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Volume 19. Mai 1889 Nr, 33

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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„So schreibe, — Kanzler! Wenn mir Gotl hilft und 
meine Waffen, so sollen's diese Lützelburger zahlen!" 
Schnell war die Urkunde angefertigt und untersiegelt. 
Mit einem Worte des Dankes reichte der Fürst dieselbe dem 
Sohne Jakobs voir Tangermünde hin. „Die Pfaffen tmb die 
Laien in der Christenheit," sprach Ludivig, „haben mich ver 
lassen. Ein Gebannter, stehe ich außerhalb des Friedens; 
verflucht hat die Kirche mein Thtin, mein Ringet: und tnein 
Streben! Verpestet soll mein Atenr sein, und ein Gericht 
Gottes mein Tod! Wer aber hilft mir? Die Gebannten sind 
es und die Juden! Welch' trauriges Geschick! Euch aber, 
»teilte Getreuen, soll unvergessen sein, was Ihr an mir in 
unheilvollster Zeit gethan. Gott Lob! Die Treue ist doch noch 
nicht verschwunden an der Elbe und Oder. Und wenn eine 
glücklichere Zeit die Nameit derer nennt, die fest geblieben 
sind trotz all' des Wetters, welches Veriiichtung drohend über 
vem Stamme der von Wittelsbach dahingezogen ist, dann soll 
inan auch Deiiter nicht vergesset!, Konrad Rpke, der Du Deine 
Habe mir opferst; — dann soll man auch des treuen 
Jakobus gedenken, der ein Jude von Tangerinünde war und 
seinem Markgrafen Hilfe sandte in der Stunde höchster Not!" 
Konrad Ryke führte Räuden von der Herberge des Mark 
grafen nach der engen Gasse an der Oder hin, welche den 
Juden von Frankfurt als Aufenthaltsort zugewiesen war, und 
in deren Nähe die Knechte des Bürgermeisters von Königsberg 
sich eine Herberge gesucht hatten. Sie schritten über den 
dunklen Marktplatz der Stadt. ■— „Ihr berichtetet mir noch 
nichts von Eurer heldenmütigen Schwester," sprach Konrad 
ilchke, „welche so mannhaft den Dolch gegen die eigene Brust 
gezückt hat, als ein unwürdig Los ihr drohte." 
„Herr," sprach der Jude; „nur mit Wehmut venuag ich 
den Blick auf meine Schwester zu richten. Oft will's mir 
scheinen, als ob sie nur ein Gast auf Erden sei. Eine diistere 
Prophezeiung, die einst eine Wahrsagerin aussprach, schwebt 
über ihrem Haupte. Gold, also lautete das Wort, müsse 
durch Feuer geläutert werden. Wohl faßten wir den Wahl 
spruch, welchen die Seherin einst dem Kinde mitgab, so auf, 
daß auch ihr ein schwerer Lebensweg beschieden sein werde, 
>vie all den Kindern Judas, welchen Gott die Last der Pilger 
schaft durch die Fremde auferlegt hat. Wenn wir indeß auf 
sie in ihrer Reinheit, ihrem hohen Sinne schauen, so fragen 
wir uns wohl, was noch an ihr zu läutern und zu reinigen 
sei. Ist sie nicht schon eine Heilige Gottes? Nichts Unreines 
ward je an Judith erfunden. Giebt sie nicht Almosen, gütig 
und mild, wie nur ein Weib auf Erden? Hat sie nur einen 
Gedanken gehabt an die Lust dieser Welt, an das, ivas alle lockt 
und allen begehrlich erscheint: den irdischen Besitz? Deshalb 
meinen wir, das Wort müsse wohl einen tieferen Sinn besitzen: sie 
sei ausersehen zu einer höheren Krone, zu einer Märtyrerin 
ihres Volkes. O, Herr, Ihr seid freundlich und mild, Ihr 
werdet es verstehen, wärmn unsere Herzen jetzt zagen und 
dangen! Welch' entsetzliche Thaten hab' ich nicht in der 
Liadt Salzwedel geschaut! Und haben nicht auch am Rheine den 
Zeugen unseres Gottes die Scheiterhaufen geflamntt? Sind 
nicht tausende von uns durch des Feuers Flammenqual zu 
den ewigen Sitzen der Väter unseres Volkes entporgehoben 
worden? Darum, o Herr, noch eine Bitte! Wäret Ihr doch 
ichon einmal der rettende Engel unseres Hauses! Erwirket 
vom Markgrafen einen Schutzbrief für Jakobus vou Tanger 
münde und sein Haus. Ich will das Gold nicht sparen. 
