Path:
Periodical volume 19. Mai 1889 Nr, 33

Full text: Der Bär Issue 15.1889

-8 411 S- 
Des großen deutschen Kaisers erster und 
schwerster Sieg. 
„Unter allen Mannestugenden des Schöpfers unsres neuen 
Deutschen Reiches, unsres großen Heldenkaisers Wilhelm I.," 
so sagt mit Recht R. von Szczepanski in einem Aufsätze der 
Zeitschrift „Daheim", „ist keine so hervorragend und für 
den Gang seines Lebens so bestimmend gewesen wie das 
Pflichtbewußtsein. Der unvergeßliche Tote beurteilte Großes 
und Kleines allein tiach dem Gesichtspunkte jener Pflichten, 
welche seine jeweilige Stellung ihm auferlegte; — wie die 
Pflicht es ihm vorschrieb, — so, — nur so handelte er in 
jedent Augenblicke seines in seltenem Maße ereignisreichen 
Lebens. Und eben das machte ihn unter allen Wechselfällen 
des Schicksals zum Herrn der Lage; eben das verlieh ihm 
den hohen Mut der Beharrlichkeit. Das Bewußtsein, seine 
Pflicht gethait zu haben, hielt ihn in Not und Drang auf 
recht, — nicht nur da, wo er sich verkannt sah, sondern auch 
da, wo er seine eigenen Anschauungen und Neigungen einem 
fremden Willen zum Opfer zu bringen hatte. Freilich, — 
nicht immer ist die Darbringiuig dieses Opfers 
dem großen Kaiser leicht geworden. Wil 
helm der Siegreiche hat nicht nur heiße 
Kämpfe nach außen hin zu bestehen gehabt, 
in welchett er die Einheit Deutschlands er 
streiten sollte: er hat nicht nur mit Ver 
kennung, ja sogar mit offenem Hasse zu 
ringen gehabt: nein, er hat auch manch 
einen schweren Kampf in dem eignen Innern 
durchkämpfen müssen, unb es ist ein hoher 
Ruhm, daß wir ihn atlch in bezug auf seine 
Seelenkämpfe „Wilhelm den Siegreichen" 
zu trennen vennögeir. Es ist, ivenn auch 
die Thatsachen selbst irr dem Bewußtseirr des 
Volkes nachrnals zurückgetreteir sind > doch 
niemals ein Geheimnis gewesen, daß Kaiser 
Wilhelm in seiner Jugend, dein Zuge seiires 
Herzens folgend, eine andere eheliche Ver- 
bindmig einzugehen gewünscht hat als die 
jenige, welche ihm nachmals zu so hohem Segen gemordet! 
ist. Man iveiß, daß der Prinz Wilhelm einst eine große und 
heilige Liebe zu einer Prinzessin des Hauses Radziwill gehegt 
har; man weiß, daß diese Liebe auch voll und ganz erwiedert 
tvorden ist; man weiß, daß die obwaltenden Umstände die Ver 
einigung dieser edlen, sich so innig entgegenschlagenden Herzen 
nicht gestatteten, und daß die Prinzessin Elise Radziwill in 
der Blüte ihrer Jahre itnvermählt gestorben ist; man weiß 
endlich, daß Kaiser Wilhelm ihrer niemals vergessen hat, so 
reiches Glück sein eheliches Leben ihm auch gespendet hat." 
Im Arbeitszimmer des Schlosses Babelsberg, neben dem 
Schreibtische des ehrwürdigen Monarchen, befand sich einst ein 
Etui: dasselbe enthielt das Bildnis der Prinzeß Elise Radziwill. 
Gleichwohl sind über diese ergreifendste Episode aus dem 
Leben des großen Kaisers so viele Unklarheiten verbreitet, daß 
wir es für angezeigt erachten, dieselbe einmal eingehend zu 
besprechen. Drei große, hehre Gestalten werden uns, rvie rvir 
hoffen, hierdurch auch menschlich näher gebracht werden: der 
ruhmumstrahlte, heldenhafte Kaiser, dessen Haupt so hell und 
hehr geleuchtet hat ob allem deutschen Volke, Prinzeß Elise, 
die früh gebrochene holde Blüte, und Kaiserin Augnsta, die 
von den Engeln des Erbarmens dem Vaterlande zugesandte 
Helferin, die ebenbürtige Genossin eines Herrschers ohne gleichen. 
