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Periodical volume 21. April 1889 Nr, 29

Full text: Der Bär Issue 15.1889

Wachen angehalten und mit Beschlag belegt morden waren, 
schien Else zwar an des Vaters lauter Entrüstung teilzunehmen; 
gleichwohl aber war sie in tiefster Seele froh, als Stresow 
hoch und teuer beschwor, nimmer wieder in die Stadt zurück- 
kehren zu wollen, in welcher solche Ungerechtigkeiten möglich 
wären. 
Bange Tage nun und Nächte! Als dann die neue 
Hiobsbotschaft bekannt wurde, daß der Herzog von Württemberg 
mit deni Reservekorps am 17. bei Halle von Bernadotte ge 
schlagen worden war, gaben selbst die Vertrauensseligsten die 
Hoffnung auf, und als man dann gar durch Boten erfuhr, 
daß die Spitzen des Davoust'schen Korps etwa am 23. in 
Trebbin zu envarten sein würden, bedeckten sich die Wege 
mit Flüchtigen, welche mit ihrer Habe weit abgelegene Orte 
oder das unzugängliche Waldesdickicht aufsuchten. 
Auch aus den Dörfern Schönhagen und Stangenhagen 
flohen viele Bewohner. Sie trieben ihr Vieh nach der Heide 
und beschlossen, dort abzuwarten, wie sich die Franzosen als 
Sieger benehmen würden. 
Stresow folgte diesem Beispiele nicht. Er hatte zwar 
sein Vieh gemeinsam mit demjenigen der Nachbarn in den 
Busch getrieben; allein er blieb bei seiner Meinung: „Wir 
liegen hier eine starke Meile abseits der großen Straße und 
werden keinen Franzosen zu sehen bekommen. Ueberdem werden 
sie mich nicht gleich fressen. Du aber, Else, versteckst dich 
sicherer hier auf dem Boden, als draußen im Busch, wo dich 
leicht einer finden könnte, der in meinen Augen gefährlicher 
ist, als ein Franzose. Nicht umsonst umschleicht Bratz wieder 
niein Haus." 
Da hielt denn auch Else nicht hinter dem Berge, daß sie 
Bratz gesprochen hatte. Er habe ihr, so sagte sie, von neuem 
bewiesen, daß man sich auf ihn verlassen könne; denn er habe 
ihr und dem Vater für den Fall der Not eine sichere Unter 
kunft in einer Art Jagdhütte mitten in dem unzugänglichen 
Riebener Fenn angeboten. 
Stresoiv fuhr auf diese offene Erklärung hin wütend 
mit der Frage auf sie ein: „Nicht wahr, — auch ich soll mich 
zum Mitschuldigen dieses Wilderers machen, um später gänz 
lich in seiner Hand zu sein? — Daraus wird nichts! Lieber 
gebe ich meinen letzten Thaler an die Franzosen hin, als das; 
sich dieser Thunichtgut und Habenichts dereinst als dein Mann 
von meinen: Gute mäste!" 
So kam es, daß Stresow auch am 23. aus seinem Hose 
verblieb, obgleich seine Knechte und Mägde bis aus eine alte 
Köchin und einen lahmen Jungen nach und nach verschwunden 
waren. So kam es ferner, daß Else gegen Abend, mit dem 
Vater entzweit, an ihrem Spinnrocken saß und mit einer 
melancholischen Weise das Summen des Rades begleitete. 
Dann und wann warf das junge Mädchen einen trüben 
Blick aus dem Fenster. Dort nach Südwesten zu lag Rieben, 
wo er wohnte, der dein Vater so wenig galt. Was würde 
Bratz thun, wenn er aus ihres Vaters Munde je Worte ver 
nähme, wie sie dieselben gehört? — Unruhig sprang die an 
mutige Spinnerin von ihrem Rocken auf. 
Der Väter hatte soeben das gemeinsame Wohnzimmer 
verlassen. War es recht gewesen, daß sie ihm gegenüber 
geschwiegen? 
(Fortsetzung folgt.) 
Königin Luise und ihre Kinder. 
(Siebe Illustration.) 
Während wir demnächst eine Reihe von Briefen aus der 
