Path:
Volume 8. Juni 1889 Nr, 36

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

« 442 S» 
Kinder des edlen Paares waren heklisch veranlag!; innerhalb 
kurzer Zeit verstürben dem Fürsten Anton und der Prinzeß 
Luise zwei Söhne, denen bald auch eine Schwiegertochter 
folgte. Prinzeß Elise zeichnete, sammelte Pflanzen und gab 
sich den Werken der Wohlthätigkeit hin. So wandelte sie 
wie ein seraphischer Fremdling durch die Gefilde von Ruh- 
berg dahin. „Ihre Lieblingsblume", erzählt Baer, „war die 
kleine, rote Primel, die Primula minima, ,Hab' mich lieb!' 
genannt, welche im Frühling den Kamin des Riesengebirges 
mit bunten Polstern schmückt." 
Bald daraus traten Erscheinungen von ernstester Be 
deutung ein. Am 2. April 1833 schrieb Prinz Wilhelm von 
Berlin aus an Natzmer: 
„Sie werden nicht minder wie wir erschreckt sein über 
den leidenden Zustand der Prinzeß Elise Radziwill. Es war 
eine merkwürdige Fügung, daß das Leiden bei mir seinen 
Anfang nehmen inußte" — mit Blutauswurf, — „nach einein 
kleinen Diner, wo wir sehr heiter gewesen waren. Gott sei 
Dank, geht's nun besser; aber welche Aussicht bleibt uns, 
wenn drei Glieder an dem Leiden gestorben sind, und die 
Prinzeß in sechs Monaten zivei Anfälle hatte." — 
Blutsturz also nach fröhlicher Tafel! Es ging schnell 
zu Ende. Unser verewigter Herr und Kaiser berichtete dem 
Freunde also weiter: 
„Die Grippe wütet auch hier, doch nicht so unglaublich 
wie in Rußland. Wibels", — Wibel ivar Geheimer Sani- 
täts-Rat, — „Erlaß wegen dieses Schnupfen-Fiebers ist im 
höchsten Grade ridicule; man sollte glauben, es sei die Pest." 
Die Grippe forderte ihr Opfer indessen auch im Hause 
Radziwill. Am 7. April starb Fürst Anton in seinem Berliner 
Palais. Prinz Wilhelm schrieb dein Freunde: 
„Berlin, 10. April 1833. Der Fürst Radziwill ist das 
Opfer einer vernachlässigten Grippe geworden. Er wird all 
gemein betrauert; sein Haus ist ein wahres Trauerhans. 
Prinzeß Elise befindet sich in einem bedenklichen Zustande. 
Man hat ihr das Ableben des Vaters nicht sagen dürfen. 
Es entsteht daher der peinliche Zustand, daß sie der unglück 
lichen Mutter Aufträge an den verstorbenen Vaier giebt, und 
diese vom Kummer erdrückte, aber standhafte Prinzessin Ant- ; 
warten von dem Verstorbenen überbringen muß." — 
Am 13. Mai berichtet Prinz Wilhelm: 
„Prinzeß Elise hat gestern das Ableben ihres Vaters 
in Erfahrung gebracht und diese Nachricht gegen alles Er 
warten mit vieler Resignation vernommen." — Sie mußte j 
ja, daß sie bald wieder mit ihm vereint sein werde! — „Ihr 
Gesundheitszustand giebt wenig Hoffnung zur Genesung." 
lind vier Wochen später: „Heute ist das Requiem für 
den verstorbenen Fürsten in der katholischen Kirche (St. Hed 
wig) gehalten worden, wobei sich alle Singegeister der Resi 
denz hören lassen." — Die „Singegeister" brachten dem ver 
ewigten Meister wehmutsvoll ihre letzten Huldigungen dar. 
