Path:
Volume 05. Mai 1889 Nr, 31

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

380 
IV. 
Die Herren mochten enva ein Stündlein beim Weine ge 
sessen haben. Lanier und lauter ward das Getümmel in den 
engen Gewölben des Ratskellers; — mit zufriedenem Blicke 
überschaute der Herr von Büch das Gewühl. Da tauchte 
in demselben plötzlich die ehrwürdige Gestalt eines Franzis 
kaners auf, dessen dunkles Auge mit flammender Entrüstung 
auf die Zechenden und Lärmenden uiederschaute. Man wußte 
nicht, oder vielmehr: man hatte es nicht bemerkt, wie Bernhard, 
der Guardian des graiten Klosters, plötzlich mitten in den 
Taumel des Gelages hineingetreten war; aber es ward still 
für einen Augenblick, und wen sein Auge traf, errötete. 
„Das also," sprach der noch jugendliche Mönch im Tone tiefen 
Schmerzes, „das also ist die Buße, zu welcher die Glocken 
das Volk von Berlin allstündlich auffordern! Beim heiligen 
Gott, entsetzliche Tage sind uns gekommeit! Bütten unter den 
Heimsuchungen des Himmels mordet und brennet Ihr, und 
kaum, daß Ihr deut Betrüger die Thore geöffnet habt, so 
sinnet Ihr schon aus neue verderbliche That! Wo ist der edle 
Geist der Vorfahren, wo ihre Treue uitd Redlichkeit, tvo ihr 
Fleiß und ihre Mäßigkeit? Hat denn die Macht der Finsternis 
den geraden, biedern und gottesfürchtigen Sinn des Volkes 
von Berlin völlig umnachtet? Um Euch gähnt der Abgrund; 
taumelnd wie die Irrsinnigen wandelt Ihr ihm zu! Blutschuld 
und Meineid liegt auf den Männern von Berlin!" 
Wohl tönte dem Franziskaner ein grollendes Murren 
entgegeit. „Ja, Blutschuld und Meineid, entfesseltes, ver 
blendetes, unseliges Volk! Und wenn sie schweigen dazu, die 
hochwürdigen Herren von St. Nikolai und St. Peter drüben 
in Kölln in ihren goldgestickten Kasein, — ich will reden, 
ein Prophet im härenen Geivande! Ihr erschlüget die Kinder 
des verstoßenen Volkes Gottes und plündertet ihre Hütten. 
Wehe, Ihr Verblendeten: ist das christliche Liebe, wie der 
Erlöser sie verlangt, welcher sterbend für die Unseligen vom 
Hause Judas gebetet hat, die ihn ans Kreuz geschlagen? Ihr 
seid bereit, inorgen jenem Manne zti schwören, den die Priester 
in Rom aufgestellt haben, ein Trugbild der Hölle, gegen den 
rechten Herrn dieses Landes! Ihr richtetet Bürger, die ihrem 
Fürsten die Treue hielten bis in den Tod! Zum Himmel 
schreit das Blut der Inden, Heinrich Hemmerers und Küpkins 
von Rhode. Und Ihr, Ihr sitzet beim Weine! Unselige, — 
ich flehe Euch an, kehret um von Euren Wegen! O, daß ich 
meine Stimme wandeln könnte! öln die Altäre Gottes! 
Nieder in Sack und Asche! Lasset nicht ab zu beten, denn 
die Heiligen ivenden sich jetzt noch mit Abscheu von Euren 
blutbefleckten Händen! Hinaus mit dem falschen Manne aus 
Euren Mauern! Das Volk von Berlin soll keinen Anteil 
haben an dem ungeheuren Betrüge!" 
In tiefer Bewegung sprach es der Mönch. 
Da erhob sich Otto von Buch. „Es ist genug, ehrwür 
diger Brüder Bernhard!" sprach er mit zorniger Stimme. „Im 
Ratskeller waltet der Friede des Rares. Ihr bracher ihn be 
reits, da Ihr den Markgrafen lästertet. Im Namen des 
Rates, — hinweg! Oder es schützt Euch auch nicht mehr 
Euer geistliches Gewand!" 
