung bei Lenzen. 
Da wird sich ihm bei dein Hofwirt Huthschen Gehöft, an der 
Sohle des Elbdeichs stehend, eine acht Meter hohe Pyramide 
im immergrünen Schmuck glänzender Blätter mit jahraus, 
jahrein daran haftenden korallenrot leuchtenden Beeren dar 
stellen, einzig in ihrer An und mit Recht „Wunderbaum" 
genannt. Die Schönheit dieses Baumes hat sogar das Herz 
der Elbdeichsverivaltnng überwunden. Während sonst alle 
Bäume vom Deiche abgeräumt werden müssen, darf die Stachel- 
eiche stehen bleiben. 
Neben der äußereil Schönheit muß den Volkskundigen 
die an dieses Gewächs geknüpfte Legende tief bewegen. Laut 
derselben soll die Stacheleiche, welche ini Grunde wenig Eichen 
haftes an sich hat, zu jenen Eichen gehört haben, welche in 
reichlicher Menge bei Davids erster Königsstadt Hebron ge 
standen. Es sollen, erzählen Qrientreisende, ja wirklich Stech- 
palmen bei Hebron als Gestrüpp zu sehen sein. 
Nie, soviel wir eben davon wissen, hat des Herrn Iesit 
Fuß während seiner Wander- und Lehrzeit diesen südlichsten 
Teil von Palästina betreten. Dennoch ward derselbe in den 
Landesfrevel an des Herrn Person mitverflochten. Hier weicht 
die märkische Sage von der sonstigen Legende ab. 
Während sonst die bekanitte große Akazie in dem Rufe steht, 
die Dornenkrone Christi geliefert zu haben, heißt es in deii 
von der Stacheleiche bestandenen Teilen der Mark: Die höhnende 
Hauptzier des sterbenden Heilands war den Zweigen der 
Stacheleiche entnommen. Bon seinem erbleicheltden edlen 
Angesicht ging strahlender Glanz auf die Blätter der Schmach 
krone über, das über sie hinströmende heilige Blut färbte 
nicht bloß die spitzen Stacheln der Blätter rot, es durchzog 
auch Röte in feinem Geäder die ganzen Zweige und Blätter. 
Desgleichen bekamen infolge dessen die in Form und Farbe 
großen Blutstropfen ähnelnden Beeren ihre Erscheinung. Bei 
des Herrn Sterben erschütterten und zerstreuten Erdbeben und 
Sturm, wie das ganze Erdreich mit allem, was sich darauf 
befand, auch die Blätter der Dornenkrone und trugen dieselben 
weit in alle Welt hinein. Dort, wo eins sich niedersenkte, 
gab es später eine besonders geweihte Stätte. So z. B. bei 
Wilsnack in der Priegnitz die Kirche der heiligen Blutes; 
desgleichen bei Göritz in der Herrschaft Frauendors des 
alten Bistums Lebus an der Oder. 
Wie es ähnlich auch sonst geschehen, ist der heilige Strauch 
allmählich zum Zaubermittel geworden. Getrocknete Blätter 
desselben müssen im Zimmer aufbewahrt, aitch ab und zu 
verbrannt werden, um „vor dem Bösen" zu schützen und 
Krankheit fernzuhalten. Zu gleichem Zwecke muß man sie vor 
Fenster und Thüren der Wohnstuben streuen, bis das neu 
geborene Kindlein die Taufe empfangen har. Noch besser: 
ein „Baum" wird vor das Fenster des Familienschlafzimmers 
gepflanzt! 
Ein Stock aris Ilvx-Holz, „Bameri“ genannt, macht un 
angreifbar und schützt vor Behexung, ist daher für „isolierte 
! Leute", als da find: Hirten, Müller, Prediger, Lehrer sehr zu 
empfehlen. Ein emeritiert werdender Lehrer zeigte und schenkte 
mir solch' einen Talisman, mit welchem ihn naiver Glaube 
früher beglückt hatte. Ein „gelungener" Hieb damit lähnu 
angeblich den Gegner so, daß er das Wiederkommen vergißt. 
Thee aus deir Fruchtkernen aufgebrüht, heilt das sonst 
airerkannt unheilbarste und qualvollste Leiden des Menschen, 
nämlich Steinbeschwerden. 
Möchte der schöne Stacheleichen-Strauch endlich auch in 
Berlin und in der Mark zu der ihm gebührenden Anerkennung 
und Pflege in Gärten und Parkanlagen kommen! 
E. Handtmann. 
Der Traum des Herrn von Barlewifch. 
Der spätere K. Preuß. Gerreral-Ouartiermeister-Lieutenaul 
C. F. R. von Barsewisch hat uns bekanntlich ein vortreffliches 
Tagebuch über deir siebenjährigen Krieg hinterlassen, welches 
die Nachkommen dieses Militärs anr 100 jährigen Gedenktage 
der Schlacht bei Beulhen, am. 5. Dezember 1857, dem 
Könige Friedrich Wilhelm IV. urschriftlich überreicht haben. 
Der Monarch erwiderte ihnen, daß diese Aufzeichnungen eines 
trerien Mannes von geradem, christlichem Simre ihm zrrr höchsten 
Freude gereichten. Nachmals dem Drucke übergeben, ist das 
Tagebuch augenblicklich im Verlage von Liebel, Berlin "W., 
erhältlich. Wir geben au§ demselben hier die folgende 
Episode wieder: 
Es war am 4. Dezember 1757, imd der Herr von Barse 
wisch, damals eitt 20 jähriger Fähnrich, lag in Cainerdors bei 
Leuthen. Die Nacht brach herein; — doch lassen wir ihn 
selbst erzählen! „Ich vor meinen Theil", so schreibt er, „hatte 
diese Nacht eine besondere aventure. Der General v. Wedelt 
hatte in dem Vorwerk seilt Quartier genommen. Da wir nun 
die Fahnen unseres Regiments bei Ihm in seiner Stube ab 
gegeben, so war ich vor meinen Theil, ivegeit der kalten 
Witterung und wegen dem gehabten starken Marsch, (indem 
wir erstlich ganz ant Abend dorten eintraffen) sehr fatigire; 
und beinühele mir nach einer Gelegenheit im Hause, die Nach: 
zuzubringen, indem die gemeiiten Soldaten in denen Scherinen 
und in dem Garten bey angemachtem Feuer Ihr Nachtlager 
nahmen, und sich wegen beuen auf der Schäferei) befindliche» 
Hammeln eine grtte Mahlzeit zubereitet. Ich fragte den Wirth, 
ob er nicht noch eine Kammer in seinem Hause habe, wo id> 
die Nacht nebst noch einigen schlaffen könnte. So zeigte mir der 
Wirth in der zweiten Etage rechterhand eine Kammer, darmnÄ 
würden wir Flachs finden, darauff könnten wir ganz ruhig 
schlaffen. Ich bedachte mir dahero nicht lange, sondern nahm, 
nachdem ich etwas zu Abend zu mir genommen, nebst de>»
        
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