Nur, daß ich sie sicher weiß, die Geliebten, an welchen meine 
Seele hängt." 
Mit bekloutmenein Herzen hatte Konrad Rt)ke die Worte 
Rsubens vernoinmen. „Das Gold umß durch's Feuer ge 
läutert werden!" Stinnnten die Worte nicht ivttnderbar über 
ein mit einem Traunie, welchen er die letzte Nacht gehabt? 
Er hatte sich im Freien gesehen. In der Ferne stieg schwarzer 
Rauch auf. Da spornte er das Roß, was er nur konnte. Er 
glaubte die hilfefleheude Stimme der Jüdin zu vernehmen; — 
wie ein Pfeil flog sein Renner dahin. Und jetzt war er am 
Ziele; jetzt sah er die Jungfrau auf dem Holzstoße stehen. 
Die Flammen umwirbelten sie. „Konrad, Konrad!" rief sie 
mit beinah erstickter Stimme. Er ivollte das Roß antreiben, 
um zu dein Holzstoß zu sprengen; aber das Pferd scheute vor 
dem Feuer und dem Rauche; es stand wie angeivurzelt. 
„Konrad! rief sie wieder. Er wollte vom Pferde springen, 
aber er vermochte es nicht; er war mit magischer Gewalt au 
den Sattel gefesselt. Da sank das schöne, bleiche Haupt der 
Jüdin auf ihre Brust, auf ivelcher die alte Wunde sich von 
iteuent öffnete und einen Blutstrom in das Feuer ergoß, daß 
es zischte und dainpfte. Mit einem lauten Ruse war er er 
wacht. AIs Räuden bei ihm erschien, war der Traum ihm 
wieder vor die Seele getreten. Darf aber ein Krieger durch 
Träuiue von seiner Pflicht sich abhalten lassen? Dürfen un 
heimliche Gedanken hinter der Stirn iveilen, unter welcher 
das Auge frei und kühn aus Tod und Verderben hinausblicken 
muß? Deshalb hatte er seinen Gedanken gewehrt, und die 
Befürchtung, welche einen Augenblick sich seiner Gemeistert 
hatte, niedergekämpft. Wie jetzt aber Räuden von der 
Weissagung erzählte, welche dem unglücklichen Mädchen zu teil 
geworden war, erfaßte ihn Seelenangst. Der Jude aber stand 
vor der Thür seiner Herberge; sie waren am Ziele. Konrad 
Ryke sagte ihm: „Gehe hinein und erwarte mich noch heilte. 
Ich eile zuni Markgrafen und hole die Briefe. Und dann, 
Mann, ich bitte Dich, ich flehe Dich an: nach Königsberg. 
Reite, als ob der Tod auf windschnellem Rosse Dich verfolgte; 
reite mit Deinem Briefe! Frage nach keinem Grunde, nur 
reite, reite. Laß Deine Knechte zurück!" 
Erstaunt blickte der Jude auf Konrad Ryke, doch der 
Patrizier hatte sich bereits von ihm gewendet und schritt jener 
Richtung zu, in welcher das Haus des Goldschmieds Bruno 
von Frankfurt lag. — 
VI. 
„Unseliger, wo ist die konsekrierte Hostie, welche ich Dir 
gestern übergeben habe? Das Ciborium ist leer. Um aller 
Heiligen willen, wo ist das Sakrament?" 
Es war an dem Morgen des Tages, an welchen! Räuden 
abgezogen war, als in der St. Marienkirche der neumärkischen 
Stadt Königsberg ein Geistlicher in höchster Bestürzung diese 
Fragen dem Sakristane des Gotteshauses vorlegte. Der aber 
lehnte sich wie vernichtet an das Schnitzwerk eines Beichtstuhls. 
Es war ein alter, weißköpfiger Mann, der wohl an fünfzig 
Jahre seinen Dienst getreil verrichtet hatte. „Hochwürdigster, — 
ich kann's mir nicht erklären!" stotterte er, und die hohen 
Säulen, die geschnitzten und gemalten Heiligen, die bttnten 
Scheiben der Fenster, der Altar, — das alles schien vor ihm 
zu tanzen. (Fortsetzung folgt.)
	        
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