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Periodical volume 20. October 1888 Nr, 3

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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zu seinem Grundstücke einzeichnen läßt; — erfreulicher noch, daß 
der „Verein für die Geschichte Berlins" den großen Männern der 
städtischen Vergangenheit an ihren Wohnsitzen seine schönen Marmor- 
tafeln stiftet. Auf diesem Wege sind wir — Gott Lob! — nun 
mehr dahin gelangt, doch wenigstens einige „redende Häuser" zu 
besitzen, welche in bedeutsam-monumentaler Weise Zeugniß geben 
von dem Walten und Wirken der Altvordern. Nehmen wir die 
„französische Kanonenkugel" in der Prenzlauerstraße, — einige 
Herbergszcichen, einige Wirthshausschilder, z. B. die bekannte 
„Rippe" am Molkenmarkte und einige Wappenschilder hinzu, so 
haben wir wohl Alles beisammen, was den Häusern von Berlin 
noch heute eine Sprache nach außen hin verleiht. 
Das ist freilich nur bitter wenig. Um so nothwendiger er 
scheint es uns, in diesen, der Geschichte unserer guten und großen 
Stadt gewidmeten Blättern einmal zusammenzustellen, was in ge 
schriebenen und gedruckten Nachrichten uns von altberliner Haus- 
inschriften, Wahrzeichen u. s. w. erhalten geblieben ist. 
Es sind zunächst die „blemoiabilia Berolinensia“ des wackeren 
Pastors Jakob Schmidt vom „heiligen Geiste", — „an's Licht 
gegeben 1729 aus Liebe zum Vaterlande und zum Ruhme der 
Königlichen Preußischen, Marggräflichen und Churfürstlichen Residentz 
und Veste Berlin", welche hier in Betracht kommen. Trotz aller 
Seltsamkeiten seines Geschmackes besaß der alte Pastor Schmidt 
doch einen wahrhaft historischen und monumentalen Sinn; er hat I 
mit Fleiße darum Alles aufgezeichnet, was ihm noch erreichbar 
war. Da die „Memorabilia“ äußerst selten geworden sind, excer- 
pircn ivir sie hier bezüglich unseres Zweckes. — 
„Wer hat die Grund-Stcin-Jnscriptiones gesehen und abge 
schrieben'^" — Also fragt der gute, alte Pastor. Er beantwortet 
sich seine Frage dann selber: „Niemand! Also wird man sic auch 
niemals wiedersehen!" und er fügt noch hinzu: „Auch etliche Häuser 
hatten ihre alten Jnscriptiones; — bei Meliorirung derselben aber 
sind sie erloschen." Was er selber noch gesehen hat, trägt er daher 
mit aller Sorgfalt nach. So bringt er z. B. die Inschrift des 
Hauses eines Rcfugie's an der „Neuen Stechbahn": 
„O, quu l’homme est prudent (et) sage, qui se eonsie au Dieu!“ 
Das „au Dieu“ ist wohl nur ein grammatikalischer Schnitzer des 
alten Herrn. Eine ernste Sprache aber redet die Inschrift des 
Prediger-Wittwen-Hauses von St. Nikolai und St. Marien am ! 
„Neuen Markte". Dieselbe lautet: 
„Geistlicher Wittwen beyder Pfarren und des Hospitales zu j 
Berlin verwilligtes Frey-Haus. Hütet euch, Wittwen und Weysen ! 
zu beleidigen; denn sie haben Gott zum Richter und den Aller 
höchsten zum Pater, welcher ihren (sie) Wohlthätern reichlich be 
lohnen, ihren Verfolgern ernstlich bestraffen wird." — 
War es schon damals „berlinisch", zu sagen: „Ick belohne 
Dir un ick bestraffe Dir?" — Viel Kopfzerbrechen macht Herrn 
Schmidt demnächst ein Freihaus-Wahrzeichen in der Spandauer- 
straßc. Dasselbe bestand aus einem grünen Baume, „an deffen 
Stamnie auf der einen Seite ein Bär, aus der andern ein Löwe 
aufgerichtet standen, als wenn sie zusammen stritten" . . Pastor 
Schmidt behauptet, daß das also bezeichnete Haus vordem der 
Stadtkellcr gewesen, was indeß entschieden eine irrthümliche Angabe 
ist; denn der Stadtkeller befand sich stets in dem Rathhause selbst. 
