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Periodical volume 28. April 1889 Nr, 30

Full text: Der Bär Issue 15.1889

--Z 369 fr 
Umgebung auf dem Rathause; bort verhandelte er mit den 
Ratleuten, den alten itnd den neuen.*) 
Als die Sonne zur Rüste ging, war die denkwürdige 
Urkunde vom Tage St. Matthäi des Evangelisten, dem 
21. September des Jahres 1348, vollzogen. Woldemar erließ 
als Gnadenbezettgung den Bürgern beider Städte die Abgabe 
von je 4 Pfennigen für den Mispel Getreide, welchen sie zum 
Mahlen in die landesherrlichen Mühlen zwischen Berlin und 
Kölln zu bringen pflegten, sowie alles, was sie für die einzelnen 
Scheffel bis dahin über das rechte Maß an Abgaben entrichtet 
hatten. Er versprach, die Städte und die begüterten Geschlechter 
in allen ihren Lehen, geistlichen wie weltlichen, zu beschützen, 
und verlieh dem Rate das Eigentum des netten Hofes, eines 
Vorwerkes, welches von der alten markgräflichen Burg, dem 
hohen Hause, atts in der Feldmark von Berlin gegründet 
worden war. 
„Und wie wollen Ew. Gnaden es halten mit dem Schaden 
ersatz für jenen Brand, der gestern Nacht entstanden ist, als 
wir die Bauern vertrieben vom Kalandshose?" fragte ein 
Blankenfelde. „Um Euretwillen, Herr, sank der Stadt Gut 
in Asche." 
„Darüber laßt uns reden," erwiderte der Fürst, „wenn 
der Sieg erfochten ist. Ich danke Euch für Eure Treue und 
Wachsamkeit, und meine Gnade ist Euch gewiß. In der 
sichern Hoffnung, Ettch voll und ganz dereinst entschädigen zu 
können, rufe ich hettte vorerst noch Eure Hilfe au. Mein 
Heer bedarf auch des Soldes. Schreiber, nennet mir die 
Betrüge, welche wir an unser Gefolge zu zahlen halten." 
„Der Fürst von Anhalt," erwiderte der jmtge Geistliche, 
welcher den Dienst eines Schreibers versah, „erhält 140 Pfund 
und 4 Schillinge, die gnädigen Herzöge zu Sachsen 208 1 /., 
Pfund und o 1 / 2 Schillinge, der Graf uon Barby 48^ Pfund." 
„Ich bitte Euch, diese Summen mir darzuleihen!" fuhr 
der Fürst fort. 
Thilo von Wardenberg blickte ernst auf beit Kämmerer 
des Rates. Ter aber zitckte die Achseln und erwiderte: 
„Gnädigster Herr; auch nicht die Hälfte jenes Geldes ist in 
unseren Kassen." 
„Ich bedarf der Summen gleichwohl bis morgen Abend!" 
sprach Woldemar. 
„So werden wir sie schaffen, Herr!" rief endlich der 
Münzmeister Otto von Buch. „Doch was fetzen Ew. Gnaden 
den beiden Städten zum Pfande?" 
„Die Bede und das Bedekorn auf dem Teltow mit Ein 
schluß der Dörfer des ritterlichen Ordens von St. Johann, 
sowie die gleichen Abgaben vom Barnim und den Ertrag des 
Waldes Stitbnitz!" erwiderte Woldemar. „Hier find die 
Briefe." 
„Es genügt, Herr!" sprach Otto von Buch. Wir schicken 
Ettch das Geld aufs hohe Haus, mein gnädiger Herr."**) 
„Mein ander Ersitchen an Euch," nahm Woldemar 
iviederum das Wort, „bezieht sich auf die Heeresfolge der 
Stadt. Herr Ludwig von Bayern hat sich an der Oder ver 
schanzt; wie wir hören, will er sich einschließen in Frankfurt. 
Wir bedürfen einer starken Mannschaft. In wenigen Tagen, 
ja vielleicht schon am Dienstag, gedenken wir aufzubrechen, 
*) Ständige Bezeichnung des Rates der Stadt. 
**) Nach den Urkunden. 
dem Feinde entgegen. Ist das Aufgebot von Berlin und 
