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Periodical volume 26. Mai 1889 Nr, 34

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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es darf niemand mehr ans der Stadt; dann werden wir's ja 
sehen, wo das Heiligtum versteckt ist. Frau Walburg aber 
wird sogleich verhaftet." 
Die beiden schritten dem Hause des Bürgermeisters zu, 
welcher, im höchsten Grade bestürzt, die Bitte des Priesters 
sofort gewährte. Die Thore wurden geschlossen; Walburg, 
eine arme, aber im Rufe strengster Redlichkeit stehende Witwe, 
ward auf das Rathaus der Stadt geschleppt. Sie behauptete, 
nicht das mindeste von der Hostie zn wissen. In dem alters 
grauen, in seiner reichen gotischen Architektur noch heute 
prangenden Rathause von Königsberg, linker Hand vom Ein 
gänge, befatld sich damals ein unheimliches, kleines Gemach. 
In dasselbe wurde Frau Walburg geführt. Dort stand das 
entsetzliche Marterbrett, dort das Rad zum Zermalmen der 
Verbrecher; dort das lange scharfe Richtschwerl, der Läster 
stein und die Kufe zum Sieden der Verurteilten in Oel. Als 
Walburg dieser Marterinstrumente ansichtig ward, erbleichte sie 
und sank in die Knie. „Erbarmen, liebe Herren!" rief sie. 
„Ja, ich hab's gethan! Ich habe die Hostie in einem unbe 
wachten Augenblicke gestohlen. Wie wehe thut Hunger und 
Blöße! — Ich habe sie an meine Nachbarin, die Jüdin Debora, 
verkauft." 
Es war ein bei Christen und Juden damals fast allge 
meiner Aberglaube, daß eine Hostie, unter der Schwelle eines 
Hauses vergraben, dasselbe gegen Unglück schütze. Die Oblate, 
so meinte man, feie die Bewohner des Hauses auch auf Reisen 
in die Ferne; sie halte Krankheiten und Unfall auch von Vieh 
und fahrender Habe ab. Dieser weit verbreitete Glaube er 
klärt jene so häufigen Hostiendiebstähle, von welchen die alten 
Chroniken berichten. War es ein Wunder, daß die Jüdin, 
welche so Schweres an ihrem Hause und Heime zu Berlin er 
lebt halte, dies Mittel ergriff, um die friedliche Hütte zu 
sichern, welche die Verbannten zu Königsberg gefunden hatten? 
War es ein Wunder, daß ein armes christliches Weib, welches 
täglich mit den: bittersten Mangel zu kämpfen hatte, sich durch 
den Glanz des Silbers endlich verführen ließ, eine Hostie für 
die Nachbarin zu entwenden? 
Der Bürgermeister von Schildberg erschrack, als er das 
Geständnis der Frau Walburg besaß. „Es ist entsetzlich," sprach 
er; „mußte auch das noch geschehen!" Dann aber wendete 
er sich zu den Anwesenden. „Ich bitte um Eure Verschwiegen 
heit! — Walburg wird in Ketten geschlossen. Des Sperrens 
der Thore bedarf es nicht; aber der Judenhof wird umstellt. 
Niemand entkommt. Ich selber muß zu Herrn Johann von 
Wedelt reiten; ich darf den Frevel nicht nach eigener Willkür 
richten; die Juden stehen unter dem Vogte des Markgrafen. 
Wenn ich nur wüßre, wo der Ritter Wedell weilt!" 
„Er ritt am frühen Morgen hinaus;" sprach der Büttel, 
„ich meine zum Johanniter-Komtur, nach der Röricke. Ihr 
trefft ihn wohl dort, denn er hatte keinen Knecht bei sich, als 
er zum Thore hinauszog; er ist also in der Nähe." 
Der Bürgermeister schickte sich an, die dicht vor den 
Thoren Königsbergs belegette Ansiedelung der Ordensbrüder 
St. Johannis aufzusuchen. „Unglückliche Stadt," so murmelte 
er, als er das Rathaus verließ, „in deren Mitte solch' ein 
Frevel geschehen! Unglücklich'Volk der Juden, welches dessen 
Folgen zu tragen haben wird!" Johann von Schildberg war 
ein milder Mann; aber die That war nicht zu bemänteln, 
und jede nachsichtige Beurteilung war ausgeschlossen. Klar 
stand es vor des Bürgermeisters Seele, was geschehen mußte. — 
Im Hause des Juden Jakobus von Tangermünde herrichte 
rüstige Geschäftigkeit. Ein hochgeehrter Gast war eingekehrt: 
der Rabbi Benaja. Er brachte die ersten zuverlässigen Nach 
richten der Dinge, welche in Berlin und Kölln geschehen waren. 
