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Periodical volume 8. Juni 1889 Nr, 36

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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nie im Garten gefunden, obgleich es als unzweifelhaft gilt, 
dis; auch dieses mitunter aus dein Fenster geworfen wird. 
Zn großer Zahl wurden Bürsten und Kämme zu dem Zweck, 
sie außer Gebrauch zu stellen, in den Garten befördert, dem 
sie, zwischen den Blumen liegend wie häßliche Untiere, nicht 
zur Zierde gereichen. Auch von Gegenständen der Bekleidung 
und des weiblichen Putzes wurde mancherlei vorgefunden, 
niemals aber habe ich Schuhzeug im Garten gefunden. Da 
durch unterscheidet sich der Garten wesentlich vom Acker, der 
fast immer an Schuhwerksresten reich ist. Aus den Wohnungen, 
in denen kleinere Kinder zu finden sind, gelangt viel Spiel 
zeug in den Garten. Von hölzernen Tieren mit vollständigen 
und unvollständigen Beinen, kopflosen und mit Köpfen ver 
sehenen, zahmen und reißenden aller Art, könnte man mit der 
Zeit Schachteln voll sammeln. 
Daß es im Hause so oft an Bleistiften fehlt, ist gar kein 
Wunder, denn es liegen zu jeder Zeit einige im Garten, wo 
sie allmählich durch Einwirkung der Feuchtigkeit aufgespalten 
werden. Einer oder der andere jedoch pflegt immer noch 
brauchbar zu sein, und man thut daher wohl daran, in den 
Garten hinunterzuschicken, wenn sich oben im Hause kein Blei 
stift finden läßt. Stahlfederhalter kommen auch nicht selten 
im Garten vor und können, ebenso wie längere Bleistifte, als 
Stäbchen für kleine Pflanzen benutzt werden. Ein Tintenfaß 
habe ich einmal im Buchsbanni gefunden. Vermutlich hat es, 
bei einer lebhaften Unterhaltung als Wurfgeschoß gebraucht, 
sein Ziel verfehlt und ist durch das gerade geöffnete Fenster 
hinausgeflogen. 
Papier aller Art, bedrucktes und beschriebenes, auch be 
maltes, gehört zu den gewöhnlichsten Gartensunden. Sehr 
häufig waren aus Schulheften ausgerissene Blätter, welche 
wiederum zu mehr als 50 Prozent aus Rechenheften her 
stammten. Dann kamen den, Prozentsatz nach die Schönschrift, 
die fremden Sprachen und der deutsche Aufsatz. Briefe fanden 
sich hin und wieder vor, einmal wurde mir ein Liebesbrief 
gebracht, der im Schnittlauch gelegen hatte. Er war, wie so 
viele Liebesbriefe, von ihm an sie gerichtet und enthielt die 
dringende Mahnung, sich nicht durch falsche Zungen irre 
»lachen zu lassen. Ich nahm von diesem Brief an, daß ein 
heimtückischer Windstoß ihn durch das Küchenfenster entführt 
habe. So mochten auch andere Sachen nicht hinausgeworfen, 
solidem durch einen unglücklichen Zufall hinausbefördert worden 
sein, darunter vornehmlich die Kinderwäsche, die Rüschen und 
Schleifen und wohl auch ein großer Teil der hölzernen 
Tierchen, die auf dem Fensterbrett, nahe dem gähnenden Ab 
grunde ausgestellt und vergessen, hilflos hinunterstürzten, wenn 
das Fenster unvorsichtig geschlossen wurde. 
Was sich im Garten an solchen Gegenständen vorfand, harkte 
ick zusammen. Dann suchte ich das wertvollste heraus und 
legte es aus einen bestimmten Teil des Zaunes oder hängte 
es über denselben, damit die Eigentümer es sähen und sich 
zurückholten. Von den tvertlosen Gegenständen grub ich einen 
Teil als Düngung für den Garteit unter. Als am geeig 
netsten hierzu erschienen mir die Knochen und die aus Horn 
verfertigten Sachen, als am wenigsten geeignet die Sardinen- 
biichsen, weil dieselben sehr schwer verwittem. Die guten 
when Kartoffeln pflanzte ich ein und stellte aus ihnen einen 
kleinen Acker her. Viel geerntet habe ich nicht davon. — 
Kloster Gramzom und seine Dichterin. 
