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Periodical volume 28. April 1889 Nr, 30

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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hiefem ungleichen Kampfe ein Ende. Er fragte beit Gre 
nadier: 
„Ob er sich denn unüberwindlich glaube?" — 
Tiefer aber antwortete keck: 
„Ja, Sire, unter Ew. Majestät Anführung!" — 
Der König ging dann auf dein Schlachtfelde umher und 
tröstete die verwundeten französischen Offiziere, welche, gerührt 
durch diese Herablassung, ihn als den vollkommensten Eroberer 
begrüßten, der, nicht zufrieden, ihre Körper bezwungen zu 
haben, nun aitch ihre Herzen erobert hätte. Die Beme der 
Preußen war sehr groß. Es wurden ri. a. 72 Kanonen und 
22 Fahnen genommen, aitch 6220 Gefangene gemacht. Unter 
den Verwundeten aber befanden sich der Prinz Heinrich von 
Preußen uitd der General Sepdlitz. Ich war in Heiligen 
beil, als wir über den Sieg bei Roßbach, bei dem ich jetzt 
etwas venveilt habe, Viktoria schossen. Nach sehr beschwer 
lichen Märschen ging es zu Ansaug Dezember mit meinem 
Regimente endlich über Bestwitz in Preußisch-Pommern nach 
Groß-Reetz. Ich kam mit 40 Mann auf das Vorwerk Forth 
zu stehen, 1 / 2 Meile von Groß-Reetz, wo mein Major 
stand. Er bat mich zu Tische und ließ mir zugleich sagen, 
das; ich für seine Köchin so viel Butter mitbringen möchte, als 
ich für Geld bekommen könnte. Sobald ich nun ineine Leuie 
untergebracht und die Quartiere revidiert hatte, setzte ich mich 
mit 20 Pfund Butter auf einen kleinen Batternwagen und 
fuhr zilin Major. Es regnete gaitz erbärmlich. Ich frug die 
Schildwache nicht, ob der Major Gäste hätte, sonderu nur, 
„wo ich ihn wohl finden könnte?" -— Auf ihren Aus 
weis — durch und durch naß — ein tveißes Tuch mit der 
'Buttes in der Hand, trat ich in die mir bezeichnete Stube ein. 
Ich fand eine Gesellschaft von mehr als 20 Personen bei 
Tische vor. Der Major, sowie er mich sah, ries laut: „Da 
ist Er ja!" 
Wie der Blitz war ich wieder heraus, um den Ueberrock 
abzuziehen und die Butter an die Köchin abzugeben. Dann 
trat ich wieder in die Stube ein. Der Wirt, ein alter Edel 
mann mit einem etwas verstörten Gesichte und einem abge 
tragenen braunen Rock, welcher mit einer goldenen Tresse be 
setzt war, kam mir enigegetl. In dein tiefsten Basse ries er 
sehr laut: „Seien Sie mir-tausendmal willkommen!" nahm 
mich bei der Hand und setzte sich neben mich. Das Gespräch 
bei Tisch war sehr munter. Ich 'sah es dem Kapitän von 
Reibnitz an, wie es ihm große Heiterkeit verursachte, daß der 
Win einmal über das andere zu mir sagte: 
„Seien Sie mir tausendmal willkommen! — Sie sind 
miv ein sehr angenehmer Gast!" — ein Kompliment, welches 
der Kapitän wohl bezweifeln mochte. Nach Tische rvartete im 
Hause der Feldwebel von der Kompagnie auf den Befehl; zu 
diesem sagte unser alter Wirt: „Mach'Er mir meine Pfeife 
rein!" — Der Feldwebel, welcher sich über diese Zumutung 
wunderte, sah mich fragend an. — Ich gab ihm einen Wink, 
er antwortete dem Alten: „Ganz wohl!" 