Noch einmal indes erholte sich Prinzeß Elise. Sie begab 
sich nach Freienwalde. Dort bewohnte sie, wohl mit der 
Mutter, das königliche Schloß. Theodor Fontane gedenkt 
dieses Aufenthalts zwar nicht; aber er schreibt dennoch in 
bedeutsamer Weise von diesem Ruhesitze: 
„Unter Laub irnd Blumen gelegen, aus welchen, überall 
unterbrochen, die gelben Wände hervorleuchten, inacht das 
Ganze einen durchaus heitern Eindruck, und doch heißt es 
auch von diesen Mauern: ,Sie haben Leides viel gesehen!' 
Stilles Leid, aber um so tiefer vielleicht, je stiller es getragen 
wurde." Es gelten diese ernsten Worte aber nicht allein für 
die Gemahlin Friedrich Wilhelms II., ivelche hier residiert 
hat; — sie gelten ferner nicht allein für die Königin Luise, 
welche zu Freienwalde einst in schweren Tagen Trost ge 
sucht hatte: sie gelten in hervorragender Weise auch für 
Prinzeß Elise Radziwill. 
Der Herbst nahm sie hinweg. Am 27. September 1834 
verschied sie zu Freienwalde: „ein Engel schwebte wieder hin 
aus zu seiner himmlischen Heiniat." Am 10. Oktober teilte 
Prinz Wilhelm Oldwig von Natzmer mit: 
„Das Ableben der Prinzeß Elise kam unerwartet und 
hat sehr ergriffen. Prinzessin Luise erträgt ihr Unglück mit 
einer ungewöhnlichen Seelenstärke." 
Es war vollbracht. „Still und feierlich schließt diese Ge 
schichte von der Liebe zweier Herzen, — eine Geschichte, welche 
auch den großen Gründer unsres Reiches als einen Kämpfer 
darstellt, welchem die bittersten Seelenschmerzen gleich anderen 
Sterblichen nicht erspart geblieben sind." 
Prinzeß Elise ist in Antonin neben ihrem Vater bestattet 
worden. 
Wir führen nur noch zwei Aufzeichnungen an, ivelche die 
Heimgegangene betreffen. Am 30. Juni 1832 schrieb sie die 
folgenden Worte in ihr Tagebuch ein: 
„Am 29. spie ich Blut. Der Gedanke des Todes wurde 
mir dadltrch nahe gerückt. Wenn es nicht wegen Mama 
wäre!! O mein lieber Heiland, nimm inich mir und gieb 
mich Dir! Laß' mich ein Werkzeug sein in Deinen Händen! — 
,Wie Du fängst meine Sachen an, 
Will ich Dir halten stille.' 
Laß' mich ganz für Blama leben, wenn es Dein heiligster 
Wille ist." — Diese inbrünstige Bitte ward nicht erhört. 
Die Fürstin Thais Sulkowska tvidmete der Entschlafenen 
herzlich empfundene Verse der Erinnerung. Als Mono stehen 
über ihnen die Worte des großen Franvois de Malherbe, 
ivelche auch das zu Tamsel befindliche Grabmal der schönen 
Gräfin Lisette von Tauenzien schmücken: 
„Rose, eile a vecu ce que vivent les roses: 
L’espaee d'un matin.” 
Charakteristisch lautet die zweite Strophe dieser Totenklage: 
„'Ion existence tut ephemere, 
Ta vie brissee. — Astre charmant, 
Tu passas sur la terre 
Comme un meteöre brillant.“ 
Die Gestalten Elisens von Radziwill und Kaiser Wil 
helms aber werden noch leuchtender vor uns stehen, wenn 
einst auch der Brieftvechsel des edlen Paares veröffentlicht sein 
wird. Es wird von wahrhaft stählender Wirkung für das 
Gemüt sein, den großen Einiger Deutschlands im Geiste durch 
diese Jahre 1820 bis 1834 zu geleiten, welche das Liebes 
glück und Liebesleid der edlen Prinzessin umfassen. 
Oskar Schwebel.
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.