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Periodical volume 19. Mai 1889 Nr, 33

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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In ©t. Marien befindet sich zunächst eine Tafel, in 
schwarzer Schrift auf Goldgrund ein Ehren-Gedächtnis der 
ersten Gattin des Bürgermeisters enthaltend. Sie hängt heut 
an der Nordwand des hohen Chores. Ihre Inschrift lauter: 
„Gott zu Ehren und zum stets währenden Andenken meiner, 
Bürgermeister Johann Tieffenbachs, herzliebsten Ehefrauen, 
Frau Euphrosinen Margarethen, Herrn Bürgermeister Benedikli 
Reichards ehelichen Tochter, meiner Liebsten, Erbfrauen auf 
Blanckenburg, welche den 14. September 1618 allhier geboren, 
den 24. Juni 1669 in Christo seelig entschlafen, mir in er 
wünschter Ehe durch 28 Jahr 6 Monath durch Gottes Segen 
8 Kinder gebracht, deren sie 6 lebendig hinter sich gelassen. 
Nachdem sie im Lause ihres Lebens und Ehestandes sich gegen 
Gotr demüthig, gegen ihren Ehemann getreu, gegen ihre Kinder 
exemplarisch, gegen jedermann friedlich und diensthaft, den 
Armen imd Bedrängten mitleidig und wohlthätig erwiesen, 
zu deren wohlverdienten Nachruhm und zur Bezeugung der 
im Leben und Tod beständigen, treuen Liebe ich dieses Denck- 
und Liebesmahl aufrichten wollen." Was dieser Tafel 
einen besonderen Wert verleiht, ist, daß unten bei den 
Familienwappen auf kleinen Kupferplättchen auch die 
Portraits des Bürgermeisters und seiner Eheliebsten an 
gebracht sind. Es sind dies ernste, schlicht bürgerliche Bilder; 
die Gatten tragen einfache, schwarze Tracht; Frau Euphrosine 
Margarethe aber ist mit einer feinen Battisthaube geschmückt. 
Die Züge beider sind mehr derb als fein geschnitten; auch 
der Bürgermeister Tieffenbach trägt das martialisch auf 
gestutzte „Trutz-Bärtlein" der Berufssoldaten in dem sonst so 
friedlichen Antlitz. Hinter dem Altare von St. Marien aber, 
im Chor-Umgange, hat auch die zweite Gattin des Bürger 
meisters Tieffenbach ihre Ruhestätte gefunden. Aus einem reich 
verzierten Grabsteine, welchen jedoch erst unseres wackeren 
Bekannten „Freundschaft" nach dem Tode seiner zweiten Ge 
mahlin hat aufrichten lassen, stehen die Worte: „Merke Leser — 
hier hat der Todt wieder vereiniget, was er dort schmerzlich 
getrennt. Drey Herzen ruhen in einer Gruft, die im Leben 
eines waren, nemlich Frau Margarethe Mieserin, Herrn Caspar 
Miesers, wohlverordneten Bürgermeisters allhier sei., und Frau 
Margarethe Dameroin, einet annoch lebenden, tugendbelobten 
Matrona, einzig gebliebene und herzlich geliebte Tochter, so 
gebohren in Berlin am 9. September anno 1639, mit ihrem 
ersten Eheherrn, Herrn Christian von der Linde, Churs. Brand. 
Land-Rentmeister fei., anno 1662, den 14. April, ehelich ver 
bunden, eine erfreuliche Mutter einiger wohlgerathener Töchter, 
aber durch Trennung eines friihzeitjgen Todes anno 1673 
den 26. Juni eine betrübte Witbe worden, und mit ihrem 
andern Eheherrn, Herrn Johann Tieffenbach, ältestem Bürger 
meister in Berlin, sich anno 1675, den 22. Juni, wiederum 
vereheliget, eine gesegnete Mutter zweier wohlgerathener Söhne, 
aber nachmals, anno 1682 den 13. April, durch dessen schmerz 
lichen Abschied in den betrübten Witben-Stand gesezet worden. 
Und nachdem sie fast fünf Jahr darinnen verharret, in gott 
seliger Gelassenheit, ist ihr der Anfang zuni Ende geworden 
und das Ende zum Anfange. Der erste Tag des 1687 sten 
Jahres war ihr letzter auf Erden, und dieser letzte Tag auf 
Erden war ihr erster Tag im Himmel. Da fing die Seele 
ein neues Jahr an, welches immer neu bleibet und nimmer 
veralten; denn die Ewigkeit weiß von keiner Zeit-Veränderung. 
