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Periodical volume 12. Mai 1889 Nr, 32

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Neumark, das Land „über der Oder", erreicht, in welchem 
Markgraf Ludwig, der menschlich denkende und gerechte Wittels 
bacher, noch allgemein anerkannt herrschte, und die. hin 
gebungsvolle Treue der Mannen tind Städte sich durch die 
Künste eines Gaukelspieles ohne gleichen nicht berücken ließ. 
Starke und edle Männer, die Uchtenhagen, Wedell, Mörner, 
Die Schlieben, Wülsten, Lossow, Strauß, und hochgesinnte 
Bürger hielten hier mit Begeisterung das bayrische Banner 
hoch, welches als Zeichen des Ghibellinentums zugleich das 
Sinnbild deutscher Geistesfreiheit und des erbitterten Kampfes 
gegen die römische Anmaßung geworden mar. — 
Der Abetid des zweiten Tages ttach der Flucht der 
Juden brach herein, goldig, friedlich, dein Müden süße Rithe 
verheißend. Da hielt der Karren Jakobs von Tangermüitde 
vor der wehrhaften Stadl Königsberg in der Nenmark. Ur 
alte Linden beschatteten den Platz vor den Ringmauern; hoch 
über die breiten Kronen erhob sich der massige Schwedter 
Thorturm mit seinen reich geschmückten Zinnen und feinen be 
wimpelten Erkertürmlein. „Woher des Weges?" fragte 
barsch und mürrisch der Thorschreiber. — „Arme Juden vom 
alten Berlin — vertrieben, geplündert, vernichtet!" erwiderte 
Jakobus. — „Die armen Juden können mir hier nicht 
brauchen," erwiderte der Mann; „doch so Du das Zollgeld 
und den Schutzzins erlegst, soll's Dir unbenommen sein, zu 
Hausen in dieser festen Stadl!" Seufzend zog der Jude den 
Säckel. AIs er zählte, zogen zu Rosse zwei Reiter in ritter 
licher Kleidung vorbei. „Glück aus, Herr Hasto von Wedell," 
redete der jüngere den älteren an, einen hohen, düster 
blickenden Mann mit wallendem roten Barte; „der Tauben 
schlag füllt sich! Herr Ludwig hat kluge Ratgeber. Hatte 
nicht auch der Fuchs einst das kleine Getier eingeladen, ihn 
in seiner Höhle zu besuchen?" — „Nein, Bethke von der Osten, 
es war der kranke Löwe." — „Wie jetzt bei uns! — Auch der 
Löwe von Wittelsbach liegt krank in seiner Höhle." — „Hollah, 
Jude, fahr' zu!" rief der Thorschreiber. „Bei den Augustinern, 
am Ende der Stadt, venveilen Deine Brüder." 
V. 
Seit der Entweichung Jakobs von Tangermünde aus 
Berlin waren etwa drei Wochen verflossen. Unfern der Stadt 
mauer von Königsberg, beschattet von dem prächtigen Giebel 
des Augustinerklosters, in dessen Türmlein eine berühmte, wie 
Silber klingende Glocke hing, stand ein ärmliches Haus, in 
welchem die Attsgewiesenen eine Zuflucht gesmtden hatten. 
In einem Kämmerlein, welches nach dem engen Hofe zu be 
legen war, hatte Jakobus seine Familie gesammelt; er hatte 
mit ihnen die Oktave des Laubhüttenfestes gefeiert. An 
Jenstern und Thürpfosten hingen dunkelgrüne Eichenreiser; 
auf deut Tische fehlte funkelnder Wein nicht, nitd ant Boden 
standen die steinernen Krüge, ans welchen nach der Weise des 
Festes Wasser über den Estrich gegossen wurde, um sinnbild 
lich die Reinigung des Herzens und des Hauses, sowie die Fülle 
der Gnaden Jehovas darzustellen. 
Eine tiefe, wenngleich wehmütige Freude durchgeistigte 
das Antlitz Jakobs, als er nach dem Mahle den Becher nahm, 
über demselben betete und ihn dann an seine Lippen führte. 