Feder der hochseligen Königin Linse zu veröffentlichen gedenken, 
welche bisher dem Druck noch nicht übergeben sind, erlaben 
wir uns für diesmal nur an dem Mutterglück der hohen Frau. 
Dasselbe ist von ihr selbst in so ergreifender Weise ge 
schildert, daß es fast eine Vermessenheit iväre, ivollten wir uns 
anderer Worte dazu bedienen, als ihrer eignen. 
Allgemein bekannt ist, welch' schönes Denkmal die Königin 
ihren Kindern in dem Briefe gesetzt, den sie im Mai 1809 
an ihren Vater, den Herzog Karl von Mecklenburg-Strelitz, 
schrieb. So oft man diese Worte auch schon gelesen hat, man 
liest sie immer wieder gern aufs neue. Die Königin Luise 
schrieb damals: „Unsere Kinder sind unsere Schätze, 
und unsere Augen ruhen voll Zufriedenheit' und Hoffnung auf 
ihnen. Der Kronprinz ist voller Leben und Geist. Er hat 
vorzügliche Talente, die glücklich entwickelt und gebildet werden. 
Er ist wahr in allen seinen Empfindungen und Worten, und 
seine Lebhaftigkeit macht Verstellung unmöglich. Er lernt mit 
vorzüglichem Erfolg Geschichte, und das Große und Gute zieht 
seinen idealischen Sinn an sich. Für das Witzige hat er viel 
Empfänglichkeit, und seine komischen, überraschenden Einfälle 
unterhalten uns sehr angenehm. Er hängt vorzüglich an der 
Mutter, er kann nicht reiner sein als er ist. Ich habe ihn 
sehr lieb und spreche oft mit ihm davon, wie es sein wird, 
wenn er einmal König ist." 
„Unser Sohn Wilhelm (erlauben Sie, ehrwürdiger Groß 
vater, daß ich Ihre Enkel nach der Reihe Ihnen vorstelle) wird, 
wenn mich nicht Alles trügt, wie sein Vater: einfach, bieder 
und verständig. Auch in seinem Aeußeren hat er die meiste 
Aehnlichkeit mit ihm; nur wird er, glaube ich, nicht so schön. 
Sie sehen, lieber Vater, ich bin noch in meinen Mann verliebt." 
„Unsere Tochter Charlotte macht mir immer mehr Freude; 
sie ist zivar verschlossen und in sich gekehrt, verbirgt aber, wie 
ihr Vater, hinter einer scheinbar kalten Hülle ein warmes, teil 
nehmendes Herz. Scheinbar gleichgültig geht sie einher, hat 
aber viel Liebe und Teilnahme. Daher kommt es, daß sie 
etwas Vornehmes in ihrem Wesen hat. Erhält sie Gott am 
Leben, so ahne ich für sie eine glänzende Zukunft." 
„Karl ist gutmütig, fröhlich, bieder und talentvoll; körper 
lich entwickelt er sich ebenso gut als geistig. Er hat oft naive 
Einfälle, die uns zum Lachen reizen. Er ist heiter und witzig. 
Sein unaufhörliches Fragen setzt mich oft in Verlegenheit, weil 
ich es nicht beantworten kann und darf; doch zeugt es von 
Wißbegierde, — zuweilen, wenn er schlau lächelt, auch von 
Neugierde. Er wird, ohne die Teilnahme an dem Wohl 
und Wehe anderer zu verlieren, leicht und fröhlich durchs 
Leben gehen." 
„Unsere Tochter Alexandrine ist, wie Mädchen ihres 
Alters und Naturells sind, anschmiegend und kindlich. Sie 
zeigt eine richtige Auffassungsgabe, viel Verstand, eine lebhafte 
Einbildungskraft und kann oft herzlich lachen. Für das 
Komische hat sie viel Sinn und Empfänglichkeit. Sie hat An 
lage zum Satirischen und siehet dabei ernsthaft aus, doch 
schadet das ihrer Gemütlichkeit nicht." 
„Von der kleinen Luise läßt sich noch nichts sagen. Sie 
hat das Profil ihres redlichen Vaters und die Augen des 
I Königs, nur etwas heller. Sie heißt Luise; möge sie ihrer
        
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