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Periodical volume 26. Mai 1889 Nr, 34

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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ivohltinterrichteten Verwandten der Archileki Jean de Bodt, 
der in künstlerischer Hinsicht so einflußreiche Vollender des 
Zenghansbaues ein hervorragender Schüler Blondels gewesen 
ist. Das „Wochenblatt" findet es etwas unvorsichtig, 
wenn Gurlitt trotz der früheren schon in der „Kunstchronik" 
und anderswo erhobenen Einwände in seinem Handbuch aucli 
jetzt noch den Zeughallsbau ohne durchgreifende Beweise einem 
Franzosen zuschreibt, und es fordert, daß dieses Werk aurl, 
semerhm feilten wohlverdienten Ehrenplatz in der Berliner 
Bangeschichte behalte. 
Ein Berliner Original. 
Bon Adaldoit non Kanstein. 
Der Originale, der alten wie der jungen, giebt es in 
Berlin noch heutzutage viel. Zu jung ward ein solches - am 
10. April auf dem Dreisaltigkeitskirchhofe in der Bergmann 
straße tu die Gruft gesenkt. Es war der Sohn eines seiner 
Wirtsjungen 
der Stadtbahnhöse oder im Grunewald oder an irgend einem | 
weltverlorenen Flecken in den märkischen Forsten mit angehört, 
als ich vor Jahren, wie so mancher Freund der Pflanzenwelt 
in Berlin, unter der Jüngerschar dieses sonderbaren Sokrates 
sammelnd die heimische Flur durchstreifte. „Da seht der Alt 
meister mit die Aporhekerjesellen", rief wähl einmal die 
lärmende Dorfjugend hinter uns her, wenn unser merkwürdiger 
Kriegszug über eine friedliche Straße gezogen kam. Und 
merkwürdig war der Zug in der That. Voran schritt der 
Wanderlehrer selbst, auch im heißesten Sommer niemals ohne 
den Mantel, welcher ihn umflatterte, auf dem Kopf ben i 
mächtigen Räuberhui, mit der Rechten sich auf den Schirm 
stützend, die Taschen weit auseinander klaffend von darin 
steckenden Reservestrümpfen. Alle Augenblicke blieb er stehen, 
ans der silbernen Dose eine Prise zu nehmen oder sich mit 
dein großen, rotgewürfelten Taschentuch die Stirn zu wischen. 
Das der Altmeister! Und die Apolhekergesellen? Der 
wunderbarst gemischte Zug von der Welt in der herrlichsten 
! Eintracht. Da marschierten junge Srndenlen, die eben die 
j Universität bezogen, neben wissensdurstigen Garrengehilfen und 
bildungslustigen Meistern des Handwerks. Da gingen Kan 
didaten des höheren Schulamts neben Berliner Elementar- 
lehrern, beide in der Absicht, ihre Kenittnis der Berliner Flora 
zu vervollständigen. Aber dem oft sehr langen Zuge gehörte 
noch eine ganz eigentümliche Species von „Schlachtenbumm 
lern" an, für ivelche Vatke selbst beit originellen Namen 
„Hilfstrinker" erfunden halte. Diese ehrenwerte Schar ließ 
Pflanzen Pflanzen sein und hatte nur die Absicht „Natur und 
Bier zil kneipen." Dieser ganze Anhang von Jüngern wurde 
von dem Führer selbst getreu dem Linnö'schen System als 
,,Vatkeaceen u bezeichnet. Oft schwoll der Zug während des 
Wanderns an. Ein Schüler, der etwa im Walde botanisierte, 
ein Mann, der friedlich in der Waldschenke beim Glase Bier 
saß itiid sein Interesse äußerte, wurde sogleich in ben Bund 
aufgenommen und pilgerte mit. Der jeweilige Lieblingsschüler 
des Meisters trug unmittelbar neben ihm sein Scepter, den 
langen 
„Pflanzen 
stecher" an 
mächtigem 
Lederriemen, 
ein anderer 
schleppte die 
riesige Bota 
nisiertrom 
mel, und er 
selbst trug 
meist eine 
großeMappe 
mit Pflan 
zenpapier. 
So schritt 
er, wie ein 
Patriarch 
von weiland 
unter seinem 
Volke, ein 
niemals gra 
duierter und 
niemals honorierter Professor kraft eigener Ernennimg. Aus 
Freude an seinem selbst erwählten Studium, aus Freude an 
seinem selbst erwählten Lehrberuf, von keiner Aufsichtsbehörde 
beeinflußt, unterrichtete er seine freie Schülergemeiitde, unter 
hielt sie mit seinen stereotypen Anekdoten, die er mit einer 
beneidenswerten natürlichen Schauspielergabe vortrug, nnb lud 
sie nicht selten am Rastort in der Abendkühle zu einer Mai 
bowle unter rauschenden Bäumen ein. 
Dann saß er oft stundenlang schweigend unter der jugend 
lichen, lauter und leintet' lärmenden Schar, um seine gut 
mütigen Augen spielte ein leichter Humor und in regelmäßigem 
Abstand führte er Zeigefinger und Daumen der rechten Hand 
zur Nase, über den struppigen, braunen Bart, und genoß 
schweigend eine Art von Familienglück, das ihm, dem unver 
besserlichen Junggesellen, im eigentlichen Sinne niemals ge 
worden war. Nicht selten saß auch eine pilzkundige Dame 
uilter der Schar der Männer, uitd mancher, der ihn kennen 
zu lernen wünschte, wählte solche Altgenblicke, um sich wie 
Zeit sehr be 
kannten 
Theologen 
der Berliner 
Hochschule, 
der Privat- 
gelehrte, 
Botaniker 
Wilhelm 
Barke, der 
noch rricht 
vierzigjährig 
hier seine 
Ruhe fand. 
„Wer sollte 
Ihnen nicht 
kennen, Herr 
Professor?" 
Wie oft habe 
ich diesen 
Ausruf vüir 
Kellnern oder 
Das Zeugstans irr Dorlin.
        
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