Path:
Periodical volume 22. Juni 1889 Nr, 38

Full text: Der Bär Issue 15.1889

« 469 
Rechnung getragen. Vermutlich mährend des 30jähngen 
Krieges traten die Burgherrn wieder zur katholischen Kirche 
über, sie drückten ihre andersgläubigen Unterthanen aus die 
grausamste Weise und enviesen sich auch wohl, wie z. B. Herr 
Franz Friedrich von Sickingen um die Wende des 17. zum 
18. Jahrhundert, als arge Bauernschinder. In den Kriegen 
Ludwigs XIV. wurde die Stammburg von den Franzosen 
besetzt, aber am 27. September 1697 von den Deutschen er 
obert und später geschleist. Die burglosen Burgherren setzten 
inzwischen ihr wenig rühmliches Treiben fort, bis der letzte 
Lickingen der Ebernburger Linie, Karl Ferdinand, im Jahre 
1768 starb. Da er keine Leibeserben hinterließ, fiel seine Be 
sitzung an die Lehusherrschaslen Kurpfalz und Baden zurück, 
welch' erstere sie später durch Vertrag allein übernahm. 
Von den beiden übrigen Zweigen der Familie, die im 
Jahre 1773 in den Reichsgrafenstand erhoben wurde, blüht 
ber eine, der von Sickingen-Hohenburg, noch heute in Oester 
reich, die Sickingen zu Sickingen aber sind 1836 mit dem 
Grasen Franz ausgestorben. Dieser letzte war durch schlechte 
Wirtschaft bedauerlich herabgekommen. Er verschied aus einem 
Bauerngütchen bei Lorch. Ein unbekannter „Freund der Ge 
schichte" hat ihni einen Grabstein mit dem Namen und Wappen 
des Geschlechtes errichten lassen. Aus der Rückseite steht die 
einfache, aber ergreifende Bemerkung eingemeißelt: „Er starb 
im Elend." 
Wie Ulrich Hutten von der Welt geschieden, siech und ganz 
und gar gebrochen, ein Leben überschauend, das so verheißungs 
voll begonnen hatte und nun so elend zur Rüste ging, ist 
oft besungen, — oft in verklärendem Lichte dargestellt 
worden. Das schwungvollste har wohl Georg Herwegh über 
die „Uffnau" im Züricher See gedichtet. Ich stehe Hutten 
kühler gegenüber als dem „kleinen Frünzel", welches in der 
rheinsränkischen Sage so liebenswert noch heute fortlebt. 
Dennoch muß dem Märker das Herz auswallen, wenn er den 
Namen des streitbaren, mit dem Lorbeer des Dichters mit 
Recht geschmückten Franken vernimmt. Ist Ulrich Hutten doch 
einst so fröhlich nach der Mark geeilt, als der castalische Ouell 
auch hier bei uns zu sprudeln begann! Ein Schüler unsrer 
Alma rnater Viadrina, — ein Hörer unsrer Professoren 
rindholz und Blankenfelde, — ein häufiger Gast gewiß auch 
in der Burse unsrer Patrizier Schaum und in den herrlichen 
Gewölben des Frankfurter Ratskellers! Es giebt eine Frank- 
inner Lokalsage, welche den „Eques Huldericus ab Hutten" 
»ft auf dem Poetensteige der lieblichen Oderstadt wandeln 
läßi, — eine Lokalsage, welche ihn sogar mit der Frankfurter 
Hipvokrene verbindet, wie man ja nachmals auch eine „Tetzel- 
kaiizel" zu Frankfurt zu haben glaubte. Sei das dahingestellt! 
jedenfalls ist Ulrich von Hutten einem der größten Männer 
der Mark, dem Lebuser Bischöfe Dietrich von Bülow, sehr 
nahe getreten; denn er hat dem „Präsul des Lebuser Tempels" 
jene Gedichte geweiht, welche in der Mark zu Frankfurt und 
'» Mecklenburg zu Rostock entstanden sind. 
So eint sich Nord und Süd; — die Fäden gehen hin- 
iiber! Ein triftiger Grund ftir uns, daß wir der Ebernburg 
uns heute zuwenden und Gruß entbieten der gefallenen Veste, 
welche der Gerechtigkeit milde Herberge einstmals gewesen! 
