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Volume 26. Mai 1889 Nr, 34

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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Das Gespenst im Schlosse. 
Es war an einem Sommerabende des Jahres 1766, als 
sich unter den Passanten des Schloßplatzes zu Berlin eine selt 
same Unruhe bemerkbar machte. In kleinen Trupps gingen 
die Leute auf und ab, bald sich lebhaft unterhaltend, bald 
atemlos lauschend. Jetzt blieben sie erwartungsvoll stehen, 
um in der nächsten Minute sich ivieder weiter zu begeben. 
Schließlich hatte sich eine so große Menge gesammelt, daß der 
Verkehr ins stocken geriet. Nur die wenigsten kannten frei 
lich die Ursache des Auslaufs. Die Antworten, welche die 
übrigen auf ihre Fragen erhielten, waren nicht gerade dazu 
angethan, die brennende Neugierde zti befriedigen. Nur einzelne 
uiizusammenhängende Worte waren vernehmbar; wer etwas 
Kombinationsgabe besaß, der sonnte aus diesen Andeutungen 
sich wenigstens so viel zusammen reimen, daß im Schlosse sich 
ein Gespenst bemerkbar mache. 
War es der Geist eines Ahnherrn des erlatlchten Zollern- 
hauses, der gleich Hamlets Vater seine stille Gruft verlassen 
barte, um sich den Enkeln zit zeigeir, oder war es die unheim 
liche weiße Frau, die der Sage nach wehklagend ini Schlosse 
erscheint, wann ein Mitglied des Fürstenhauses im Begriff ist, 
das Zeitliche mit dem Jenseits zu vertauschen? 
Nichts von alledem! Wirkliche und echte Spukgestälten 
pflegen ihre Besuche bei den Sterblichen nie anders, als zur 
Mitternachtsstunde abzustatten, — ohne Zweifel eine etwas 
unpassende Zeit; was fragen jedoch Gespenster nach der Etikette? 
Jetzt aber war es kaum neun Uhr, und langsam fenften sich 
die Schatten der Dämmerung auf die Erde herab. Die weiße 
Frau aber hatte erst recht keine Veranlassung, sich zit bemühen; 
kirn der große Friedrich erfreute sich des erwünschtesten Wohl 
seins, und auch von allen seinen Angehörigen schien niemand 
Lust zu haben dieser schönen Welt Valet zu sagen. 
Plötzlich tnalte sich ein starres Entsetzen auf den Gesichtern 
der Amvesettdett, denn mit Grabesstimme ertönte jetzt zum 
zweiten Male der Ruf: 
„Wehe, wehe, wehe über Berlin! Thuet Buße; der 
Untergang ist nahe herbeigekommen." 
Schreckensbleich schauten die Menschen einander an; jeder 
schien von dem andern eine natürliche Erklärung des unheim 
lichen Vorgangs gu erwarten. Der Ruf kam aus der Tiefe; 
darin stimmten alle überein, aber wie es möglich war, den 
selben mit so grauenhafter Deutlichkeit durch das Straßen 
pflaster hindurch zit vernehmen, blieb allen ein Rätsel. Schon 
als der Jammerschrei das erste Mal erscholl, hatte man die 
Schloßwache benachrichtigt, welche die Kellergewölbe auf das 
sorgfältigste durchsuchte, ohne atlch nur die Spur eines mensch 
lichen Wesens zu finden. Atlch die Dienerschaft prüfte jeden 
dieser unterirdischen Winkel; aber auch sie vermochte nichts zu 
entdecken, so daß die Möglichkeit einer natürlichen Lösung aus 
geschlossen erschien und der Glaube an die Einwirkung eines 
Lesens ans der Außenwelt sich mehr uitd mehr befestigte. 
Alte Leute erinnerten sich daran, daß vor vielen Jahren 
ein in der Burgstraße wohnender wohlhabender Mann spurlos 
verschwunden sei. Schon damals war man überzeugt, daß 
der Vennißte ermordet worden sei; denn man hatte sein 
Schreibpult erbrochen und des Inhalts beraubt vorgefunden. 
