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Volume 21. April 1889 Nr, 29

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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Ahnfrau, der liebenswürdigen und frommen Luise von 
Oranieu, der würdigen Gemahlin des Großen Kurfürsten, 
ähnlich werden." 
„Da habe ich Ihnen, geliebter Vater, meine ganze Galerie*) 
vorgeführt. Sie werden sagen: Das ist mal eine in ihre 
Kinder verliebte Mutter, die an ihnen nur Gutes siehet und 
für ihre Mängel und Fehler keine Augen hat. lind in Wahr 
heit, böse Anlagen, die für die Zukunft besorgt machen, finde 
ich an allen nicht. Sie haben, wie andere Menschenkinder, 
auch ihre Unarten; aber diese verlieren sich mit der Zeit, so 
wie sie verständiger werden." 
Ueber die Erziehung ihrer Kinder äußert sich in dem 
selben Briefe die Königin in verständnisvollster Weise also: 
„Umstände und Verhältnisse erziehen den Menschen, uitb 
für unsere Kinder mag es gut sein, daß sie die ernste Seite des 
Lebens schon in ihrer Jugend kennen lernen. Wären sie im 
Schoße des Ueberflusses und der Bequemlichkeit groß geworden, 
so würden sie meinen, das müsse so sein. Daß es aber anders 
kommen kann, sehen sie an dem ernsten Angesicht ihres Vaters 
und an der Wehmut und an den öfteren Thränen der Mutter. 
Besonders wohlthätig ist es dem Kronprinzen, daß er das Un- 
glück schon als Jüngling kennen lernt; er wird das Glück, 
wenn, wie ich hoffe, künftig für ihn eine bessere Zeit kommen 
wird, um so höher schätzen und um so sorgfältiger be 
wahren." — — 
„Erhält Gott uns die Kinder, so erhält er meine besten 
Schätze, die niemand mir entreißen kann. Es mag kommen, 
was da will, mit und in der Vereinigung mit unseren 
Kindern werden wir glücklich sein!" 
Ein anderes Mal (März 1808) schrieb die hohe Frau, 
ebenfalls an ihren Vater, in Bezug auf ihr erst vor kurzem 
geborenes Töchterlein Luise: 
„Meine kleine Luise ist wirklich ein Engel. Sie ist ordent 
lich schön und so ruhig wie man sich die Verklärten denkt. 
Ihr Blick ist süß und schön, — ihre Züge fein und angenehm — 
mit einem Worte, sie ist göttlich. Gott wolle sie uns erhalten." 
Noch etwas früher (Oktober 1807) äußerte sie sich in 
einem Briefe an ihren Bruder Georg, den damaligen Erb 
prinzen von Mecklenburg-Strelitz, folgendermaßen: 
„Du forderst Nachrichten von meinen Kindern: sie sind 
alle lieb und gut. Fritz giebt die schönsten Hoffnungen, sein 
Herz ist gut und voll Geist und Wißbegierde; nur seine Ma 
nieren sind noch detestables, und erfordern all' meine Strenge 
und Aufmerksamkeit; denn das Aeußere hat gar zu viel Zu 
sammenhang mit dem Innern. Wer lieber mit dem Ellen 
bogen stößt als mit der Hand sanft und höflich (nach Um 
ständen) schiebt, um etwas hinweg zu räumen oder 
jemand aufmerksam zu machen u. s. w.. der hat etwas ähn 
liches in seinem Gemüt, welches eine schöne Harmonie des 
Innern eben so unangenehm störet als ein Anstoß der 
Grazie äußerlich das Auge verletzt. Glaube mir, George, 
ich habe recht darüber nachgedacht unb geprüft. Fritz empfindet 
sehr lebhaft; als ich von Tilsit zurückkam, sagt ich ihm sehr 
bewegt: „Ich will Dir einmal recht umständlich erzählen, 
welches große Opfer ich dem Könige, meinen lieben Kindern 
und dem Lande gebracht habe, es hat mir viel Kraft gekostet, 
*) Das jüngste Kind, Prinz Albrecht, war zur Zeit der Abfassung 
dieses Briefes noch nicht geboren. 