-Nag sie auch in Trümmer zerfallen sein, — es bleibt dennoch 
Nr Ruhm. In Erz gegossen steht nun, am Pfingstdienstage 
enthüllt/ Sickingens Bild und das seines Bkitkämpfers und 
Gastes vor der Veste, — ein hohes, prächtiges Denkmal. Der 
erste Entwurf dazu rührt von dein nun verstorbenen Bildhauer 
Carl Lauer her, der ihn zu Ansang der 60 er Jahre vollendete, 
ohne zu ahnen, daß seine Skizze einst eine Wiedergeburt als 
ehernes Hochbild feiern würde. Als dann der Plan des 
Denkmals eine feste Form erhielt, griff man auf die Gelegen 
heitsarbeit des Meisters zurück und übertrug den vier Söhnen 
Lauers Pe Ausführung der Gruppe, die mit geringen Ab 
weichungen ein Abbild der envähnten Skizze ist. Unser Pro 
fessor Albert Wolff stand den vier Künstlern mit seinem Rate 
bei. Das berühmte Werk Lauchhammer in Sachsen wurde 
mit dem Gusse des Denkmals beauftragt. 
„Die Gruppe zeigt", so schreibt ein uns befreundetes 
Blatt, „die beiden großen Männer in ihrer Eigenart. Hutten, 
der Mann der Feder, hält eine Rolle in der erhobenen Rechten 
und schreitet, gleichsam belehrend, neben seinem Freunde ein 
her, sich leicht auf dessen gepanzerte Achsel stützend. Sickingen, 
dessen trotzigkühnes, kraftvolles Antlitz verrät, daß er sich für 
des Freundes Gedanken begeistert und jegliches Hindernis in 
mutigen! Kampfe beiseite räumen möchte, greift an sein breites 
Schwert. Auch in der Kleidung sind die beiden Ritter ihrer 
Bedeutung nach unterschieden. Hutten trügt eine fast bürger 
lich schlichte Gelehrtentracht, Sickingen aber tritt uns in reicher, 
prächtiger Rüstung entgegen. Eine breite Feldbinde schling! 
sich über seine Brust, — in seinem linken Arm liegt, in 
schönen Falten herniederfließend, der Rittermantel. Seine 
Rüstung ist eine genaue Nachbildung eines gleichzeitigen 
Originals." 
So erhebt sich dieses Bild dicht unter der Blauer der 
Ebernburg, in strahlendem Glanze vor dieser hervortretend, 
wenige Meilen nur entfernt von der ehernen Germania des 
Niederwaldes, wie diese, vom Vaterland errichtet, redend von 
Deutschlands Macht, Größe und Einigkeit und das Wort zur 
Wahrheit machend: 
„Was hoher Sinn gethan, bleib! ewig unvergessen." — 
Oskar Schweb ei. 
Die Stachel-Eiche (Ilex aquifolium). 
Warum in die Ferne schweifen: sieh', das Gute lieg! 
so nah! 
Dieses fast zu viel gebrauchte Dichterwort fühlt sich der 
Bär veranlaßt, seinen märkischen Landsleuten freundlich vor 
zuhalten, wenn er, Berlin und Berlins Umgebung durch 
trollend, die Fremdlinge: Magnolienbaum, Rhododendron und 
dergleichen mehr, ihren Winterumhüllungen entstiegen und die 
selben blaß und matt in die laue Frühlingslust hineinragen 
sieht. Warum, so knurrt er wieder, quäli man sich auf den 
Ziergärten und Schmuckanlagen so viel mit Ledern, Taxus, 
Cypreffen u. s. w., läßt aber die zierlichsten der heimatlichen 
Strauch-Bäume, den sinnigen, kreuzgeschmücklen Wacholder 
und die noch viel schönere Stacheleiche, so gut wie unbeachtet? 
Wie ein Fremdling sieht die Stacheleiche — ab und zu 
in einem Garten unter der „Stechpalme" mühsam gepflegt 
und meist in dem ihr nicht entsprechenden Gartenboden schnell 
absterbend — aus. Allein, wie so viele Fremdlinge, ist dieses 
Gewächs in unserm kernhaften Heiinatlande einheimisch ge 
worden, derart, daß es in der Priegnitz wie im Oberbaruini 
und im Sternberger Lande massenhaft wild in Wasser und
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.