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Periodical volume 05. Mai 1889 Nr, 31

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Unter ZHittnirfuiig 
Dr. R- Kerrrrguiev, F. Srrdrstcs, Thoodm- Font-rno, Stadlrat G. Friedet, 
Gymnasialdirektor Dr. M. Kelywariy und Ernst r»nn Mridendrnrtt 
berausgeaebcn von 
Esircrr Sriiwedei, Kerlin. 
XV. ij Lrfcheim wöchentlich am Sonnabend und hl direkt von der Geschäftsstelle (Berlin X., Schönhauser AÜH — 
Zahrgang. Ij Lernsprcchstcllc Dia, 8^60), sowie durch alle Postanstalten (No. 6%), Buchhandlungen und Zeitungsspeditionen für 
M 31. i| 2 ITTf. 50 ßfn. vierteljährlich zu beziehen. 
Unter dem falschen Waldemar. 
Berliner Novelle von Ernst mm Eloictzen. 
(Fortsetzung). 
P ipen- es nicht ein Wunder, daß ein Fürst, welcher nenn- 
nndzmanzig Jahre lang verschwunden gewesen war 
und den man in den Grüften von Chorin längst zu Stand 
zerfallen wähnte, leibhaftig wieder zil Lande gekommen war 
und mit dein Schwerte das Erbe seiner Väter wieder ein- 
zimehmen versuchte, welches er um des Gewissens willen und 
zur Strafe für eine gegen die Gesetze der Kirche geschlossene 
Ehe einst freiwillig verlassen hatte? Was gab es nicht zit 
fragen über das, was an Waffenthalen bereits geschehen war, — 
was an Kämpfen und Siegen noch bevorstand? Da floß das 
Bier in Strömen! Und oben tönten nnaufhörlich die Toten 
glocken. Aber forderten auch sie nicht gerade dazu auf, den 
Rest des Lebens in langen, heißen und begehrlichen Zügen aus 
zukosten? Konnte nicht die nächste Stunde schon den Tod 
bringen? Da war es eine wilde, unheimliche Fröhlichkeit, 
welche der Gemüter sich bemächtigt hatte. Hier trank man 
aui kommende Siege und auf die zu verteilende Beute; 
dort verwünschte man mit ungeheuerlichen Flüchen den Feind. 
Hier ließ man den Rat hoch leben, welcher dem rechten Mark 
grafen die Thore geöffnet halte; dort verunglimpfte mau die 
Herren' und besonders den jungen Konrad Rpke, welcher das 
Volk von Berlin verhindert hatte, an den jüdischen Bluthunden, 
wie man sie nannte, Rache zu nehmen. Dort saßen drei 
pairizische Jünglinge beisammen: drei Brüder, genannt Hans, 
Peter und Jakob Holekanne. Aber die hohlen Kannen, ob 
wohl sie deren drei im Wappenschilde führten, mochten sie 
uichi leiden; das bewiesen sie zur Genüge. Sie wünschten den 
xluden Tod und Verderben. Peter Trebus, ein zierlich ge 
kleideter Srandesgenosse derselben, reichte ihnen einen Würfel 
becher hin. „Kommet," nef er, „lasset uns doppeln um die 
vftlden: wer von uns ihnen die Beute abjagen soll!" Und 
Wurf auf Wurf rasselten die Würfel. Jetzt ging's um Moses 
von Prenzlau und Markus von Wittstock, um Schlomann von 
Werben, um Baier von Plauen; jetzt um Baruch von Leipzig, 
um Schimmel (Samuel) von Wusterhausen, um Laib von 
Markede, um Benjamin von Stettin. „Horsa!" rief jetzt einer 
der Zechenden. „Jetzt kommts an Jakobus von Tangermünde!" 
— „Das ist der Reichste!" erwiderte ein anderer. „Machen 
wir zwei Teile, — erst seine Geldsäcke, dann das Jungfränlein, 
seine Tochter, die Perle Israels!" — Hollah!" warf ein 
dritter ein. „Willst Du mit Konrad Rpke fechten um ihren 
Besitz? — Der hat" ja schon Einlager gehalten in des Juden 
Haus und seinen Steinbock zum Schutze der Juden vor der 
Pfone ausgehängt!" Gelächter folgte der Rede. 
Die Ratsherren traten ein; heute beachtete man sie kaum. 
Bald gesellte sich auch Otto von Buch zu ihnen. „Horsa, die 
Dinge find im guten Zuge!" ries er Thilo von Wardenberg 
zu. Der letztere verzog doch etwas den Mund. „Vetter," 
so sprach er, „die wüste Leidenschaft widert mich an. Es 
wäre doch gut, wenn eine starke Hand dem Treiben Einhalt 
geböte." — „Hast Du es vergessen." fragte da der Herr von 
Blankenfelde, „wie die Juden Deinen Vetter, den Junker in 
der Priegnitz, von Haus und Hof gejagt haben? — „Blanken 
felde," erwiderte der Patrizier; „er war leider nur ein schlechter 
Wirt." — „Ei was," entgegnete der Ratmann, „sie haben 
auch manchen guten Mann auf dem Gewissen; die Stunde ist 
da, alles wett zu machen! Doch kommet, laßt uns eine stille 
Ecke suchen — dort sehe ich noch Raum, — und bei gutem 
Weine von andern Dingen reden. Einen fröhlichen Trunk 
auf den Markgrafen Waldemar und das, tvas wir durch 
ihn erlangen ivollen: die hansische Freiheit von Berlin 
und Kölln!"
        
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