Äber seltsamer Weise war trotz sorgfältigster Nachforschungen 
der Leichnam des Getöteten nicht aufzufinden gewesen, und 
ebensowenig halte man den Mörder entdeckr. Niemand Halle 
das Geheimiris 311 deuten vermocht. Jetzt schien ein Licht in 
das Dunkel 311 kommen, denn die von besonders klugen 
Veteranen der Einwohnerschaft ausgesprochene Vermutung, der 
Gemordete sei wahrscheinlich verscharrt worden und finde, 
da er nicht in geweihter Erde liege, im Grabe keine Ruhe, 
hatte eiltschiedeil eine innere Wahrscheinlichkeit für sich. Der 
Vorschlag, auf der Stelle nachzugraben, um dem Geist Er- 
lösung zu verschaffen und ihn feiner Aufgabe, den Unglücks 
raben spielen zu müssen, zu entheben, fand allgemeine Zu 
stimmung, und schon eilten einige diensteifrige Burschen, die 
nötigen Geräte herbeizuschaffen, als zum dntten Male der 
grausige Ruf ertönte: 
„Wehe, wehe, wehe über Berlin! Thuet Buße, denn 
der Untergang ist nahe herbeigekommen." 
Die Stimme klang diesmal so schauerlich dröhnend, daß 
von den Hunderten von Menschen, welche das düstere Mahn 
wort hörten, niemand war, den nicht eine Gänsehaur über 
laufen hätte. 
Mit unumstößlicher Gewißheit stellte es sich jetzt heraus, 
daß das Gespenst dicht an der Mauer des Schlosses, da, wo 
sich dieselbe zur Erde herabsenkte, seinen Sitz haben mußte; 
da es aber damals noch keine Trottoirs gab, unter dessen 
Granitplatten sich möglicherweise ein leerer Raum zu einer 
bescheidenen Wohnung hätte Herrichten lassen, so mußte der 
Geist sich eine Mauerspalte oder eilt Mäuseloch zum Aufent 
haltsort erwählt haben. Aber auch diese Meinung schwand, als 
das Gespenst nunmehr ein markerschütterndes Hohngelächter 
hören ließ, welches das Blut in den Adern erstarren machte. 
Daß der Geist sich über das der ausblüheitden Stadt bevor 
stehende Unglück in so teuflischer Weise zu freuen vennochte, 
zeugte von einem total verdorbenen Charakter. 
Stundenlang noch standen die Menschen nnb lauschten, 
aber nichts ließ sich mehr hören; der Spuk war verschwunden. 
Aber nicht die furchtbare Aufregung, welche sich der Einwohner 
schaft bemächtigt hatte. Allmählig und nur zögernd verliefen 
sich dann die Massen, Mitternacht war jedoch längst vorüber, 
als der letzte seinen heimatlichen Wigwam aufsuchte. 
Am nächsten Tage wurde abermals eine strenge Prüfung 
aller Räume des Schlosses vorgenommen, aber — wie zu er 
warten stand — verdächtiges wurde durchaus nicht gefunden. In 
einem Zimmer der Etage arbeiteten Tapezierer; — auf dem 
Dache, an der Attika, waren Klempner mit einer Reparatur 
beschäftigt, denn der König selbst war in Sanssouci, und nur 
die zurückgebliebenen Hosbeamten bewohnten das Schloß. Die 
Handwerker verließen nach Feierabend den Ort ihrer Thätig 
keit; der Gedanke eines Argwohns war ihnen gegenüber aus 
geschlossen. 
Lange vor Anbruch des nächsten Abends hatten sich 
wieder zahllose Neugierige eingefunden, welche der Dinge 
harrten, die da kommen sollten. Die Polizei war machtlos, 
obgleich sie einige Versuche machte, die Straße zu säubern. 
Klüglicherweise sah man von der Anwendung von Gewalt ab; 
es hätte sonst unfehlbar zu tumultuarischen Auftritten kommen 
müssen. 
Da — es war gegen halb acht Uhr — ließ sich der 
schreckliche Ruf wiederum hören, dieselben Worte, wie am 
gestrigen Abend, aber lauter und geisterhafter. Das Lachen, 
welches den Worten folgte, klang wahrhaft dämonisch und rief
	        
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