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Periodical volume 8. Juni 1889 Nr, 36

Full text: Der Bär Issue 15.1889

Sorbenwendisches Volksleben. 
Von M. Müsctiner. 
(Fortsetzung.) 
Sobald es gilt, die Herbstfrüchte einzuheimsen, bewegt 
sich der Anfchauungs- und Beschäftigungskreis des Kindes in 
wesentlich andern Regionen; es sucht seine schwachen Kräfte 
üoerall nützlich zu verwenden. Die größeren Schulmädchen 
dringen gleich zu Ansang der 1-4 tägigen Herbstferien ihrem 
lieben „Herrn Lehrer" (knez ceptar oder kucabnik oder 
sular) die Kartoffeln in Ordnung. Dann gehr es auf den 
Feldern und zu Hause über die Rüben her. Welch' ein 
buntes Treiben am Tage! Am Abend sitzt dann die ganze 
Familie auf dem Hofe an einem Berge von angefahrenen 
Rüben, um dieselben beim Scheine des Mondes und der Sterne 
mittels des Messers ihres Grünzeugs zu berauben. Ob die 
Füße dabei frieren und die Finger erstarren, wer fragt da 
nach! Bei Regenwetter und bei allzu strenger Kälte werden 
derartige Verrich 
tungen wohl auch 
in der Stube bei 
prasselndemKamin- 
seuer vollzogen. 
Aufgeräumt wird 
erst am nächsten 
Morgen. Die Rü 
ben wandern in die 
Kammer oder in die 
Grube; 
werden „aufge 
reiht". Da sitzt in 
ihrem dicken Falten 
rocke die sonst so 
blöde Karlinka mit 
ihrer ahlenähn- 
lichen Reihnadel, 
repnica (b. i. Rü 
bennadel) um die 
gestern abgetrenn- 
ien Rübenköpfe mit 
ihren vollen Blät- 
iern aufzureihen, und lacht nicht wenig, wenn sie eine gewich- 
iige Rübenkrautguirlande gliicklich hergestellt hat, mit deren 
Transport der kleine Bruder Fritzko seine liebe Not haben ! 
wird. Er legt sich diese grüne Kette (nizanca) indessen um, 
wie der Schlangenkönig die boa constrictor, und wandert 
damit die Treppe oder Leiter hinauf, um sie unter dem Dache 
der Hängestange anzuvertrauen, allwo sie mit ihren Ge 
iährtinnen darauf wartet, daß sie, mit siedendein Wasser und 
dem Stampfeisen behandelt, von den Rindern als Leckerbissen 
verschlungen wird. Es läßt sich denken, daß diese unter dem 
Sache hängenden Ketten an stürmischen Dezembertagen dem 
Hofe ein eigentümlich schaukelndes, zit Träumereien anregendes 
Md verleihen. Den eigentlichen Stolz der Kinder bilden 
jedoch die Ketten der Mohrrüben, welche sie sich für den 
Allnterbedarf hergestellt haben. Die getrockneten Mohrrüben 
werden im Winter, behufs Erregung der Speichelmuskeln, was 
beim Spinnen ja eine nicht zu unterschätzende Sache ist, ent- i 
weder roh genossen, oder man dörrt sie tioch zuvor auf j 
dem breiten Kachelofen. Eine andere Art von Ketten wird 
aus den tiefroten Runkelrüben hergestellt. Aus dieseil Rüben, 
die, wenn ich nicht irre, hier und dort auch „eingemacht" 
werden und als Kompot das Mahl mancher Hausfrau ver 
vollständigen, wird die gubanta (Runkelrübenbrühe) gekocht, 
die zur Bereitung einer Art Milchhirse verwendet wird, be 
sonders dann, wenn, wie bei der Kartoffelernte und der 
Flachsbearbeitung, die Frauen die Oberherrschaft haben. Wie 
aber manches Alte von dem Fortschritte der Kultur beiseite 
geschoben wird, so auch viele, viele dieser alten Gebräuche 
und Sitten. Wie ist in den letzten Jahren der Ritf dieser 
zgubantu jagly (der Runkelrübenhirse - Mahlzeit) zusam- 
mengeschrumpft! Die Bereitung des früher landläufigen 
Runkelrübensprups kennt inan heute fast gar nicht mehr. — 
Wieder anders gestaltet sich das Leben des Kindes im 
Winter. Von der Schule wird es jetzt mehr in Anspruch ge 
nommen als im Sommer. So manches Kleine muß dabei 
in der freien Zeit der noch heute so hochgeschätzten Kunst des 
Spinnens obliegen. 
Werfen mir nun 
mehr einen Blick 
auf das Spinn- 
stnbenleben! 
Personen glei 
chen Alters und 
Geschlechts kommen 
verabredetermaßen 
zusammen, um in 
Arbeit und Scherz 
mit einander zu 
wetteifern. So 
haben die Schul 
mädchen, die Back 
fische, die heirats 
fähigen Mädchen, 
die Frauen, die 
Knaben rmd die 
Jünglinge ihre 
(preze) Spinn 
st üben. Alles 
spinnt, nur die 
rüstigen Männer nicht. Dian kann sich denken, wie froh und 
heiter das Leben in der sonst so öden Winterzeit hierbei da 
hingleitet. Die Schulmädchen kommen des Abends iuid an 
den schulfreien Nachmittagen zusammen, Kinder mitunter, von 
denen manches seine liebe Not hat, das für die kleine Well 
viel zu große Spinnrad so zu tragen, daß es den Erdboden 
nicht streift: daß der „Knecht sich nicht schleppt". Knecht 
(knecht) heißt nämlich der die Verbindung zwischen Kurbel 
und Trittbrett vermittelnde Stab. Da die Mädchen nun in 
Hufeisenform sitzen, so daß fast der ganze Stubenraum, zu 
Spiel und Tanz einladend, sich in der Mitte befindet, so 
können sie sich ohne Schwierigkeit auf die Finger und ins 
Auge sehen. Sonderbar, — das sonst so träge Auge blickt hier 
mit Lebhaftigkeit, und die sonst so langsamen Finger ranzen 
auf dem Faden mit wunderbarer Emsigkeit. Es wohnt ein 
eigener Zauber in der Spinnstube. Die Räder in Reihe und 
Glied schnurren um die Wette; jede Spinnerin sucht ihre 
Arbeit so schnell als möglich zu vollenden, um noch Zeit
        
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