Der Rat der beiden Städte hatte sich mit der den Juden aus 
gelegten Schatzung von 350 Pfund begnügt und den Kindern 
Israels ferneren Schutz zugesagt. Auch Waldemar hatte, ehe 
er noch nach Frankfurt ging, den Juden Briefe gegeben. 
Wohl hatte demnach die Schatzung, durch welche den Juden 
Schutz geworden war, ihr Vermögen erheblich geschmälert; — 
von einer Sühne für die begangenen Frevel war überhaupt 
nicht die Rede gewesen; dennoch hatten die Bedrohten, nach 
dem sie wehklagend das Geld gezahlt, wenigstens Leib und 
Leben gerettet. 
„So war es unnötig, daß ich mein Volk verließ!" sprach 
Jakobus. „Ehrwürdiger Vater: oft hat es wie eine schwere 
Last auf meiner Seele gelegen, daß ich's gethan." 
„Du mußtest an die Deinen denken," enviderte Benaja, 
„und der Herr hat, wie Du selbst sagst, Dich auch in dieser 
Stadt gesegnet." 
„Deß sind wir fröhlich!" bestätigte Frau Debora. „Frieden 
erbatet: wir: Frieden, so hoffen wir, werden wir dauernd in 
diesen Mauen: finden. Doch sage, verehrungswürdiger Mann: 
was har Dich getrieben, den Wanderstab zu ergreifen und die 
Mühsal der weite:: Reise a:ff Dich zu nehme::?" 
„Im Traume", entgegnete Benaja feierlich, „sprach 
Adonai zn den: niedrigsten seiner Diener: ,Gürte Deine Lenden 
und ziehe denen nach, die Deine Seele liebt! Du sollst meine 
Ehre schauen auch im Lande gegen Osten? Da bin ich ge 
gangen, und getreulich hat der Höchste sein Wort gehalten: 
ich schaue die Ehre unsres Gottes. Er hat die Zerstreuten 
Zions gesammelt. Danken wir ihm und lobsingen wir seiner 
Herrlichkeit." 
„Und doch zagt meine Seele!" sprach Debora. „Ist nicht 
mein Sohn noch auf der Wanderschaft? Ist nicht der Ort des 
Blutvergießens sein Ziel? Da habe ich gebetet von Herzens 
grund aus, daß der Höchste ihn führe die Wege des Heils. 
Wir sind arm geworden durch die Junker von Berlin; aber 
ich habe die Hand nicht erinüden lassen, Wohlthaten zu spenden, 
seitdem mein Räuden wieder die Schuhe der Wanderschaft 
trägt. Meine Magd ist gegangen, Speise und Trank und 
einen Pfennig denen zn bringen, die Not leiden in dieser 
Stadt. Auch den Christen, welche uns drängen! Sagt, habe 
ich Recht gethan, ehnvürdiger Mann?" 
„Wohl dürften unsere Feinde, die Zerstörer unsrer Herr 
lichkeit und die unablässigen Peiniger Israels", erwiderte der 
Rabbi, „uns nicht schelten, wenn unser Herz gehärtet worden 
wäre in: Feuer der Trübsal. D'rum haben auch ehrwürdige 
Väter, deren Seele bei den: Gedüchnnsse der Leiden ihres 
Volkes erschauerte, Haß gegen die Christen gepredigt. Doch 
edler ist es, Debora, zu handeln, wie Du es gethan. Lasse: 
uns mit Redlichkeit und Treue werben um die Herzen der 
Christen. Vielleicht, daß die Liebe uns Frieden wirkt bei 
unsern Drängern. Oft will es mich gemahnen, als müßte 
dereinst eine Zeit kommen, da eine Sabbathsruhe hier auf 
Erden herrschte. Sagt der Prophet in seinen Gesichten nicht: 
,Die Wölfe werden wohnen bei den Lärnmern; die Pardel
        
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