Er meint ferner, dieses Wahrzeichen beziehe sich wohl auf die Kämpfe 
des Bären Albrecht mit dem Löwen Heinrich. Von der Existenz 
des großen Welfen hatte indeß der Berliner Spießbürger eben so 
wenig eine Ahnung wie noch heute. Uns scheint dies Gasthofs 
schild anders gedeutet werden zu müffen. Der Bär ist Symbol 
des Nordens und der Löwe Sinnbild des Südens; die grüne 
Linde aber ist der schattende Baum des Wirthshauses selbst; der 
Sinn des Zeichens ist also der: 
„Hier findet sich in gutem Frieden alle Welt zusammen." — 
Recht wichtig und oft übersehen ist fcmer jenes Wappen vom 
j St. Jürgenthorc — das letztere stand dort, wo heute sich die 
Neue Friedrichsstraße mit der Königssttaße kreuzt, welches Schmidt 
also beschreibt: 
„Der älteste Bär, so in Berlin zu sehen, mag wohl derjenichte 
sein, der auf den St. Jürgen oder jetzt so benannten Königs-Thore 
j stehet, mit den beyden Fordcr-Tatschen, gleich wie Er, von Eisen, 
eine eiserne Pique haltend. Er hat ein Loch in der Mitte; — ob 
cs vom Alterthume oder von einem Schuß herrühre, kan ich nicht 
sagen." — Die Darstellung des Berliner Bärs als eines ge 
panzerten und gcwaffncten Thieres erinnert übrigens lebhaft an 
die „Schildhaltcr" des Wappens der streitbaren Stadt Bern. 
Dietrich von Bern (Verona) führt gleichfalls den Bären im 
Wappen. Bekannt ist ferner, daß es auch einen „feucht-fröhlichen" 
Ort in dem alten Berlin gab, dessen Schild den Bären trug. Es 
war der Weinkeller im Hause des Dr. med. von Gerresheim, eines 
um unsere Stadt überaus verdienten Arztes, dessen schönes Monument 
sich auf der Nvrdseite des hohen Chores von St. Nikolai befindet. 
Der Herr von Gerresheim führte selbst ein springendes Reh als 
Wappcnzcichen in seinem Siegel; der Küfer in seinem Hause in 
der Spandauerstraße aber hatte einen schwarzen Bären zum glück 
bringenden Symbole sich erkoren. 
Wie wir durch unsern ehrwürdigen Herrn Gewährsmann des 
Weiteren erfahren, befand fick) in der Sttalauer Kirche ehedem eine 
Glasmalerei aus dem Jahre 1630: eine Wappenscheibe, welche die 
Inschrift trug: 
„Valentin Ncumeister, Rathsverwandter und Gastwirth in 
Berlin zum sck)wartzcn Bären." 
Die Scheibe ist selbstverständlich zu Grunde gegangen; indessen 
ist cs uns gelungen, auf einem Zorn'schen Grabsteine in St. Nikolai 
das Neumeistcr'schc Wappen wieder aufzufinden. Auf dem Helme 
desselben befindet sich ein halbes, springendes Einhorn von goldener 
Farbe; der Schild ist blau und wird durch einen goldenen Schräg 
balken von links nach rechts überdeckt, auf welchem drei rothe 
Rosen sich befinden. Im oberen Eck prangt ein halber, 
sechsstrahliger goldener Stern, — im unteren lodern sieben 
Feuerfunken. 
Von edler Mildthätigkeit und echter Bürgertugend erzählt in 
beredter Sprache uns sodann die Inschrift des alten Kornmesserschen 
Waisenhauses in der Klosterstraße. Nach Schmidt's Angabe lautete 
dieselbe: 
„GOTT zu Ehren, 
Verlassenen Waysen zum Trost, 
Rechtschaffenen Christen zur Aufmunterung und Nachfolge, 
Hat dieses Waysen-Hauß willig gestifftet 
Frau MARIA PEDY, 
Herrn Joachim Friedrich Kornmessers, König!. Preuß. Hof Raths 
und Bürgermeisters allhicr, gewesene Ehegattin und nachgelaffene 
Wittbe im Jahre Christi 
MDCCXX. 
Liebster Leser, bitte Gott, daß er dergleichen Wohlthäter erwecke, 
und tritt selbsten in die Fußstapffen derjenigen, die so löblich 
vorangegangen." — 
Aus der benachbarten Stralaucr Straße weiß Schmidt sodann 
drei merkwürdige Haus-Inschriften anzuführen. Die erste derselben 
lautet: 
„Deus omnia bene fecit“; 
sie bildet also das Präteritum zu Rodigast's: „Was Gott thut, 
das ist wohl gethan!"; — die zweite aber sagt den lieben Nachbarn 
nicht eben eine Schmeichelei, indem sie dem folgenden, übrigens 
durchaus wohlbegründeten Bedenken Ausdruck verleiht: 
„Es wird meyner Seelen bange zu wohnen bey denen, die 
den Frieden Haffen"; — die dritte endlich ist in lateinischer Sprache 
abgefaßt; — wir übersetzen sie sogleich: 
„Bald, lieber Leser, wird's um dich geschehen sein; siehe also
        
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