Wir würden die nachfolgenden Thatsachen indessen nicht 
mitzuteilen vermögen, wenn uns von gütiger Hand nicht zwei 
Veröffentlichungen dargereicht worden wären, welche zu den 
hervorragendsten Erzeugnissen der zeitgenössischen Litteratur 
gehören. Es sind dies die Werke: „Der Engel von Ruh- 
berg. Ein Beitrag zur Jugendgeschichte Kaiser Wilhelms I. 
von vr. Oswald Baer. Breslau 1889. Verlag von Josef 
prinxost RadrrrviU 
Max u. Eo. (Max Tietzen)", — ein zierliches, mir erlesenem 
Geschmack ausgestattetes Büchlein, — und: „Unter den Hohen- 
zollern. Denkwürdigkeiten ans dem Leben des Generals 
Oldwig von Natzmer. Allen deutschen Patrioten gewidmet 
von Gneomar Ernst von Natzmer. 4 Teile, Gotha, Friedrich 
Andreas Perthes 1887—1889", — ein Werk, welches zu den 
wichtigsten Erscheinungen der geschichtlichen Publikation 
unsrer Tage gehört und welches wir unseren Lesern nicht 
angelegentlich genug empfehlen können. Wer die Männer 
des 19. Jahrhunderts, welche die Träger unserer Geschichte 
geworden sind, verstehen lernen will, kann 
die vier Bände Natznrers nicht wohl ent 
behren. Es ist von wahrhaft fesselndem 
Reize, diesen brieflichen Mitteilungen zu 
folgen, welche uns unsere berühmten Krieger, 
Diplomaten, Gelehrten und vornehmen 
Frauen in unmittelbarster Weise nach ihren 
Lebensanschauungen und ihren verschlungenen, 
wechselseitigen Beziehungen lebensvoll und 
ohne Hülle darstellen. 
Indes zu unserm Stoffe! -— 
Einer der Mittelpunkte des Berliner 
gesellschaftlichen Lebens im Anfange unsres 
Jahrhunderts — der Ausdruck „gesellschaft 
liches Leben" ist hier im edelsten Sinne des 
Wortes zu nehmen, — befand sich im 
Palaste Radziwill, dem nunmehrigen Wohn 
sitze des Fürsten-Reichskanzlers von Bismarck. 
In wahrhafter Vornehmheit allein Edlen 
begeistert zugewandt, waltete hier Fürst Anton Heinrich Radziwill 
mit seiner gleich hochsinnigen Gemahlin, der Prinzessin Luise von 
Preußen, als Pfleger und Hüter des Guten, Wahren, Schönen. 
Die berühmten Radziwills sind ein sehr altes litthauisches 
Fürstengeschlecht, welches in der Geschichte Polens nicht selten 
eine entscheidende Rolle gespielt hat. Mehrfach haben sich 
die Radziwill auch mit den Hohenzollern verschwägert. Fürst 
Janusz Radziwill, Kastellan zu Wilna, vermählte sich mit der 
Prinzessin Elisabeth Sophie, einer Tochter des Kurfürsten 
Johann Georg von Brandenburg, und die einzige Enkelin 
dieses Paares, die Prinzessin Charlotte Luise Radziwill, reichte 
dem Prinzen Ludwig von Brandenburg, dem zweiten Sohne 
des großen Kurfürsten ihre Hand. Jener oben erwähnte Fürst 
Anton Heinrich Radziwill, zweiter Sohn des Woiwoden 
Michael Hieronymus Radziwill von Wilna vermählte sich am 
17. März 1796, zwanzig Jahre alt, von der Universität 
Göttingen heimkehrend, mit der Prinzeß Luise, der Tochter 
des Prinzen Ferdinand von Preußen, des jüngsten Bruders 
Friedrich des Großen, und der Markgräfin Luise von Branden 
burg-Schwedt. (Fortsetzung folgt.)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.