Während der Zeit, daß seine Pfeife gereinigt wurde, 
neble sich nunmehr der Me in die Hausthür und pfiff. — 
vtü) erzählte diesen Austritt dem Kapitän, der darüber herzlich 
lachte. Da nun die Wirtiil gegen den Major tlnterdessen den 
Wunsch geäußert hatte, „daß ihre Tochter gern die Ka- 
"anen sehen möchte," bat mich der Edelmann, das Fräulein 
üt den Geschützen zu führen. Da der Regen aufgehört hatte, 
so übernahm ich diesen Gang mit Vergnügen. Das Fräulein 
tvar 18 Jahr alt tlnd bildschön. Wer nicht ganz und gar 
ein Dummkopf ist, wird ein Frauenzimmer zu unterhalten 
wohl verstehen, und so gelang das auch mir ganz leidlich. — 
Das Opfer, welches ich der Galanterie brachte, war aber nicht 
klein, da ich das Fräulein auf eine große Distance hin auf 
einem Fußsteg gehen ließ, welcher mit starken Bohlen belegt 
war, und ich selbst nebenher bis an die .Kniee im Kot watete. 
— Sie schien es aber gar nicht zu bemerken, daß sie besser 
ging als ich; mußte nun doch auch etwas geredet werden. 
So fragte ich sie dann: „Haben Sie Herren Brüder in 
der Armee, meine Gnädige, und schreiben sie Ihnen 
fleißig?" — „O ja! — Sie schreiben aber immer um 
Geld, und Mama hat kein Geld und kann selbst nicht 
schreiben. — Der Verlust eines beträchtlichen Pro 
zesses hat nämlich den Vater um sein Vermögen ge 
bracht und etwas schwachsinnig gemacht!" — Da that 
er mir so leid, daß ich nicht mehr, wie der Kapitän bei Tische, 
über ihn lachte, tvenn er sich sonderbar benahm. 
Wir waren jetzt bei den Kanonen angekommen. Nachdem 
ich deren Eigenschaften beschrieben hatte, frug mich das Fräu 
lein: „Wozu wir denn die Kanonen gebrauchten?" 
„Sie müssen uns, meine Gnädige, vor unseren Feinden Frieden 
verschaffen!" erwiderte ich. „O," rief sie, „es wird wohl 
mein Lebtage kein Frieden mehr werden! — Ich 
bin schon daran verzweifelt!" — Darauf konnte ich 
freilich selbst nichts sagen, und da ich an der Unterhaltung 
genug hatte und aus der Reiour gern Anteil an dem Fuß 
steig haben wollte, bat ich sie, einen Augenblick auf der Stelle 
zu verbleiben. Ich ries nun einen Soldaten heran, der mir 
meine Stiefel rein machte, und brachte das liebe Fräulein 
ohne Schaden zu der Frau Mama, gegen die sie mich sehr 
lobte, und welche sich bei mir bedankte. Ich mußte wieder 
zum Major kommen, fuhr aber gegen Abend nach Hause. 
Den 4. ging der Marsch zehn Tage lang über Stolzen 
berg, Hohen-Schönau u. s. w. mit nur zwei Ruhetagen bis 
Bobblin weiter. Wegen Weg, Wetter und Distance war dieser 
Marsch äußerst beschwerlich. Da ich hinten die Kompagnie 
schloß, ward ich nur zu sehr gewahr, daß die Leute anfingen 
marode zu werden. Ich ritt daher nach vom zum Kapitän, 
meldete es ihm und sagte dabei: 
„Daß, wenn er es erlaubte, ich mich unterstände, die 
Kompagnie völlig wieder zu sammeln." Er antwortete mir: 
„Wie wollen Sie das machen?" — „Haben Sie nur 
die Güte, und marschieren Sie vorne ganz sachte!" sagte 
ich ihm. Dann nahm ich den Feldwebel und noch drei andere 
Mann, welche Violinen halten, auch einige von den Soldaten, 
die Sänger waren, und stimmte ein plattdeutsches Hochzeits 
lied an. Der erste Zug mußte bei Schluß eines jeden Verses 
als Refrain singen: „Hoho, hoho! — Hoho, hoho!" 
Das wirkte überaus anregend; ich wurde von dem allge 
meinen Vergnügen und dem lauten Gelächter, welches dieses 
Lied verursachte, oft unterbrochen. Ich hielt an, bis alles still 
war, und kommandierte: „Still, still!" — Alsdann schrie 
Alles: „O weiter, Herr Leutnant, nur weiter!" — 
(Fortsetzung folgt.)
        
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