„Ich gehe!" sprach der Franziskaner. „Ihr habt meiste 
Worte gehört. Beherziget sie! Ich weiß, Ihr sinnet auf neue 
Gewaltthat. Wenn meine Rede Elich nicht bewegt, so begehet 
in die Turmhalle von St. Marien. Da schauet Ihr de» 
unheimlichen Reigen des Todes. Erkennet in dem traurige» 
Zuge der Sterbenden Euer eigenes Bildnis. Ungesehen steht der 
Bote Gottes Euch schon zur Seile. Er rnnkl mir Dir aus einer» 
Becher; er hält Dich am Mantel, er hat in Deinem Hause 
soeben an die Thür geklopft. Auf also zu Werken der 
Buße! Wählet, Ihr Männer, — jetzt ist es noch Zeit, — i» 
der nächsten Stunde vielleicht nicht mehr: Herzensumkehr oder 
Untergang!" — 
Der Franziskaner schritt von dannen. Es waren doch 
viele von den Bürgern bleich und still geworden. Otto von 
Buch aber ivinkte seinen Genossen: „Sie werden oben meiner 
ivarten. Begleiter mich, den Pakt endgültig festzusetzen!" 
Im Saale des Rathauses, um dessen gedrungene Ge- 
ivölbepfeiler bereits die Schatteir der Dämmerung ivebie», 
standen die Häupter der jüdischen Gerneinde von Berlin; 
gebrechliche Greise in schwarzseidenen Kaftanen, auf der Brust 
ein rundes Schildlein von gelbem Leder und den spitzen gelbe» 
Hur in der Hand. Es ivaren ihrer sechs geladen worden, — 
die reichster: und angesehensten: Benjamin von Stettin, Mendel 
von Spandau, Moses vor: Prenzlau, Markus von Wittstock, 
Baruch von Leipzig und Jakobus von Taügermünde. In 
befehlendem Tone trug ihnen Otto von Buch den Wunsch des 
Rates vor, 350 Pfund Brandenburgischer Silberpfennige und 
50 Mark feinen Silbers von ihnen zu entleihen.*) Erschrocken 
blickten sie sich an; — auf eine Summe von dieser Höhe 
waren sie doch nicht gefaßt gewesen. 
„Wir können's nicht, edler Herr!" sprach endlich Jakobus 
von Tangermünde. 
Otto von Buch lachte: „Das Wort hättet Ihr spare» 
können! Ich wußte, daß es also kommen würde. Aber bei 
meinem Barte, ich treibe keinen Scherz. Morgen Mittag muß 
das Geld zur Stelle seilt!" 
„Es ist unmöglich, Herr!" rief Jakobus noch einmal. 
„Ihr rvißt, ich schickte mein Silber zu Euch in die Münze; 
hier ist mein Schein, daß ich's Euch ablieferte." 
„Sicherlich nicht alles, Jakobus!" entgegnele der Patrizier. 
„Auch ist von Dir allein nicht die Rede; Ihr sollt zusammen 
schießen." 
„Bei meiner Mutter Andenken," ries Markus von Witr- 
stock, „wir haben's nicht; die gnädigen Herrn vom Rate habe» 
uns in letzter Zeit zu oft die Ehre erzeigt, unsere Hilfe 
nachzusuchen." ' 
„Ein deutliches Zeichen dafür, daß alles Silber in Euren 
Kassen ist!" entgegnere unerschütterlich der Herr von Buch. 
„Und was verpfändet die Stadt uns dafür, so wir, was 
leider nicht der Fall sein wird, das Geld Euch schaffen, Herr?" 
fragte ein Jude von Stettin. 
„Sie verpfändet ihre Ehre und giebt Euch eine Urkunde 
darüber, Euch zu schützen aus fernere fünfzehn Jahr." — 
Das war denn doch zu viel. Eine Schatzung also war», 
keine Anleihe, kein Geschäft! Wehklagend riefen einzelne der 
jüdischen Häupter die Gnade des Himmels und des gestrengen 
Herrn von Buch an; vergebens; der Patrizier blieb wie ein 
Stein so hart. 
Ta trat Moses von Prenzlau vor, ein Greis, aus seinen 
Stab sich stützend, die Züge totenbleich vor innerer Erregung, 
*) Nach heutigem Geldwerte etwa 328 000 Mark.
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.