Der indische Rest des Leibes schläfft in dieser Gruft, bis die 
starcke Jesus-Stimme ihn wieder herausrufet an dem Tag, 
nach welchem kein Tag mehr sein wird. D'rum gehe fort, 
Leser, und mache dich auch bereit auff diesen Tag." — 
Im Siegesglanze der Sonne von Fehrbellin feierte der 
Alt-Bürgermeister Tieffenbach also seine zweite Vermählung. 
Das Geschlecht derer „von der Linde" ist übrigens jene be- 
rühnite und vornehme Berliner Familie, an welche sich die 
schöne Sage von den drei Linden auf dem Kirchhofe „zum 
heiligen Geiste" anschließt. 
Von St. Marien begeben wir uns nunmehr nach St. 
Nikolai. Dort, über dem Straubischen Erbbegräbnisse, sah man 
einst neun runde Schilde, von welchen acht die schön geschnitzten 
und bemalten Wappen der Blankenfelde, der Straube, Reichardt 
und Tieffenbach trugen. In dem neunten aber standen in 
lateinischer Sprache die Worte: „Gern hab' ich, liebe Vor 
fahren, eure Grabmäler wiederherstellen lassen; gerne folge 
ich euch, ihr Trauten, wenn ihr ruft, einst von dieser Erde 
nach." Heut sind noch fünf dieser Schilde vorhanden; sie 
zeigen das bunte Sternenwappen der Blankenfelde, den Kranich 
der Straube, das Symbol der Wachsamkeit, die Linde der 
Reichardt, die Seerosen der Tieffenbach. Unter der Inschrift 
steht die schlichte Angabe: „Joannes Tieffenbach, consul 
Berolinensis, anno 1669". 
Der alte Bürgermeister aber hat endlich auch die Kloster 
kirche geschmückt. Hier ließ er, seinen berühmten Vorfahren 
aus dem Blankenfeldeschen Geschlechte zu Ehren, ein hohes 
Sandsteindenkmal aufrichten, dessen Mitte mit einem älteren 
Erzgusse, dem Wappen des Geschlechtes Blankenfelde, geschmückt 
ist. Und hier fließt der Bürgermeister Tieffenbach in seiner 
herzlichen Weise vom Lobe seiner Vorfahren allerdings ein 
wenig über; er erzählt, was das Bürgermeistergeschlecht der 
Blankenfelde Großes für Berlin gethan, wie es dann auch 
bei Hofe zu Ehren gelangt imd wie einer dieses Hauses end 
lich sogar zur erzbischöflichen Würde in Riga erhoben worden 
sei; er schließt auch hier wiederum mit den Worten: „Dahero 
ich, Bürgermeister Tieffenbach, der Witber, über die in der 
St. Marien- und Nikolai-Kirche ausgerichteten Ehrengedächtnisse, 
auch an diesem Orte beider Ober-Eltern und Vorfahrer gefundene 
Grabschriften, Meiner seeligen Liebsten werthes Angedencken, 
für Danckbarkeit, daß Gottes milde Hand, die Erhaltung der 
Nachkommen über das zehente Glidt gnädig verliehen, hiermit 
erneuern und beibehalten wollen. Anno Christi 1673 im 
5. Jahre seines Wittwerstandes. Joh. Tieffenbach." — 
Wie wir sahen, hinterließ der treffliche alte Herr aus 
seiner zweiten Ehe zwei Söhne: Johann Christian und 
Caspar Friedrich. Der letztere verstarb als evangelischer 
Domherr zu Minden, -— wohl unbeweibt: Johann Christtan 
aber wurde ein glücklicher Ehemann und geheimer Rat; 
er scheint ferner ein Beamter so recht nach dem Her-zen König 
Friedrich Wilhelms I. gewesen zu sein. Er wurde um 1725 
in den Adelstand erhoben und erhielt zu den alten bürger 
lichen Wappenzeichen der Tieffenbach, zu den Seerosen und 
den Rohrkolben, noch den preußischen und den brandenburgischen 
Adler hinzu, den roten und den schwarzen. Seine beiden 
Töchter Johanna Juliane und Marie Luise vermählten sich 
mit zwei braildenburgischen Edelleuten aus dem Hause derer 
von Rysselmann. In der Prieguitz und in der Neumark 
blüht die Nachkommenschaft dieser Tieffenbachschen Töchter 
auch heute noch fort.
        
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