aber Euer Glück war mir lieber, es ist mir alles —", da 
fing er so an zrr weinen, daß er sich den ganzen Abend nicht 
erholen konnte und ganz in sich gekehrt war. Er muß früh 
lernen, Opfer, von anderen gebracht, zu würdigen, damit der 
Entschluß mit ihm wachse und reise, auch Alles zu thun, was 
recht ist. Wilhelm auch klug und gut, immer körperlich 
schwächlich. Charlotte rein wie Gold, gut, sanft, lustig, so daß 
St. Luisens hupte-Teusselchen mir manchmal einfällt. 
Carl so eine Art ivie Fritz, nur jetzt durch der Bock ihre Auf 
merksamkeit schon gehobelter als er. Ich und der König nennen 
Alexandrine la petite autocrate, denn sie hat so etwas 
Dezidiertes und Närrisches als möglich." — 
Nach so beredten Zeugnissen von dem mütterlichen Walten 
der hohen Frau verzichten wir daraus, weitere Züge anzuführen, 
die uns ihre treue Hingebung an das Wohl ihrer Kinder be- 
weisen, von denen mit Recht gesagt ist, daß sie für sie fast 
die einzigeil Sterne an dem umwölkten Himmel des Vater 
landes geivesen. 
Das Heim des deutschen Kaiserpaares in dem 
Königlichen Schlöffe ;u Berlin. 
. Von C. Inffnel. 
(Fortsetzung.) 
W leine Reliefs enthalten symbolische Darstellungen der 
Tugenden des Kaiserlichen Herrn, Gerechtigkeit und Tapfer 
keit (Salomos Urteil, Herrscher im Siegeswagen), unb seiner 
erlauchten Gemahlin, Wohlthätigkeit und Demut (eine Gaben 
spendende Fürstin, Anbetung der drei Könige). So wie alle 
Räume des Kaiserlichen Heims wird auch der Speisesaal von 
elektrischem Licht erleuchtet. Aus den Pilastern der Wände 
blühen aus Kupfer und Messing getriebene Sträuße von Feuer- 
lilien hervor, die in ihren Kelchen die Glühlampen, insgesamt 
72, bergen. 
Die eine der Thüren an der Südwand des Speisesaales 
gestattet den Zutritt in das Empfangszimmer der Kaiserin, 
zu welchem der obenerwähnte Durchgang den Zutritt vom 
Pfeilersaal und von der Nebenlreppe her vermittelt. Dieses 
mit fürstlichem Glanze auszustatten, war ebenfalls Aufgabe 
unserer Künstler, welcher sie sich mit ausgesuchtestem Geschmack 
entledigten. Die alten niedrigen Paneele und die Fenster 
laibungen aus rotbraunem und grauem Marmor wurden be 
lassen; resedagrüne Seidendamasttapelen bekleiden die Wand 
flächen bis au das reiche, vergoldete Gesims, über welchem 
die vom Bildhauer Otto Lessing ausgeführte Decke im Schlüter- 
scheu Stil sich lagert. Im Glanze des Goldes hebt sich das 
perspektivische Relief der mit architektonischen Formen spielen 
den Modelliennrg von der dahinter gemalten Luft ab. Irr den 
Ecken halten Genien Cartorrchen mit dem verschlungenen V. 11. 
Ueber diesen bauen sich kapellenartige Gebilde auf, deren Nischen 
die Allegorieen der weiblichen Tugenden enthalten. An den 
Längsseiten stützen knieende Männergestalten, zwischen welchen 
sich kleine Reliefs mit Kindergruppen einschalten, den weiteren 
Aufbau; an den Schmalseiten heben Putten den Vorhang von 
farbenprächtigen Malereien hinweg, welche nach Raffaelschen 
Gobelins „Jesus bei den Fischem" und „Jesus, den Lahmen 
heilend" darstellen und vom Maler Koberstein ausgeführt sind. 
Das Rund einer Ballustrade bildet den inneren Abschluß dieses
	        
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