(Fortsetzung statt Schluß.) 
Auf dem schlichteti gußeisemen Kreuze befindet sich die 
Inschrift: „Hier ruhet in Gott Frau Anna Karbe, geb. Karbe, 
geb. 4. Mai 1852, gest. 19. April 1875," und der schöne 
Spruch Jeremias 31. V. 3: „Ich habe dich je und je geliebt; 
darum habe ich dich zri inir gezogen aus lauter Güte." Von 
Herzen rufen wir ein „Ruhe sanft!" über das Grab der frühe 
Geschiedenen dahin. 
Ihr poetisches Talent war ihr stets eine Quelle reichen 
Trostes gewesen. Nicht, daß sie es absichtlich geübt oder 
künstlerisch geschult hatte. Wie dem Vogel der Gesang, so 
ivar ihr die Gabe der Dichtkunst gekomnien, ■— eine Mitgift 
Gottes. Wenn aber der eigentliche lyrische Dichter nur Selbst- 
erlebres besingen, nur Selbstempfundenes wieder in seinen 
Tönen ailsströnteit soll, so erfüllte Anna Karbe diese Anfor 
derungen vollkommen. Darin liegt die Eigenart, die Weihe, 
selbstverständlich aber auch die Beschränktheit ihrer Kunst; 
denn durch die höchsten Höhen unt> durch die tiefsten Tiefen 
des Lebens, — durch goldenes Glück und durch Elend und 
Verschuldung ist die Dichterin nicht hindurchgeführt worden. 
Gleichwohl ist es ein ergreifendes Buch, welches vor 
uns liegt, die Gedichte Anna Karbes, in zweiter Auflage bei 
Friedrich Andreas Perthes 1886 in Gotha erschienen. Es 
ist uns eine Freude, den Lesern von dieser holden Gabe 
märkischen Dichtergeistes sprechen zu dürfen, und wir heben 
im folgenden hervor, was als bedeutsam, als charakteristisch, 
als besonders wohlgelungen angesehen werden darf. 
Der „Eingang" ist merkwürdiger Weise der unbedeu 
tendste der elf Teile des Buches; es ist das indessen viel 
leicht die Schuld des Ordners und Herausgebers, des Ober 
pfarrers Albert Fischer in Gr. Ottersleben. Wenn z. B. die 
Dichterin meint: 
„Töne, die als Klagen und Bitten 
Sich den Weg zu Gotl erstritten," 
seien nur für den Eigner selbst, so ist das sicherlich ein recht 
anfechtbares Urteil. Es gäbe sonst ja überhaupt keine tiefere 
poetische Literatur, keinen protestantischen Kirchengesang. — ja, 
auch kein Sesenheimer Liederbuch. Wie wonnig dagegen der 
zweite Abschnitt „Maienblüte"; — wie jubelt die Dichterin in 
ihm dem Sonnenschein entgegen! All' die Herrlichkeit des 
Lenzes ist ihr aber nur eine wundersame Offenbarung der 
Gnade Gottes; andächtig spricht sie in der Fülle dieses un 
beschreiblichen Frühlingsglückes: 
„O sieh, wie eine jede Blüte 
Zu Boden neigt ihr Angesicht, 
Daß Gottes reiche, schwere Güte 
Ihr wonnevolles Herz nicht bricht!" 
und iveihevoll erklingt die Strophe: 
„Doch durch des Frühlings süße Ruhe 
Klingt eine Stimme wohlbekannt; 
Sie spricht: Sei still, zeuch aus die Schuhe; 
Denn wo du stehst, ist heil'ges Land. 
Erkenne deines Gottes Tritte; 
O, ösine freudig Herz und Sinn; 
Er wandelt durch des Frühlings Mitte, 
Er bringt den Frieden; nimm ihn hin!"
        
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