„Wohl dursten wir," sprach er, „in jener Stunde, da wir auf 
der mondbeleuchteten Haide bei Berlin die Wanderschaft an- 
lraten, das Wort des treuen Dieners Abrahams wiederholen: 
,Der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben!' Wie seine 
Hand einst Elieser geführt bat, so auch uns. Wohl schien 
mir's, da ich floh, eilt Unrecht zti sein, daß ich mich dem dro 
henden Schicksale meines Volkes einzog; ist aber nicht wunder 
bar und ostenkundig Gottes Segen mir zu teil geworden? 
Wie konnt' ich wissen, daß ich hier in der Stadt finden würde 
als reichen Mann den armen Harttvich von Landsberg, der 
mir einst schuldig geblieben war über 4000 Gulden! Wie, daß 
er wieder erstatten würde das Geld mit dem Zinse 
und Zinseszins? — Nein, nicht habe ich Unrecht begangen, da 
ich mich rettete und Eltch! Lasset itns beten für die alten 
Freunde, die Gläubigen zu Berlin und Kölln, welche der Rar 
der gottlosen Städte geschätzt hat bis aufs Blut. Die Zeit 
der Rache tvird kommen!" 
„Mein teurer Vater," nahm Judith, deren Körper 
zwar geheilt war, über der indessen seil ihrer verzweiflungs- 
vollen That Schwermnt schwebte, jetzt das Wort, „sprechet 
nicht von Rache. Gedenket des heiligen Wortes, das uns die 
Rachsucht verbietet! Gedenket auch daran, daß die tosenden 
Wellen der Brandiliig die zürnenden Häupter noch einmal 
erheben können bis zum Scheitel des Felsens, aus welchen 
wir uns gerettet haben. Frohlocket noch nicht! Nimmer preise 
sein Schicksal, wer noch nicht eingegangen zu dein Volke 
Gottes." 
Da funkelte es in den Augen Jakobs. „Ich war ein 
stiller, gottergebener Mann," so sprach er; „ich hatte auch 
betten vergeben, die mich vertrieben aus Tangermünde; ich 
hatte vergessen, was sie den Vätern einst llebles gethan! In 
jenem Augenblick aber, da sie Dich fortrissen von meinem 
Herzen, da Du den Stahl bärgest in Deiner Brust, that ich 
den Schwur der Rache!" 
„Vergieb ihnen um dessen willen, der uns gerettet hat!" 
mahnte die Jungfrau. 
„Wohnt sein Bild so tief in Deinem Herzen?" erwiderte 
höhnisch der Vater. 
„Was hülfe es der verachteten Tochter Judas," entgeg- 
nete das Mädchen, „weint sie in Liebe gedächte des ritterlichen 
Mannes?" 
„Betrübe das greise Haupt Deines Vaters nicht!" sprach 
Jakobus. „Ich habe ihm Gold gesandt für seinen Schutz, — 
Gold übergenug! Auch Konrad Ryke verachtet uns; verbanne 
ihn aus Deiner Seele!" 
„Eh' werde meiner Rechten vergessen!" rief Judith. 
„Doch fürchte nichts, mein Vater; ich bin Deine Tochter. 
Was meiner harrt, weiß ich gewiß; für ihn aber stehe ich 
täglich zum König der himmlischen Schaaren." Sie erhob 
sich und verließ das Gemach. Jakobus ließ ohne Erwiderung 
sie forteilet!; ein bittender Blick aus deut Auge Deboras hatte 
ihn getroffen. 
„So höre Du, Rsuben mein Sohn," fuhr Jakobus jetzt fort, 
„was ich Dir aufzutragen habe. Tie Tage der Hütten sind 
vorüber. Morgen sattelst Du ein Roß und reitest nach Frank 
furt. Was soll das Geld, welches mir Hartwich von Lands 
berg gezahlt hat, hier in meinem Hause? Ei» Mittel der 
Rache soll es werden in den Händen Markgraf Ludwigs! Er 
wird, — er muß seine Feinde überwinden. Die feste Stadt 
Frankfurt wird mit Nichten fallen! Aufbrechen wird er von 
dort, seine Feinde zu züchtigen wie ein grimmer Löwe. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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