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Periodical volume 28. April 1889 Nr, 30

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Das Joachim-Auartelt. 
Von vi-. Kalipclrer. 
t uter den mannigfachen, einzigartigen Besitztümern Berlins 
im Reiche der künstlerischen Schönheit nimmt das 
„Joachimsche Quartett" einen besonders vornehmen Rang ein. 
Wer es genügend erkennt und beherzigt, daß der reine Geist 
der Instrumentalmusik gerade im Streichquartette (Quatuor) 
seinen geweihtesten Ausdruck gefunden hat und stets finden 
wird, der ivird es den außergewöhnlichen berufenen Interpreten 
der hohen Schätze klassischer Quartettmusik nicht genug danken 
können, daß sie durch unermüdliche Vorführung derselben in 
empfänglichen, begeisterten Hörern stets aufs neue den Sinn 
für reinen, hehren, keuschen, idealen Tongeist rvecken und e:u- 
slainmen. Eine solche weihevolle Kunstausgabe erfüllt seit 
Jahrzehnten für Berlin mit ungewöhnlichem Erfolge das 
Joachimsche Quartett. Wie sehr auch jedes echte Quartett die 
Einzelstimmen als einen 
vollberechtigten Faktor in 
der Harmonie des Ganzen 
zur Erscheinung bringen soll, 
wie sehr auch alle vier Ton- 
seelen an der belebten Ent- 
wickelung nitb Durchführung 
selbstbewußten Anteil nehmen 
müssen, so liegt es dennoch 
in der Natur der Stimmen- 
u'bmtiig, daß sich die 
Qmnessenz der musikalischen 
Ideen eines Quartetts vor 
nehmlich durch die erste 
Geige, durch die Oberstimme, 
offenbar macht. Der Träger 
der erster: Violine bildet 
darum in allem Quartett- 
spiel — notz aller Bestre 
bungen nach Eoordination 
der vier Instrumente — 
dennoch das vorzugsweise 
beseelende und beherrschende 
Elernem der künstlerischen 
Genossenschaft. Man hat 
daher wohl ein bestimmtes 
siecht, eine jede Quartettvereinigung ohne weiteres nach dem 
Interpreten der ersten Violinstimme zu berrennen. So sprach 
man in früheren Berliner Musikzeiten vor: einem Möserschen, 
von einem Larrbschen, von einem de Ahnaschen Quartett — 
und so nennt Berlin seit einigen Dezennien das Joachimsche 
umnett sein eigen. — Das Joachimsche Quartett besteht 
Schenwärtig aus den Herren Prof. Dr. Joachim, Prof. 
Heinrich de Ahna, Prof. Emanuel Wirth und Pros, 
-^oderr Hausmann. Zu Anfang seines Bestehens freilich 
verhielt sichs anders. Bald nach Begründung der Königlichen 
Hochschule für Musik mit Pros. Joachim als Direktor wurden 
von diesem die Quartett-Soireen ins Leben gerufen. Neben 
ihm wirkten Prof, de Ahna, Konzertmeister Rapp oldi 
(Viola) und Müller (Eello). Ein erhebendes Beispiel hoch 
herziger Selbstverleugnung gab namentlich Konzertmeister 
de Ahna, der, ein hochangesehener Sologeiger und auf 
einen wohlverdienten Ruhm als Begründer des nach ihm be 
nannten Quartetts zurückblickend, es dennoch nicht unter seiner 
Würde erachtete, hinter Joachim in dem neuen Quartette die 
zweite Violine zu übernehmen. Wie späterhin au Herrn 
Rappoldis Stelle, der einem Ruse nach Dresden folgte, 
Emanuel Wirth, der vortreffliche Virtuose und Meister seines 
Instruments, als Lehrer bei der Königlichen Hochschule eintrat, 
so übernahm er nachmals 
. dessen Platz an der Viola 
im Joachimsche:: Streich 
quartett. Ebenso wurde 
Herr Müller von dem in 
Berliner Konzertkreisen so 
hochgeschätzten Violonrello- 
Künstler Herrn R. Haus 
mann ersetzt. Diese vier 
Herren: Joachim, de Ahna, 
Wirth und Hausinann haben 
sich seil einer Reihe von 
Jahren so wnndersant in 
eiimnder gesundet:: sie ver 
stehe:: es alle so sehr, ihre 
individuelle Meisterschaft auf 
ihren Instrumenten derartig 
in den Dienst der allge 
meinen musikalischen Idee 
zu stellen, daß die ganze 
weite Welt auf diesen: Ge 
biete nichts Ebenbürtiges 
besitzt. Wer da weiß, wie 
namentlich Beethoven die 
allertiefsten xmb aller 
höchste:: Offenbarungen seines 
Genies gerade in seinen Quartetten, zumal in de» fünf letzten, 
großen, niedergelegt har, und wer sich vergegenwärtigt, mit 
welcher unermüdlichen Hingebung dieses Quartett jene hehre 
Hinterlassenschaft des Großmeisters Beethoven den entzückten 
Hörern vorträgt, der kam: nicht müde werden, den Genossen 
dieser schönen Vereinigung stets aus tiefster Seele zu danken 
und ihren unverwelklichen Ruhm mit beredten Worten zu 
verkünden. Mögen sie noch recht lange zum wahren Heile 
reinster Tonkunst so fortwirken. —
        
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