Kölln bereit, mir zu folgen?" » 
„Zu jeder Zeit und Stunde!" rief Thilo von Wardenberg. 
„Unsere Jünglinge ziehen mit Euch, hoher Herr, um unter 
Euren Fahnen und dem alten siegpraugeuden roten Adler sich 
Lorbeern zu erringen." 
„Ich danke Eurer Treue und Ergebenheit!" entgegnete 
Woldemar. „So seid denn in Gnaden entlassen, ihr Männer 
von Kölln und Berlin. Es ist schwere Zeit, haltet die Treue! 
Die Geißel des Himmels schlägt dieses Land um vieles 
Frevels willen, der hier geschehen ist. Man sagte mir, Ihr 
hättet, während ich im heiligen Lande die Last der Gefangen 
schaft trug, die Diener der Kirche erschlagen. Kehret um von 
solchem Wege! Höret Ihr den feierlichen Ton? Die Glocke, 
die einem Sterbenden den letzten Gruß zuruft, und deren Töne 
die Seele emportragen vor ihren Richter, sie predigt Euch 
Buße. Nur aus dieser Saat kann die goldene Frucht einer 
besseren Zeit emporwachsen. Wo aber Märker zu ernsten 
Dingen sich zusammengefunden haben, — was, meine Ge 
treuen, soll da das erste, — was das letzte Wort sein? Kein 
anderes als der Ruf: „Hie gut Brandenburg alleweg!" 
Mächtig klang das Hoch von den ehrwürdigen Wänden 
des Rathauses zurück. Dann geleiteten die Herren und die 
Volksmenge den Fürsten nach dem hohen Hause, zu welchem 
er Roß lind Rüstung vorausgesendet hatte. Nltr Thilo von 
Wardenberg, Otto von Buch und der Ratsherr von Blanken 
felde blieben ans dem Berliner Rathause zuriick. 
„Er ist ein Schwärmer!" sprach Otto von Buch, als die 
Herren allein waren. „Ein Betrüger aus niedrigenBeweg gründen 
gewiß nicht! Tauscht mich nicht alles, so ist es ein geistlicher 
Herr, welcher die Welt bessern und erneuern will." 
„Undankbare Ausgabe!" lächelte Thilo von Wardenberg. 
„Indessen, was verschlägts, Ihr Herren? Wenn wir nur 
groß und mächtig werden und mit uns unsere Stadt! Es ist 
ein schöner Anfang heut'; sein Pfand wiegt den Wert des 
erbetenen Geldes dreimal aus. Wie aber gedenket Ihr die 
Summen zu schassen, Otto von Buch? Unsere Kasse kann sie 
nicht zahlen." 
„Keinen Pfennig steuert die bei!" ries der Münzmeister 
der Städte. „Ihr seid doch einverstanden mit dem, was ich 
thue? Ich lasse sogleich durch den Ratsboten die Häupter 
der Juden znsammenrttsen. Von Ihnen, Ihr Herren, hab' 
ich die Kunst gelernt, mit fremden Rossen zu pflügen." Der 
Herr von Buch strich sich lachend den langen glänzenden Bart, 
welcher ihm bis aus den Gürtel hinabreichte. „Indessen, 
lieben Freunde: Venite, exsultemus domino! Ich werde 
dem Ratsboten befehlen, mir zilr Abendglocke die Juden hier 
her zu bestellen. Erwartet mich int Ratskeller. Ich denke, 
ein guter Trunk kann nach dem Tage nicht schaden; er schützt 
auch vor der Seuche! Gehet voran, ich komme nach!" 
Int Ratskeller zu Berlin ging es an Woldemars Einzugs- 
tage stürmisch her. Das fremde Kriegsvolk, die Herren und 
Junker vornehmlich, welche dem Markgrafen Woldemar gefolgt 
waren, saßen schon lange bei dem guten Biere und suchten 
sich für lange Wochen der Entbehrung zit entschädigen. Aber 
auch Bürger von Berlin waren in Menge zu diesem Orte der 
Fröhlichkeit gekommen. Was gabs von den Kriegern nicht 
alles zu hören! 
(Fortsetzung folgt.)
        
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